Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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auf allen Kanzeln derSynagogenPittsburgs von zionistischen Rednern gesprochen. Kurz, der Zionismus bildete und bildet noch weiter den Sprechstoff aller Juden und Nichtjuden dieser Stadt, welche sich schon vor Jahren den Zionisten gegenüber höchst loyal benahm und auch dieses Jahr ihren Bürgermeister zur Begrüßung der Konferenz delegiert hat. Erster Sitzungstag, 3. Juli. Nachdem Samstag abend die Delegierten im „Zionistischen Institut" herzlich begrüßt und mit der Aufführung eines athletischen Schauspieles durch junge Zionisten Pittsburgs überrascht worden waren, begannen heute, Sonntag morgen, die offiziellen* Verhandlungen der Konferenz. Präsident Dr. Harry Friedenwald verlas seinen Jahresbericht, in dem er auf die enormen Schulden der Federaton hinwies und sie als Hindernis für viele unternommene, aber unausgeführt gebliebene Pläne und Projekte hinstellte. Im übrigen hob er zur Zufriedenheit aller Delegierten die Gründung zahlreicher neuer Zionistenvereine hervor und erklärte ausdrücklich, daß der Zionismus in Amerika von Tag zu Tag an Terrain gewinne und die Massen der amerikanischen Judenheit sichtlich mit sich reiße. Die Sammlung von Geldern für palästinensische Zwecke sei proportioneil in die Höhe gestiegen. Lobend erwähnte der Präsident die eifrige Arbeit der Federation bezüglich der hierzulande ins Leben gerufenen „Agrikultur-Experimentstation" (landwirtschaftliche Versuchsstation), die unter der Leitung des Agronomen Aaronsöhn glänzende Erfolge aufzuweisen hat und täglich mehr Anerkennung beim Volke gewinnt. Besondere Aufmerksamkeit schenkte der Bericht der sich mächtig entwickelnden Jung Judah-Bewegung in Amerika, der heute Tausende von jungen eingebornen Kindern angehören und die fast in jeder größern Judenstadt Amerikas einen Zweigverein besitzt. Dr. Friedenwald dankte am Schlüsse seiner Rede den Delegierten für das ihm stets erwiesene Vertrauen und bedauerte, sein Amt als Präsident der „Federation of American Zionists" niederlegen zu müssen. Stürmische Begeisterung rief hernach die Verlesung einer aus Berlin eingelaufenen Kabeldepesche hervor, welche den jüngst geschlossenen Friedensbund unter den Mitgliedern des Großen Aktionskomitees bestätigt und den Delegierten zu ihrer Arbeit Brfolg wünscht Begrüßungsschreiben liefen ferner von Präsidenten Wolffsohn, Köln, Dr. Bodenheimer, Köln, Dr. Jakobus Kann, Haag, usw. ein. Der Brief des Präsidenten Wolffsohn hat folgenden Wortlaut: Zu der wichtigen Zusammenkunft, die Sie im Begriffe sind abzuhalten, sende ich Ihnen meine herzlichen und brüderlichen Grüße. Die Verhandlungen Ihrer Versammlung haben für mich eine ganz besondere Bedeutung, da Ihre Stellung einzig in der zionistischen Welt ist. Sie wohnen in einem großen und anwachsenden Lande, in dem sich viele Bekenntnisse und Rassen zusammenfinden; Sie sehen um sich herum eine stete Verschmelzung der Rassen und die Verbreitung einer gesellschaftlichen Entwicklung in welcher die Grundlagen jüdischen Lebens langsam untergraben werden und das jüdisch-nationale Bewußtsein geschwächt wird. Die ungeheuren Mengen unserer Brüder, die sich während der letzten dreil3ig Jahre in Ihrer Mitte angesiedelt haben und die gezwungenerweise in vermehrter Anzahl jedes Jahr zu Ihren Küsten streben, sind