Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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eingenommene Position erläutert halte. Es wurde von uns erklärt, daß wir den Kampf für unsere Organisationsforderungen bis zu dem Moment zurückstellen, in welchem die Vorbereitungsarbeiten zum X. Kongreß, welcher nach der in Hamburg von der Kongreßtribüne herab abgegebenen Erklärung möglichst rasch einberufen werden muß, beginnen werden. Aber in der Tat zeigte es sich unmöglich, lange in einer solchen abwartenden Haltung zu bleiben. Es traten Umstände ein, welche uns einen offenen Kampf aufdrängten. Dazu entstanden in Konstantinopel außerordentlich wichtige Fragen, welche den Kampf komplizierten und verschärften. Nach dem klar ausgesprochenen Willen unserer V. Hamburger Konferenz haben wir unsere prinzipiellen Forderungen und jene grundlegenden Ansichten in bezug auf die Tätigkeit in Konstantinopel, welche von uns öfters ausgesprochen wurden, verteidigt. Außer den gewöhnlichen Sitzungen des Zentralkomitees, welche sich hauptsächlich mit diesen Fragen beschäftigt haben, wurden diesen Fragen eine Plenarsitzung aller Mitglieder desZentralkomitees und zwei Sitzungen der russischen Mitglieder des A. C. zusammen mit den Mitgliedern des Zentralkomitees gewidmet. In diesen Sitzungen wurde die Tätigkeit und Taktik festgestellt, nach der sich das Zentralkomitee in der Folgezeit gerichtet hat. Das Zentralkomitee trat in nahe Beziehungen zu den Vertretern der Opposition im Westen, besonders zu dem Zentralkomitee der Westösterreichischen Organisation, deren Konferenz voll und ganz auf unserm Standpunkt stand und über alle Fragen zu Resolutionen kam, welche mit unsern Beschlüssen übereinstimmten. Mit der Zeit ging der Kampf wider unsern Willen immer mehr und mehr über diesen Rahmen hinaus und nahm eine sehr unerwünschte Wendung. Persönliche Momente begannen immer mehr seinen Ideeninhalt und seine wesentlichen Momente zu verdecken. Dies verstärkte sich auch noch hauptsächlich dadurch, daß die wesentlichen Ursachen der Uneinigkeit und Unzufriedenheit in das breite Publikum nicht hineingetragen werden konnten. Eine solche Wendung der Sache hätte die Standhaftigkeit und Geschlossenheit der Organisation bedroht, da sie innen Zwiespalt und Mißtrauen in ihren Reihen verbreitet und ihr Ansehen nach außen vernichtet hätte. Es zeigte sich immer deutlicher die Notwendigkeit, sofort, ohne erst bis zum Kongreß zu warten, den Kampf zu liquidieren und somit die Liquidation des Provisoriums vorzubereiten und näherzubringen, was vollends nur durch Neuwahlen auf dem Kongreß möglich ist. Die letzte Sitzung der russischen Mitglieder des A. C. und der Z. K. stellte sich ohne Ausnahme auf diesen Standpunkt. Auf demselben Boden stand auch die Opposition im Westen. Infolge der bevorstehenden Jahreskonferenz beschloß man, sich ihrer zur Liquidation des Kampfes und zur Vorbereitung der Liquidation des Provisoriums zu bedienen. Es wurden all diejenigen Forderungen endgültig formuliert und motiviert, welche der Beratung und Sanktionierung der Jahreskonferenz unterlagen. Die Sitzung der vereinigten Oppositionsmitglieder der Jahreskonferenz in Berlin schloß sich diesen Forderungen an, welche nun auch im Namen der gesamten Opposition gestellt wurden. Und jetzt übergeben wir mit einem Gefühle der tiefsten Befriedigung den Gesinnungsgenossen die Resultate der Arbeiten der Jahreskonferenz, die am 27.—29. Juni (20.—22. Sivan) in Berlin stattgefunden hat. Diese tiefe Befriedigung brachte uns hauptsächlich der Umstand, daß diese Ideen und Organisationsprinzipien, für welche wir so hartnäckig und standhaft im letzten Jahre gekämpft haben, Gemeingut der ganzen zionistischen Organisation, wenigstens aller ihrer führenden Elemente geworden sind. Hier auf der Jahreskonferenz gab es keine Majorisierung, keine Ausnahme unserer Vorschläge durch eine zufällige Majorität, nein, hier fand eine erste Ideenarbeit statt, welche zur einstimmigen Erkenntnis der Richtigkeit und Zweckmäßigkeit der von uns verkündeten Methoden der zionistischen Arbeit gelangte, welche der in den letzten Jahren sich herausbildenden Lage der Dinge entsprechen. Nach einem freien und offenen Austausch der Meinungen, nachdem alle begangenen Fehler, alle aufgedeckten Lücken, alle entstandenen Mißverständnisse und die von ihnen ausgehende Verschärfung der persönlichen Beziehungen in ihrer ganzen Häßlichkeit die übereinstimmende Beurteilung aller Teilnehmer der Jahreskonferenz fanden und nachdem jedem nicht nur die Resultate, sondern auch die Motive und Ursachen, welche zu einer solchen unhaltbaren Lage in der Partei führen mußten, klar wurden, erkannte die Jahreskonferen?, welche die Mehrzahl der aktiven führenden Kräfte der Partei darstellte, einstimmig die Richtigkeit unserer Motive und nahm die grundlegenden Punkte unserer Vorschläge an. Die Beschlüsse der Jahreskonferenz zerfallen in zwei Gruppen: 1. Beschlüsse, welche nur auf dem X. Kongreß verwirklicht werden können. 