Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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714 DIE^ um so größer, als ihm die Lösung der Aufgabe, die ihn in erster Linie zur Reise nach Palästina veranlaßt hat, vollständig gelungen ist. Dem unwürdigen Zustande der Entzweiung und Anarchie in der Verwaltung der großen Jerusalemer Gemeinde, die seit mehr als drei Jahren ohne geistiges Oberhaupt war, wurde jetzt durch das Eingreifen des Rabbi Haim Nahum ein Ende gemacht. Es gelang ihm, die beiden einander heftig bekämpfenden Parteien zu versöhnen und sie für einen Kandidaten zu gewinnen. Daß dieser Kandidat der sympathische, greise Rabbi Jakob Meir, der gegenwärtige Großrabbiner von Saloniki ist, erhöht den Wert der Versöhnung. Von größter Bedeutung aber war die Einmütigkeit in den Forderungen, mit denen man an allen Orten, die derChacham ßaschi besuchte, an ihn herantrat. In Jerusalem, beim Festbankett in Jaffa, in allen Kolonien, von den Vertretern der verschiedensten Schichten wurde dem Chacham Baschi die Größe der Mission, zu der er berufen sei, in allen Tonarten warm ans Herz gelegt. Hiervon sich zu überzeugen, hatte der Chacham Baschi selbst die beste Gelegenheit. Er besuchte Jerusalem, den Ursitz unserer geheiligten Tradition, den Brennpunkt aller Sehnsuchtsstrahlen des jüdischen Volkes durch alle Jahrhunderte der Verbannung und der Not. Er sah hier die vielen Kräfte, die im verborgenen schlummern und die zu frischem Leben angeregt werden müssen. Er sah hier die vielen Tausende von Juden, die einen kraftvollen, lichtspendenden Mittelpunkt für unsere Brüder in allen Enden ihrer Zerstreuung bilden könnten, wenn sie eine selbständige produktive und freie Existenz führten, statt in abhängiger Passivität energielos zu verkommen. Er sah hier, in der heiligen Stadt, die zahlreichen jüdischen Bildungs- und Wohltätigkeits-Anstalten, die ein rühmliches Zeugnis von dem jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühl ablegen, die deutlich dartun, daß überall, wo auch immer Juden wohnen, an Jerusalem und Zion gedacht wird; er sah aber auch, daß diese guten Bestrebungen leider noch nicht von einheitlichem Geiste getragen sind und häufig nur die bab}4onische Verwirrung vergrößern, statt ein einziges Neu-Jerusalem ins Leben zu rufen. Rabbi Haim Nahum besuchte aber auch viele unserer Kolonien, und da ist es ihm sicherlich nicht entgangen, daß hier neues Leben keimt. Die Eindrücke, die er hier empfangen, wird er — wie er selbst oft betonte — nicht bald wieder vergessen. Im Lande blickt jetzt alles erwartungsvoll auf die zukünftigen Aktionen des Chacham Baschi. Man hofft, daß das, was er hier gesehen hat, ihm nun die Kraft verleihen wird, mit großer Energie für die Rechte des jüdischen Volkes in der Türkei aufzutreten. Es wird ihm hoffentlich gelingen, den maßgebenden Faktoren in Konstantinopel klar zu machen, welch gesundes und staatsförderndes Element die Juden in der Türkei werden können, wenn ihnen hier die Tür freundlich aufgemacht wird. Zwei Drittel aller Juden befinden sich jetzt in barbarischen Ländern in einem Lebenskämpfe, im Stadium äußerster Verzweiflung. Nicht haben sie die Muße und Lust, nicht haben sie die Kraft, politisch-staatlichen Phantomen nachzugehen. Was sie brauchen, ist Ruhe und Freiheit und die Möglichkeit, national sich auszuleben. Hierzu