alle dieser selben nagenden Kraft in größerm oder kleinerm Grade ausgesetzt. Die Aufgabe, unser jüdisches Leben und unsere jüdische Sitte unversehrt im Wirbel dieses Malstromes zu erhalten, ist daher von der äußersten Wichtigkeit, und es ist in hervorragendem Maße Ihre Pflicht, zur Erfüllung dieser Aufgabe durch die unaufhörliche Verbreitung unserer zionistischen Ideale beizutragen. Durch bürgerliche Gleichheit und politische Freiheit begünstigt, wird Ihnen kein Hindernis in der öffentlichen Verbreitung unserer herrlichen Prinzipien in den Weg gelegt; und da die meisten von Ihnen aus Osteuropa kommen, wo nationale jüdische Kultur noch ein Bollwerk findet, besitzen sie noch den wahren Geist, der die Anhänger unserer nationalen Bewegung beseelen sollte. Sie leben in einem Lande, das das größte Zentrum der Welt enthält, wo iüdisches Leben sich immer neu entfaltet und sich schwierige Probleme in der ökonomischen, intellektuellen und geistigen Sphäre entwickeln. Mit solchen Vorzügen ausgestattet und in einem solchen Lande unbeschränkter Möglichkeiten ansässig, können und werden Sie, das hoffe ich ganz zuversichtlich, große Erfolge für unsere Sache vollbringen. Und ich muß hier meine tiefe Bewunderung für die kühne und eindrucksvolle Stellungnahme, die gerade jetzt Ihr Vizepräsident, Herr Dr. J. L. Magnes, genommen hat, ausdrücken, indem er einen Warnungsruf gegen die Gefahren ausstieß, ylenen das jüdische Leben in der westlichen Umgebung ausgesetzt [st, sowie auf die Notwendigkeit einer Verstärkung der nationalen idee hinwies. Seine Handlung ist ein moralischer Triumph, der unserer Bewegung zur Ehre gereicht und der einen wohltuenden and anspornenden Einfluß in allen jüdischen Genieinden ausüben sollte. Sie sollte überdies aufs neue dazu dienen, zu zeigen, daß alle die Probleme um Sie herum bloß Teile des einzigen großen Problems sind, mit welchem das jüdische Volk sich auseinanderzusetzen hat, — nämlich Assimilation oder nationale Wiedergeburt; und Sie, die Sie sich schon lange vergegenwärtigt haben, daß die einzige wertvolle und wirksame Lösung dieses Problems in der nationalen Wiedergeburt besteht, Sie müssen alle Kräfte sammeln, um diese selbe Oberzeugung der gesamten jüdischen Gemeinschaft in der amerikanischen Republik beizubringen. Keine Mühen sollten gespart werden, und keine Methoden sollten unversucht gelassen werden, um auf alle unsere jüdischen Brüder einzuwirken, daß wir unsere höchste Bestimmung nur dann verwirklichen, wenn wir wieder als Nation in dem Lande unserer Vorväter leben. Ihre vornehmste Pflicht ist daher, Ihre jüdischen Mitbürger unserer Sache zuzuführen, aber Sie sollten nicht mit deren bloßem Eingehen auf unsere Ideale zufrieden sein. Eine solche Haltung von ihrer Seite würde allerdings schon einen Schritt nach vorwärts bedeuten, denn logischerweise muß sich hieraus ihre moralische Unterstützung ergeben. Aber Sie sollten selbst hiermit nicht zufrieden bleiben, denn ein wie wertvoller und willkommener Faktor dies auch sein mag, — in sich selbst ist es unzureichend, um Ideale in Wirklichkeiten zu verwandeln, und ihre Aufrichtigkeit und ihr Wert kann nur in praktischer Weise bewiesen werden. Die Aufgabe der Wiedererbauung der Herrlichkeiten Judäas ist ein nationales Werk, und die gesamte jüdische Nation sollte an ihrer Vollendung mitwirken. Ich kenne die ungeheuren