2. Beschlüsse provisorischen Charakters für die Zeit bis zum X. Kongreß. Die erste Gruppe der Beschlüsse ist die wesentlichere und wichtigere. Ihr Wortlaut ist folgender: Die Jahreskonferenz beschließt, dem nächsten Kongreß folgende Vorschläge zu unterbreiten: 1. den Sitz des Zentralbureaus nach einem größern jüdischen Zentrum zu verlegen; 2. zu veranlassen, daß am Sitze des Zentralbureaus mindestens drei Mitglieder des E. A. C. ihren Wohnsitz haben; 3. daß der Präsident des Aufsichtsrates des J. C. T. vollberechtigtes Mitglied des E. A. C. ist; 4. daß das E. A. C. aus fünf bis sieben Mitgliedern besteht. Die Jahreskonferenz spricht die Meinung aus, daß eine gedeihliche Arbeit im E. A. C. nur möglich ist, wenn dessen Zusammensetzung den verschiedenen Strömungen in der Bewegung Rechnung trägt; 5. daß das E. A. C. den Vorsitzenden aus seiner Mitte wählt. Hier halten wir es für unsere Pflicht, in Kürze die Motive dieser Beschlüsse zu resümieren, weil die Jahreskonferenz sie als Vorschläge für den nächsten Kongreß angenommen hat und nur der X. Kongreß berufen ist, sie endgültig durchzuführen. Der Kongreß kann nur dann die Vorschläge der Jahreskonferenz sanktionieren, wenn die Delegierten, die zum Kongreß gewählt werden, vollständig vorbereitet und mit der restlosen Erkenntnis der Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit der Durchführung der vorgeschlagenen Organisationsformen unserer Bewegung zum Kongreß kommen werden. 1. Das Kollegialprinzip in der Leitung der Bewegung Der Umfang unserer Bewegung und ihre Auffassung als Volksbewegung, der Charakter unserer politischen Tätigkeit, die sehr oft ihre taktischen Schritte abhängig von der politischen Konstellation tun muß, die Vielseitigkeit unserer Bewegung, die nicht nur die kolonisatorische, sondern auch die kulturelle, ökonomische und soziale Frage des jüdischen Volkes umfaßt, die große Zahl unserer Finanzinstitute und die hierdurch möglichen Reibungen der Interessenten und die Separationsgelüste einzelner Institutionen, — alle diese Dinge zusammengenommen erfordern eine kollegiale Leitung und die kollegiale Beratung der wichtigsten Maßnahmen. Ein Kollegium, das an einem Ort wohnt und in stetem gegenseitigem Meinungsaustausch arbeitet, wird ein Schutz gegen voreilige und einseitige Schritte und zugleich auch gegen die überflüssige Angst der Verantwortlichkeit sein, die oft viele entscheidende, komplizierte und verantwortliche Handlungen lähmt; die kollegiale Art der Leitung wird die Möglichkeit einer vollen und rechtzeitigen Ausnutzung eines jeden günstigen Moments zum Wohl unserer Bewegung schaffen. 2. Das Koalitionsprinzip. Die Jahreskonferenz ging von dem Gesichtspunkte aus, daß bei der jetzigen Lage der Dinge die beiden Hauptrichtungen, die ihren Ausdruck in den Gruppen der Kongreß-Mehrheit und -Minderheit fanden, ihre Wortführer im E. A. C. haben müssen, um das führende Organ in ein ganzes Organ, das die ganze Bewegung widerspiegelt, umzuwandeln. Der Geist der Bewegung und der unvermeidliche Formalismus der Verwaltung müssen einander ausgleichen und aufeinander wirken, und in dieser Wechselwirkung, in dieser Ausgleichung muß die Leitung der Bewegung ihren richtigen Weg finden. Die Erfahrung hat schon längst bewiesen, daß eine einseitige Zusammensetzung des E. A. C. und hauptsächlich das Fehlen der Vertreter jener Länder im E. A.C., wo die Massen der Bewegung konzentriert sind, nur Schaden bringt. 3. Wahl des Präsidenten vom Kollegium des E. A. C. Die Jahreskonferenz hält diese Art der Wahl darum für zweckmäßig, weil durch die Wahl des Präsidenten vom Kongreß eine völlige Ausnahmestellung des Präsidenten geschaffen wird, der nicht vor dem Kollegium, sondern vor dem Kongreß verantwortlich ist. Und dadurch würde schon das Prinzip der Kollegialität des E. A. C. gebrochen. Diese vorherrschende Bedeutung des Präsidenten, der vom Kongreß gewählt würde, würde dann in seiner Person eine Personifizierung der Vertretung unserer ganzen Bewegung sein. Es ist klar, daß die Vertretung einer Bewegung, die Menschen aus allen fünf Weltteilen, Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen und von verschiedener sozialer Stellung in sich vereinigt, nach Möglichkeit dieser Kompliziertheit und Vielseitigkeit entsprechen muß, was aber nur bei einem kollegialen E. A. C. möglich ist. 4. Verlegung des Zentralbureaus nach einem großen Zentrum. Die Notwendigkeit dieser Reform wird von allen erkannt, denn nur bei ihrer Durchführung ist es möglich, die Bildung einer