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Die Welt · 1910-07-22 · 29 (22.7.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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706 DIE3 Neige. Die Dürre drohte die mühevolle Arbeit unserer Kolonisten in Feld und Garten zu vernichten; sorgenvoll blickten sie zum blauen Himmelsgewölbe empor, ob nicht eine regenschwangere Wolke sich zeigen wollte, die „Tau und Regen zum Segen für die Erde" — wie wir täglich dreimal im Gebete sagen — mit sich bringt. Erst jetzt begriff ich die Tragweite unserer Tau (tal)- und Regen (geschem)- Gebete. Ich begriff aber auch, daß diese Gebete, die für uns durch achtzehnhundert Jahre von fast formaler inhaltloser Bedeutung waren, wie einst, als wir noch in Palästina zu Hause waren, so auch jetzt für unsere Brüder in unserm Lande ihren alten Inhalt und ihre Bedeutung wieder zurückbekommen. Im Bewußtsein, daß mit dieser uns unangenehmen Überraschung ein Segen für unser Land und unsere Brüder gekommen, hüllten wir uns um so tiefer in unsere Mäntel und schritten mutig vorwärts, trotzdem der kürzere Fußweg, den wir statt des längern Reitweges gewählt, immer steilerund infolge des starken Regengusses stets^ schlüpfriger wurde. Ein frischer erquickender Duft entsteigt dem angefeuchteten Boden, der unsere von Hitze und Müdigkeit geschwächten Glieder stärkt und belebt. Der Regen wird allmählich schwächer. Die Tropfen fallen nicht mehr so dick und schwer wie früher, bis sie endlich ganz aufhören. Im Südwesten klärt sich der Himmel, und wie Edelsteine glitzern die Regentropfen im goldenen Lichtmeere der Sonne. Wir bemerken im Süden das Kräuseln einer blau schillernden Fläche, das sind die Fluten des harfenartig sich hinziehenden Kinereth, des Fürsten unter den Seen Palästinas. Die Höhe des Berges naht ihrem Ende. Schon sind wir am Gipfel, und zu unsern Füßen liegt die unvergleichlich schöne, träumerisch hingebreitete Kabbalisten-Stadt Safed. Nun verstehe ich, warum gerade Safed zur Kabbalisten-Stadt geworden. Nun begreife ich jene großen, glücklichen Träumer, die Safed zum Sitze ihres kabbalistischmystischen Märchenlandes gewählt. Gleich der Kabbalah, weltfremd in einer eigenen Ideenwelt lebend, liegt auch Safed fast abgeschlossen von der Außenwelt, verträumt, von lachenden Tälern und duftenden Gärten umgeben. Wahrlich, einen schönern Punkt hätten sie auf dem Boden, von dem die Schechinah nie weicht, nicht ausfindig machen können. Terrassenförmig klimmt die Stadt den schönen Berg empor, gleich einem verwunschenen Königsschlosse, zu dem Dornensträucher und unwegsame Pfade den Zugang verschließen. Schutt und Ruinen einer verfallenen, der Sage nach uralten Festung schauen wehmütig vom Berge hinab. Sie soll ihr Alter bis auf jene ruhmreichen Tage jüdischer Freiheitskämpfe gegen römische Knechtung zurückdatieren, an denen jener später zum ruhmreichen Geschichtsschreiber seines Volkes gewordene Josephus Verrat an sein Vaterland zu schmieden begann. Geheimnisvoll wie ihr Alter schauen die Trümmer auf uns herab. O, wieviel sie uns erzählen könnten, wenn sie nur Zungen hätten! Ein rassig hübsches Judenmädchen — eine Sephardin — das uns am Wege begegnet, zeigt uns den Weg zur Stadt hinab. Wie schön liegt Safed vom Berge gesehen, und wie anders erscheint es in der Nähe! Wieder dasselbe Bild des Elends und der Armut, das sich fast in allen Städten Palästinas unserm Auge bot. Enge mit Schmutz und allerlei Unrat bedeckte Straßen ziehen sich fast endlos dahin. Kleine, dicht aneinander gebaute Häuser und magere, von Not, Hunger und Müßiggang ausgetrocknete — wenn auch eines vergeistigten Hauches nicht entbehrende — Gesichter begegnen uns im Judenviertel auf jeden Schritt. Infolge des vulkanischen Untergrundes, dem Galiläa zum großen Teil seine Fruchtbarkeit verdankt, haben unzählige Erdbeben, — denen oft Tausende von Menschen leben zum Opfer gefallen, — wie nicht minder Überfälle wilder Drusenstämme — zuletzt im Aufstande gegen Ibrahim Pascha — in Safed verheerend gewirkt. Ihre Spuren sind noch heute bemerkbar. Jene elementaren Mächte sowie die räuberischen Überfälle und nicht minder der Mangel einer jeden Kommunikation mit der Außenwelt