Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316436--53515-3347299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 30 Herzl-Karte, gezeichnet von Jakob Stark, Jerusalem, „Bezalel" ZUM 20. TAMMUS Von Israel Cohen Unter allen Kulturvölkern ist es Geflogenheit, wehmütig des Tages zu gedenken, an dem einer ihrer Großen verschieden ist. Die Zeitgenossen eines großen Mannes beklagen sein Ableben, weil sie unter dem Banne seiner starken Persönlichkeit standen und weil sein Tod gleichsam ein Stück ihres eigenen Lebens vernichtet hat. Sein Denken und sein Tun haben es vermocht, die Hoffnungen des Volkes zu beschwingen, seine Sehnsucht zu adeln. Und wenn ihn der Tod gefällt hat, dann fühlen alle den Schlag, deren Geist der Verstorbene geformt, deren Puls er beflügelt hat. An einem solch verhängnisvollen Tage ist die Trauer die Dominante in den Empfindungen eines Volkes, mag auch der Betrauerte hochbetagt gestorben sein, mag er auch alles, was er konnte und wollte, was er an geistiger Kraft und Aufopferungsfähigkeit besaß, seinem Volk restlos gegeben haben. Der Name eines solchen Mannes lebt in seinem ganzen Volk und die dunkle Wolke über seinem Haus beschattet die Heimstätten von Tausenden, die der Tote garnicht kannte. Die Jahre rollen vorbei. Die Trauer wird geringer, die Tränen trocknen, und die Wiederkehr des Todestages wird nicht in Klagen begangen, sondern in kühlem und ruhigem Abwägen seines Lebenswerkes. Unmerklich ist dieses zum Allgemeingut seines Volkes geworden, ist in die Struktur der Nation eingedrungen, und so gibt die Erinnerungsfeier dem Volk neue fruchtbare Impulse zur Fortentwicklung. Aber nicht jedem Großen wird solche Ehre zuteil. Mannigfach sind die Interessen eines Volkes, das Andenken an viele seiner hervorragenden Söhne verblaßt allmählig im Laufe der Jahre, tritt zurück hinter neuen Ideen, neuen Problemen, die in endloser Reihenfolge ans Licht streben. Mit der Zeil wächst der Abstand zwischen den großen Männern und ihren Epigonen. Neue Sterne tauchen am Himmel auf. Und man gedenkt in immer länger werdenden Intervallen der Wirksamkeit längst Verstorbener, bis ihre Größe so fest gegründet scheint, daß man alle hundert Jahre einmal ihren Gedenktag begeht. Aber alk diese Trauerfeiern, seien sie häufig oder selten, von tiefe; Empfindung eingegeben oder eine bloße Förmlichkeil stellen nicht sowohl eine Ehrung des Toten dar, als vielmelv einen Tribut den Lebenden gegenüber. Die Öffentlichkei glaubt, gegen das Andenken eines Großen eine Pflicht z erfüllen, aber in Wirklichkeit leistet sie sich selbst einei wertvollen Dienst. Schließlich kommt dann eine Zeit, is welcher man auch keine Zentenarien mehr feiert, dem das Leben und das Wirken der großen Männer is dann im Gedächtnis der Nation schon so sehr ver blaßt, daß ihre Taten und Ideen in die Leistungen dei Nachfolger verwoben, in ihnen ganz aufgegangen sind. Das sind Wahrheiten, die uns die Geschichte viele] Nationen lehrt. Und was von den Nationen gilt, die auf ihrem eignen Boden leben, gilt nicht minder für unser Volk. Auch wir beklagten oft das Hinscheiden eines großen Masmes, dessen Einfluß wir kannten, dessen Bedeutung uns sichtbar vor Augen stand. Auch wir kennen das Gefühl, daß mit dem Tode eines Mannes etwas aus unserm eigenen Leben weggenommen wird. Aber da wir über die ganze Welt zerstreut sind, in