sind alle Bedingungen in Palästina gegeben. Das national-autonome soziale Leben, wie es sich in den jetzigen jüdischen Kolonien ausbildet, steht in vollem Einklang mit der Verfassung und den Interessen des türkischen Reiches, mit dem Geiste und den Traditionen dieses muselmännischen Staates. Unsern Aspirationen genügt diese Freiheit vollständig, wir sind einfach auch zu sehr realistisch gesinnt, um nach mehr Verlangen zu tragen. Daß wir aber der neuen Heimat, in die wir kommen, dem Reiche, an das wir uns voll und ganz anschließen wollen, viel Segen bringen wollen und bringen können, braucht gar nicht mehr wiederholt zu werden. Der Chacham Baschi sollte nur noch den verantwortlichen Lenkern und Erneuerern des türkischen Staates klarlegen, welche Kraft allein in der Dankbarkeit von Desperaten liegt, denen man in der Stunde höchster Not entgegenkommt. In einer desperaten Lage sind wir jetzt, und die Türkei sollte mit ihrem freundlichen Entgegenkommen nicht zurückhalten, denn sie braucht auch selbst aufrichtig dankbare Brüdergenossen, sie braucht neue betriebsame Kräfte, wie sie sie bei uns in Menge finden kann. Zur Schmittahfrage in Palästina Bekanntlich bildet das jetzt zu Ende gehende Jahr die vierte Schmittah in der Geschichte der neuen Kolonisation. Die erste Schmittah war im Jahre 1889, und da die Frage zu jener Zeit zum erstenmal auftauchte, so wurde sie in rabbinischen Kreisen verschieden beantwortet. Die Rabbiner Jerusalems bestanden auf der völligen Einstellung der Arbeit während des Schmittahjahres. Sie machten geltend, daß die Kolonisation noch (anno 1889) kleinen Umfangs sei und daß der damalige Protektor der Kolonisation, Baron Edmond Rothschild in Paris, den Kolonisten wohl über das Schmittahjahr hinweghelfen werde. Baron Rothschild lehnte [ELT - — Nb: 29 es aber aufs entschiedenste ab, die feiernden Kolonisten schadlos zu halten. Und so sahen sich die größten rabbinischen Autoritäten; allen voran der gefeierte Rabbiner von Kowno, Rabbi Jizchok Elchonon s. A., ferner die Rabbiner von Bialystok, Bausk, Warschau u. a. auf Grund eingehenden Studiums der einschlägigen religionsgesetzlichen Literatur veranlaßt, die notwendigen Feldarbeiten unter gewissen Modalitäten freizugeben. Inzwischen wurde Rabbi Naftali Herz zum Oberrabiner von Jaffa gewählt, der sowohl wegen seiner rabbinischen Gelehrsamkeit wie auch wegen seiner Frömmigkeit in allen Kreisen in höchstem Ansehen stand. Als er daher in den beiden folgenden Schmittahjahren, 1896 und 1903, den Kolonisten erlaubte, die Feldarbeiten unter Beobachtung gewisser Vorschriften vorzunehmen, gaben die damals noch lebenden berühmten Rabbiner Jerusalems ihre vollständige Zustimmung zu seinem Vorgehen. Die einzelnen Bedingungen, unter denen die verschiedenen landwirtschaftlichen Arbeiten gestattet werden sollten, wurden ein für allemal im Einvernehmen mit den Rabbinern S. Salant und J. L. Diskin s. A. festgestellt. Seit damals herrschte im ganzen Lande die zuversichtliche Annahme, daß die heikle Frage ihre definitive Erledigung gefunden hat. Man konnte um so weniger glauben, daß man jetzt die Frage nochmals aufrollen oder sogar ein Arbeits verbot erlassen werde, als seither die Kolonisation sich weit und breit ausgedehnt hat und ein völliges Feiern der jüdischen Kolonisten während eines ganzen Jahres den Ruin fast aller in