Möglichkeiten, die es für unsere Sache in den Vereinigten Staaten gibt, zu gut, und ich habe lange den geheimen Wunsch gehegt, zu Ihnen hinüber zu kommen und mit eignen Augen zu sehen, wovon ich so viel und so oft gehört und gelesen habe. Aber dieser Wunsch entspricht nicht, — wie ich wohl kaum hervorzuheben brauche, — einer bloßen Befriedigung der Neugierde, sondern ist wirklich der Wunsch, mit Ihnen zusammen an dem Werke zu arbeiten, das wir alle im Herzen haben, und die Bürde zu teilen, die Sie so kräftig getragen haben. In dem Wunsche, den Einfluß, den ich besitze und solange ich ihn noch besitzen mag, zu dem höchsten Vorteil unserer Bewegung, wo es nur immer möglich ist, anzuwenden, wage ich es zu hoffen, daß es mir erlaubt sein möge, unserer Sache einen wichtigen Dienst zu erweisen für den Pall, daß ich meinen beabsichtigten Besuch in Amerika in diesem Jahr mache. Es würde überflüssig sein, noch einmal die äußerste Wichtigkeit unseres Zieles zu betonen, und die unbedingte Notwendigkeit, alles das zu tun, um es zu erreichen. Der Zionismus ist keine Bewegung, die in einem Tage verwirklicht werden kann, und diejenigen, die uns im Stich lassen, weil sich der Erfolg nicht gleich zeigt, haben nicht die Überzeugung und den Mut, die nur allein unserer Bewegung vorwärts helfen können. Innere Schwierigkeiten mögen uns auch zeitweise, in Verlegenheit setzen, aber diese entstehen aus Meinungsverschiedenheiten, die sich in keiner großen Weltbewegung vermeiden lassen, und sie werden geebnet werden, indem wir uns mit uneigennützigem Eifer den vielen wichtigen Aufgaben, die vor uns liegen, widmen. Einheit und Ausdauer sind die Haupterfordernisse auf unserer Seite, damit wir mit Erfolg irgendwelchen Schwierigkeiten, die sich in unsern Weg stellen, begegnen und sie überwinden können. Das System der Freiheit, welches in dem ottomanischen Reiche durch die Verfassung eingeführt worden ist, ist ein Faktor von unleugbarem Wert, und obgleich die Lage in manchen Momenten entmutigend zu sein scheint, sie ist trotzdem weit besser, als sie jemals in den Tagen der despotischen Herrschaft war. Was wir indessen vor allem bedenken müssen, ist, daß die Verwirklichung unserer herrlichen Idee nicht von zeitweisen Differenzen über unsere Haltung und zeitweisen Meinungen, sondern von der festen und dauernden Überzeugung der zionistischen Welt abhängig ist. Unsere nationale Idee hat unendlich viele Änderungen in der politischen Welt überlebt und wird sie überleben. Sehen Sie zu, daß Sie die Stärke, den Enthusiasmus und die Energie haben, um das Ihre zu dem allgemeinen Werke der Umwandlung dieser herrlichen Idee in eine noch herrlichere Wirklichkeit beizutragen. Ich hoffe aufrichtig, daß die Verhandlungen Ihrer Versammlung die glücklichsten und ersprießlichsten Resultate für die zukünftige Wohlfahrt des Zionismus in Amerika hervorbringen werden. Ihre Föderation hat sich unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Harry Friedenwald der anfeuernden Führung eines Mannes von Kultur und Einfluß zu erfreuen gehabt, der stets unbeugsame Ergebenheit und unermüdliche Arbeit zum Besten unserer Sache entfaltet hat. Mögen Sie sich noch lange der Wohltat seiner Führerschaft erfreuen und möge Ihre Föderation von Tag zu Tag wachsen und blühen!" Die Versammlung nahm die Verlesung dieser Zuschrift mit stürmischem Beifall auf.