haben jede wirtschaftliche Entwicklung wie das Ent- [ELT . No. 29 stehen eines heimischen Wohlstandes völlige unterbunden. Die Armut will aus Safed nicht weichen. Die aus elftausend Seelen bestehende Judengemeinde — Sephardim und Aschkenasim (die von einander fast ganz getrennt leben) — ist von einem bürgerlichen Wohlstande leider sehr weit entfernt. Neben einem ärmlichen Kleinhandel bildet die dorthin in sehr spärlicher (wegen der Abgeschlossenheit Safeds, zu der selten ein Tourist gelangt) Menge fließende Chalukah die Häuptquelle ihrer Erhaltung, weswegen sie mit unverhohlenem Neide auf die Jerusalemer schauen, die die Sahne der Chalukah abheben. Und doch sind die Safeder auf ihre Stadt und deren historische Denkmäler nicht wenig stolz. Neben berühmten, stolze Namen führenden Synagogen birgt die Erde Safeds die Asche vieler, die zu den Großen Israels gehören. Todmüde ruhen wir von den Strapazen des Weges im säubern jüdischen Hotel Stern aus, dessen alte, vielgeprüfte Wirtin uns allerlei Geschichten aus Safed und seinen frühern Tagen wie Märchen aus verklungenen Zeiten erzählt. jfr In Gesellschaft eines gelehrten Führers begeben wir uns am andern Morgen durch die holprigen Pfade des einen ganzen Bergrücken bedeckenden Gottesackers, — des Ruhmes der Stadt. Mit Stolz weist unser Cicerone auf ein halb offenes, in Stein gehauenes Grab hin, dessen Öffnung mit einer Steinplatte bedeckt war. „Das ist meine künftige Wohnung," — sagte er mit Rührung — „das Grab habe ich mir selber nach altjüdischer Sitte, die hier noch heute heimisch ist, in den Felsen gehauen." Bedächtig stolpern wir weiter über unzähliche, sarkophagähnliche (in Palästina übliche) einfache Grabdenkmäler. Dort unter jenem mit Kuppel versehenen Mausoleum ruhen angeblich die Reste des Propheten Hosea ben Beeri (wahrscheinlich verwechselt mit Rabbi Joschua ben Chananja). Nicht weit von einander schlummern unter einfachen, mit den bescheidensten Titulaturen versehenen sarkophagähnlichen Denkmälern die Träger jener Richtungen, in deren Bann das Judentum sich noch heute befindet, der Vertreter der nüchternen, strengen, kodifizierten Gesetzesnorm und sein Zeitgenosse, der Vertreter der mystischbeschaulichen Kabbalah — Rabbi Josef Karo und Rabbi Izchak Lurja. Friedlich und ruhig, wie sie bei Lebzeiten nebeneinander — jeder einer höhern Aufgabe ergeben — gelebt, ruhen sie hier nun nebeneinader. Sie ahnten nicht in diesem weltentlegenen Winkel, wie die von ihnen getragenen Gedanken das ganze Judentum des ganzen Erdballs wie ein elektrischer Strom durchzucken und bis heute in voller Bewegung halten werden. Die sturmartige Strömung unter Sabbatai Zewi, der historisch denkwürdige Kampf Emden-Eibenschütz, das Erscheinen Israel Beschts, wie der Zusammenstoß der Weltanschauungen eines R. Eliah Gaon und R. Schneier Salrnan aus Lubawitz, der noch heute im Kampfe zwischen Misnagdismus und Chassidismus seinen Ausdruck findet, ist auf die Namen R. Josef Karo und R. Izchak Lurja zurückzuführen. Und wenn auch Schulchan Aruch und Kabbalah friedlich nebeneinander zu wirken scheinen, der Kampf untereinander dauert bis zum heutigen Tage ungeschwächt fort. Hier finden wir sie auf ihren Grabdenkmälern, die bekannten Namen jener Freunde und Schüler Lurjas, die seine Ideen weit in die Welt hinaustrugen, unter ihnen den des Salomo Alkabez, jenes unsterblich Troubadours, der zu Ehren der Braut Sabbat jenes herrliche Minnelied Lecho dodi gedichtet, ohne welches uns der feierliche Einzug der Sabbatweihe fast undenkbar erscheint, ein Lied, welches unzähligen jüdischen Tonkünstlern, entzückende Akkorde entlockt, welches in allen Bethäusern Israels (orthodox oder reformiert) mit derselben Innigkeit gesungen wird und selbst Heinrich Heine die Leier zu seiner „Prinzessin Sabbat" in die Hand gedrückt hat. Rabbi Salomo Alkabez (gleichzeitig Verfasser mehrerer vom Geiste der Kabbalah durchwehter Schriften) soll sein Lecha dodi, die Begrüßung der Braut Sabbat — nach dem Ausspruche R. Jzchak Lurjas — unter höchster göttlicher Intuition gedichtet haben. Ich sehe sie mit meinem geistigen Auge, jene Kabbalistenschar. Darunter Salomo Alkabez

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