Palästina arbeitenden und erwerbenden Juden herbeiführen müßte. Leider aber ist dies geschehen. Der Rabbiner von Safed, ein in weiten Kreisen Palästinas wenig beliebter und wenig angesehener Mann, war der erste, der für ein Verbot der Arbeit eintrat. Natürlich konnten die Kolonisten darauf nicht eingehen. Sie hielten sich an die Anweisung des jetzigen Oberrabbiners Kuk In Jaffa, der bei seiner Ernennung ausdrücklich von den ersten Rabbinern Jerusalems (Salant und Diskin) auch für die Kolonien als der zuständige Rabbiner erklärt wurde und der das gesamte Problem der Schmittah in seinem groß angelegten Buche „Schabbath Ha-arez" ausführlich behandelt hat. So ist das Jahr in Ruhe dahingegangen, als jetzt zum Schluß einige Winkelrabbiner Jerusalems, die von niemand als Autorität angesehen werden, ein Verbot des Kaufs der jüdischen Produkte veröffentlicht haben. Wie leicht es diese Rabbinatsassistenten mit der Abfassung eines Verbots nehmen, das jüdische Existenzen in der empfindlichsten Weise schädigt, beweist auch folgender bezeichnender Vorfall: Ein Mann in Jerusalem, der, wie "sich später herausstellte, völlig unglaubwürdig ist, begab sich zu den betreffenden Rabbinatsassistenten und erzählte ihnen, daß die Seife der jüdischen Fabrik in Ben-Schemen bei Lydda aus nicht koscherem Material hergestellt werde. Ohne lange Überlegung erließen darauf die Rabbinatsassistenten ein Verbot der jüdischen Seife schlechtweg durch öffentlichen Anschlag in den Straßen Jerusalems, ungeachtet dessen, daß die genannte Fabrik unter der Aufsicht des Oberrabbiners Kuk in Jaffa steht, und ohne zuerst bei den jüdischen Fabrikinhabern, die ausschließlich jüdische Arbeiter beschäftigen und vielen jüdischen Familien ehrlichen Broterwerb bieten, über den wahren Sach verhalt anzufragen. Natürlich mußten sie nach wenigen Tagen in einem andern Plakat das Verbot zurücknehmen und ausdrücklich erklären, daß auch nicht die geringste Grundlage für die Behauptung bestehe, als ob in der Fabrik von Ben-Schemen der Seife nicht koschere Bestandteile bei der Herstellung beigemengt würden. War schon dieser Vorfall geeignet, die weltfremden Jerusalemer Rabbinatsassistenten in einem merkwürdigen Lichte erscheinen zu lassen, so hat ihr respektloses Verhalten gegenüber dem Oberrabbiner Kuk, der anerkanntermaßen als einer der bedeutendsten Rabbiner Palästinas gilt, in den Kreisen der palästinischen Orthodoxie eine große Mißstimmung hervorgerufen. Selbst in Jerusalem sollen sich, wie verlautet, die unabhängigen Rabbiner zu einer Kundgebung gegen das Treiben der Friedenstörer zusammentun. In Jaffa haben bereits mehrere Rabbiner einen geharnischten Protest erlassen, in welchem sie darauf hinweisen, wie sehr es den Bestimmungen unserer Lehre widerspricht, wenn sich Rabbiner geringem Ranges gegen eine höhere talmudische Autorität auflehnen, und in welchem sie ferner klar dartun, daß das Verhalten dieser Jerusalemer Gruppe ediglich dem Wunsche entsprungen ist, den Verfügungen des Oberrabbiners Kuk zuwiderzuhandeln. Die Beliebtheit des in hohem Ansehen stehenden, ebenso frommen wie gelehrten Rabbiners Kuk ist infolge der Quertreibereien dieser Feinde des Jischuw im ganzen Lande noch bedeutend gestiegen. Rabbi Jakob Meir Herr Hiskia. Issaharoff, der bekannte Nabob der bucharischjüdischen Gemeinde in Jerusalem, ist Montag den 4. d. M. in