Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Daß die Begeisterung für die jüdische Sache seiner iNatur nicht fremd war, zeugen schon seine Jugendträume. So gerät der 15jährige Ferdinand in Begeisterung über den Gedanken an die jüdische Unabhängigkeit und schreibt in seinem Tagebuche: „Ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Zereiiionialgesetz zu achten. Ich könnte . . . mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst das Schafott nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumereien nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden mit den Waffen in der Hand sie selbständig zu machen." Franz Mehring spottet zwar in seiner tendenziösen Darstellung der „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie" über dieses „theatralische Makkabäertum", das für ihn nur Beweis der „junkerhaften Faulheit und Liederlichkeit" ist. Aber wir erkennen drin vielmehr das Zittern der jüdischen glühenden Seele, die dem frühreifen schwärmerischen Jüngling in einem Momente jüdischen Leides tollkühne Gedanken abtrotzt. Die jüdische Seele bäumt sich in ihm auf und zwingt ihn, dem Gymnasium den Rücken zu kehren, als er da wegen seiner Abstammung Unannehmlichkeiten zu erdulden hat und sie ohne Rache nicht erdulden will. Seine jüdische Seele erbebt nochmals in spätem Jahren, als er unter der Wucht der Verleumdungen von Damaskus, in heftigen Worten die Feigheit seiner gedrückten Mitbrüder brandmarkt,— wie uns Ähnliches erst unlängst der Hausarzt der Familie Herzl von der Empörung Theodors über den Wiener Gassenantisemitismus und die schweigende Ergebenheit des österreichischen Judentums zu erzählen wußte. Allein über diese sentimentalen Ausbrüche ist Lassalle in seinem jüdischen Empfinden nicht hinausgekommen; seine Tatenträume blieben, wie so häufig, Schäume. Nur ein Vorhaben seiner Jugend hat er ganz in Wirklichkeit umgesetzt: das Bestreben, — das übrigens auch unsern Führer seit der frühesten Jugend beschäftigte, — sich dem schriftstellerischen Berufe zu widmen. „Der Arzt wie der Advokat, — erklärte er seinem Vater, — sind Kaufleute, die mit ihrem Wissen Handel treiben. Er aber wolle sich dem publizistischen Fache widmen. Jetzt ist die Zeit, in der man um die heiligen Zwecke der Menschheit kämpft." Die schriftstellerische Tätigkeit war es auch, die ihn an die Spitze der Arbeiterbewegung brachte. Lassalle [ist nicht, wie z. B. der frühere Drechslergehilfe, Bebel, — aus der Tiefe der arbeitenden Klassen hervorgegangen; als Sohn des Breslauer reichen Großkaufmanns kannte er nicht aus eigener Erfahrung das Elend des Volkes; theoretisch nur und von feinfühligem Instinkte geleitet, entwickelte er sein Verständnis für die Bedürfnisse des Proletariats. In seinen wissenschaftlichen Schriften, wie im „System der erworbenen Rechte", in seinen Vorträgen: „Über Verfassungswesen" und „Arbeiterprogramm", und selbst in seinem Drama: „Franz von Sikkingen" bricht er eine Lanze zugunsten der freiheitlichen Regungen des Volkes, aber über die Grenzen der Theorie hinaus bis zur Schwelle der Taten wollte er den Schritt nicht machen. Sein Tatendrang pochte indes in seinem Busen, mit dem Schriftsteller und Denker rang der Führer und Politiker, aber immer war es der Schreibtisch, der den Sieg über die Kongreßtribüne davontrug. Bis endlich Lassalle, von dem Einflüsse des politischen Momentes: des Kampfes zwischen der konservativen Regierung und der Fortschrittspartei bewältigt, sein „offenes Antwort* schreiben" in die Welt hinausschickte und Jidurch sein künftiges Schicksal besiegelte. Auf Grund dieser Flugschrift, in der er den Arbeiterstand zur Begründung seiner selbständigen Partei aufmunterte, wurde er von den bereits existierenden Arbeitervereinen, speziell vom Komitee in Leipzig aufgefordert, auch praktisch seine Fähigkeiten der Arbeitersache zu widmen. Und Lassalles politische Rolle nahm ihren Anfang. Beginnt nicht ganz auch auf dieselbe Weise die zionistischeLebensgeschichteunseresMeisters dermit dem jüdischen Leben gar wenig verwachsen, hie und da nur feuilletonistisch die Judenfrage streift und seinem Mitleid mit den Armen Ausdruck gibt, und erst im Gewitter des Dreyfussturmes sich auf sich selbst besinnt, theoretisch bloß, mit der Absicht, sich zu seinem Schreibtische zurückzuziehen, sein jüdisch-nationales Credo ablegt, das Streben nach einem Judenstaate predigt, und endlich zufolge dieses öffentlichen Glaubensbekenntnisses von den einzelnen Gruppen, vorzugsweise von der Wiener Vereinigung angegangen wird, das Steuer der Partei zu übernehmen? Im'Mai 1863 fand die erste Zusammenkunft der Delegierten der deutschen Arbeiterkomitees statt, und es war selbstverständlich, daß Lassalle die Präsidentenwürde übernehmen sollte, die er auch bis an sein Lebensende bekleidete. Und mit dieser Würde vereinigt sich nunmehr für ihn eine kurze, aber unermüdliche und aufreibende Tätigkeit im Dienste und zum Nufzert der Bewegung. Wir erwähnten oben, daß vor ihm schon Vereine mit ungefähr identischen Bestrebungen zur Wahrung der Arbeiterrechte bestanden haften. Aber was Lassalle diesen Vereinen gab, war die einheitliche Organisation; den Bestrebungen verlieh er einen Schwung, und durch groß angelegte Versammlungen, die gewissermaßen eine Heerschau bildeten, übte er eine gewaltige Agitation nach außen. — Und das Hauptgewicht für die Stärkung der Organisation legte er auf ein Element, und zwar die Disziplin. Er verlangte unbedingtes Zutrauen; wer ihm, —insbesondere in Fragen der Taktik, — sich widersetzte, den suchte er einfach beiseite zu schieben. Die Arbeiter jedoch schenkten ihm tatsächlich ihr unbedingtes Vertrauen und huldigten ihm in unverbrüchlicher Treue, wenn ihn auch Mißhelligkeiten und Meinungskonflikte mit seinen Getreuen doch nicht ganz verschont haben. Speziell in der allerletzten Periode seines Lebens nahmen diese Mißhelligkeiten, die fast an Mißtrauen zu grenzen begannen und von „Verleugnung der obersten Grundsätze" sprachen, einen starken Anlauf; Vahlteich, York und die Solinger Schleifer lehnten ihren oppositionellen Geist gegen die „regierungsfreundliche" Gesinnung Lassalles auf. Diese Streitigkeiten zehrten an seiner Gesundheit. Er hegte den Wunsch, sich von der Leitung zurückzuziehen und klagte seinem Freunde, dem alten Freiheitskämpfer Becker „seine Macht sei aufgerieben und er müsse Einhalt tun". Trotzdem blieb er bis zu seinem letzten Atemzuge auf seinem Posten, und selbst wenige Wochen vor seinem Tode mußte er in Rigi-Kaltbad, wo er zur Erholung und Erfrischung seiner zerrütteten Gesundheit weilte, die ihm so notwendige Ruhe Parteigeschäften opfern und Schriftstücke, betreffend den nächsten Arbeiterkongreß, abfassen.