Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 30 ,= die: Ländern verschiedener Kultur, verschiedener Zunge, verschiedener Gesittung wohnen, ist es natürlich, daß der Verlust eines hervorragenden Juden nicht überall in der gleichen Weise empfunden wird, wenn seine Verdienste nur einem beschränkten Kreise, vielleicht nur seinem Wohnlande oder seiner Geburtsstadt zugute kamen. Wenn aber sein Lebenswerk nicht den Juden eines einzelnen Landes, sondern den Juden aller Länder galt, wenn seine Bedeutung darin bestand, daß er die geistigen Komplexe des gesamten Judentums umgestaltete, neue Hoffnungen und neue Ideale schuf, so müssen wohl die Empfindungen, die der Verlust eines solchen Mannes hervorruft, gleich schmerzliche in jedem Lande sein. So war es auch an dem Tage, dessen Yiederkehr wir diese Woche begangen haben, an enern Tage, da Theodor Herzl die Augen schloß. Im Leben anderer Völker reichen sechs Jahre reichich hin, um den Schmerz über den Verlust eines Großen;u mildern, da der Posten, auf dem er stand, wieder \ 011 einem andern eingenommen wurde, und das Leben ler Nation 3ich in ruhiger Weise fort entwickelt. Sechs Jahre, sollte man meinen, müßten auch beim jüdischen Volke genügen, bei einem Volke, welches mehr als cdes andere mit Leid und Schmerz vertraut ist. Wenn nan aber an den Sterbetag des Mannes denkt, dem s zu danken ist, daß das Leben des jüdischen Volkes öllig revolutioniert wurde, der es aus dem Strudel erettet hat, in dem es hilflos trieb, der ihm die Idee einer Selbstbefreiung gegeben hat — können da sechs ahre genügen? Vielleicht genügen sie nicht einmal, n uns den Verlust ermessen zu lassen, den wir durch was frühzeitige Ableben Herzls erlitten haben. In diesen sechs Jahren haben wir gelernt, oder sollten es gelernt haben, daß es nichts nützt, sich dem Schmerz und dem Klagen, so oft der Todestag wiederkehrt, willenlos hinzugeben. Was uns dieser Verlust lehrt, ist, daß wir danach streben müssen, die Lücke auszufüllen. Das ist, so scheint es, unmöglich. Aber zu versuchen, einen Verlust zu ersetzen, so groß er auch sein mag, ist nie unmöglich. Ihn wirklich zu ersetzen, mag unmöglich sein. Indem wir nun all unsere Energie für diesen Zweck vereinen, schaffen wir Nutzen für uns selbst und für unsere Sache, einen Nutzen, der mit dem Erfolge unserer Arbeit wächst. Wenn ein zerstreutes, überallhin versprengtes Volk, das in fast allen Ländern in schwerer Frohn lebt, den Führer verliert, der ihm den Weg zur Freiheit gewiesen hat, so ist es seine Pflicht, so weiter zu arbeiten, als wenn es nichts verloren hätte. Der Tod des Führers legt ihm die Pflicht auf, die Energie zu verdoppeln, die es, als er noch lebte, aufgewendet hat. Es ist wahr: der führende Geist, der starke Wille ist geschwunden. Aber mit solchen Unglücksfällen muß jede große Nation in dem Prozeß ihrer Wiedergeburt rechnen. Theodor Herzl hat nicht für einen Teil seines Volkes gewirkt, sondern für die ganze Judenheit. Aber nicht die ganze Judenheit erinnert sich an seinen Todestag, an sein Leben und Streben. Wir Zionisten haben die Pflicht, nicht nur den Namen Herzl's zu ehren, sondern alle unsere Brüder dahin zu bringen, daß sie sein Andenken in demselben Sinne feiern, wie wir dies tun. Das ist unsere Pflicht, die wir nicht nur dem Menschen Herzl, sondern der in ihm verkörperten Idee gegenüber zu erfüllen haben. Nicht die zeremonielle Huldigung, die wir unserm verstorbenen Führer zollen, wird auf JKE LT * 727 unsere Qegner Eindruck machen, sondern der Elan, die zielbewußte Entschlossenheit, die Energie, mit der wir seine Idee verfechten, sein Lebenswerk fortsetzen. Die Zukunft des Zionismus wird nicht bestimmt von dem, was geschah, sondern von dem, was geschieht. Das Schicksal des Zionismus liegt in unserer Hand. Unser ist die Verantwortung, wenn seine Verwirklichung Hindernissen begegnet, unser wird der J?uhm und der Stolz sein, wenn seine Ziele erfüllt werden. Das möge uns Herzl's Jahrzeit lehren. Und wenn erst wir alle diese Lehre beherzigen und demgemäß handeln, dann wird dies die schönste Herzl-Qedenkfeier sein, weil die Sache, für die Herzl sein Leben hingeben mußte, sich dann auf dem besten Wege zur Erfüllung befinden wird. Herzl und Lassalle Von Dr. Leon Reich, Paris Was hätten diese zwei Männer mit einander gemein? Der eine, — Schöpfer des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins", welcher dann als „Sozialdemokratische Partei Deutschlands" ein wichtiges Glied der Internationale werden sollte, die dem arbeitenden Volke aller Nationen Repräsentanz und Schutz verleiht, mit Ausnahme der Juden; der andere, — Begründer einer Partei, die die jüdische Sehnsucht zur Grundlage, die jüdische Not zur Treibkraft und die jüdische Freiheit zum Endzweck hat. Der eine, — als Jünger der Hegeischen Schule, Evolutionist in "der Beurteilung des Spiels der Historie und Dialektiker in der Methode des Urteilens; der andere, — der soziologische Erscheinungen durch das Prisma naturtechnischen Fortschritts betrachtet und in seine Propaganda die Poesie seines Wesens hineinhaucht. Der eine, der seine Tätigkeit auf die Arbeiterklasse der deutschen Lande beschränkt, um später eventuell die Lehren und Erfolge ihrer Entwicklung auch ihren Kampfgenossen anderer Länder angedeihen zu lassen; der andere, der vom ersten Momente an die Juden des Weltalls appelliert, um sie zu einem einheitlichen Judentum zusammenzuschließen. — Dies sind die prinzipiellen Unterschiede, und zuletzt noch ein nicht zu unterschätzender Zeitunterschied: Herzl, ein vierjähriges Kind, als Lassalle von der tötlichen Kugel des wallachischen Bojaren Raconitsa im Duell niedergestreckt wurde. Allein, trotz dieser sachlichen und temporären Differenzen gibt es eine Reihe gemeinsamer Merkmale, welche beide Persönlichkeiten als zwei Leuchten aneinander reihen läßt, die der Menschheit den Weg des Fortschritts und der Zukunft weisen. Zwei Leuchten, wenn sie auch ihr Licht nach zwei verschiedenen Richtungen ausstreuen. Und doch, —. wer weiß, ob nicht auch Lassalle, ebenso wie Herzl, das Licht seines Geistes uns gespendet hätte? Wer weiß, ob er, der dem deutschen Arbeiter als Symbol der Energie und neuzeitlichen Prophetentums gilt, auch nicht uns heute neben Herzl dasselbe wäre, wenn er etwas später seine politische Laufbahn begonnen hätte, zu einer Zeit, wo die Judenfrage in Europa nach den russischen Verfolgungen im Jahre 1873 und nach Konstituierung des rumänischen Königreichs (1878) akuter und aktueller geworden ist?!