Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316435--53491-3347274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
So. 29 DiE^ELT 703 derartigen Erziehungsanstalt die Rede, die hoffentlich bald in die Erscheinung treten wird. Eine solche Anstalt würde ihren besten Platz auf dem Lande einer Siedlungsgenossenschaft finden, zum Segen der Genossenschaft und zum Segen der Anstalt. Diese würde auf einem Boden, den sie nicht zu kaufen, sondern nur zu geringem Satz zu verzinsen brauchte, sich in voller hygienischer Breite aufbauen können und hätte sofort Anschluß. an die gleichgesinnte Bevölkerung, und die Gelegenheit, ihre Zöglinge mit landwirtschaftlichen Arbeiten vertraut zu machen. Die Genossenschaft aber hätte einen Nahemarkt für eine Anzahl ihrer Produkte, gratis Dünger, einige Hilfskräfte in drängender Zeit, eine Verstärkung ihrer Untergenossenschaften und nicht zuletzt in den Lehrern und Lehrerinnen einen Stamm geborener Führer und Erzieher der Gesamtheit. Aus allen diesen Gründen sollten nach Möglichkeit alle Wohltätigkeitsinstitute, die nicht unbedingt, wie Schulen usw., in die Stadt gehören, auf dem Boden der Siedlungsgenossenschaften errichtet werden: Waisenhäuser, Blinden- und Krüppelanstalten usw. Sehr wichtig wird es auch sein, auf diesem billigen Grund und Boden und im genossenschaftlichen Gerneindeverbande sekundäre i nd u st ri e 11 e Genossenschaften oder auch kapitalistis che Industrieb et riebe anzusiedeln. Die Arbeiter finden nirgends so unbedingt günstige Existenzbedingungen wie gerade hier auf billigem Boden bei billigen Nahrungsmitteipreisen und beim Anschluß an alle möglichen genossenschaftlichen Verbände, die den einzelnen in jeder Phase seiner wirtschaftlichen Existenz fördern und stützen. Nach Aussage von Herrn Professor Boris Schatz werden in etwa Jahresfrist etwa 50 jemenitische Silberfiligranarbeiter soweit herangebildet sein, daß sie nicht mehr in Jerusalem unter der Aufsicht des „Bezalel" tätig zu sein brauchen. Ihnen steht, wenn sie es wünschen, und wenn die Siedlung geschaffen sein wird, Land für Haus und Garten gern zur Verfügung. Schon sie allein mit ihren Familien würden hinreichen, um die Siedlung sofort in ein stattliches Dorf, ja, für palästinische Verhältnisse schon zu einer kleinen Stadt auszugestalten. * * * Aber wird die Siedlung fertig sein? Die Geldsammlungen laufen betrübend und beschämend spärlich, ein. Ich hege starke Zweifel, daß der Fonds rechtzeitig, d. h. gegen Ende dieses Jahres, vollständig sein wird. Und ich muß sagen: das wäre eine nationale Schmach! Ich will nicht in die pessimistischen Anschauungen einiger meiner Freunde einstimmen, die sich auf den Standpunkt stellen, daß die zionistische Bewegung mit dem Erfolge der genossenschaftlichen Siedlung in Palästina steht und fällt; aber daran kann niemand zweifeln, der sehen will und kann, daß sie eine der wichtigsten Aktionen ist, die zu tun sind, um dem Zionismus neuen Wind in die Segel zu geben und das große Werk, das er unternommen hat, zu fördern. Und ferner ist sicher, daß die palästinische Bevölkerung, und namentlich die palästinische Arbeiterschaft, es durchaus nicht verstehen wird, wenn das Werk verzögert wird, weil die Opferwilligkeit des Volkes draußen zu gering ist. Darum heische ich wieder und wieder mit allem Ernst und allem Nachdruck, der mir möglich ist, um die werktätige Hilfe, die versprochen ward und die geleistet werden muß, wenn die, die sie versprochen haben, im Zionismus mehr suchen, als die Befriedigung philantropischer Träume oder persönlichen Ehrgeizes!- Darum habe ich die Grundzüge des Planes mit solcher Ausführlichkeit noch einmal vor die jüdische Öffentlichkeit gebracht. Sie mag prüfen und urteilen! Wenn der Plan nicht aufgebaut ist auf soliden wirtschaftlichen Rechnungen und auf die der Kenntnis der Psychologie des Menschen überhaupt und des jüdischen Arbeiters im besondern, so verdient er keine Förderung. Beruht er aber auf sichern Fundamenten, so kann das jüdische Volk fordern, daß die einzelnen Juden ihre Schuldigkeit tun. Wir verlangen keine Almosen, sondern wir fordern Kredit für ein Unternehmen, dessen Kreditbasis solide erscheint. Wir sind überzeugt davon, daß wir die uns zur Verfügung gestellten Mittel anständig verzinsen und schnell zurückgeben wrerden. Und darum wiederhole ich noch einmal, was ich auf dem Hamburger Kongreß gesagt habe: Wir pfeifen auf allen Zionismus, der sich mit großen Phrasen brüstet, der sich vermißt, „Gut und Blut* für die Zukunft des Volkes zu opfern und der nicht einmal bis in den Vorhof des Portemonnaies gelangt, wenn man etwa „Gut", geschweige denn Blut von ihm verlangt. Man schreibt mir von allen Seiten, ich sei ein schlechter Schnorrer. Mag sein! Ich will auch gar kein Schnorrer sein. Ich will meinen ehrenhaften wissenschaftlichen Namen und meine freie unentgoltene Arbeit auf die eine Wagschale legen, legt ihr eure Franken und Mark auf die andere Wagschale! . . . Die Palästina=Nummer der „Welt" erscheint am 21. Oktober d. J. Die umfassenden Vorbereitungen, die wir im Umfange von zirka 100 Seiten für diese Spezialnummer getroffen haben, lassen erwarten, daß sie sich in jeder Beziehung als eine hervorragend wirksame Propagandaschrift für Palästina eignen und bei tatkräftiger agitatorischer Unterstützung seitens der Landesorganisationen, Distriktskomitees, Vereine und Vertrauensmänner den verschiedenen palästinensischen und zionistischen Institutionen einen großen moralischen und materiellen Erfolg bringen wird. Da die Abonnenten der „Weh" die Palästina-Nummer gratis zugestellt erhalten, ersuchen wir unsere Freunde und Gesinnungsgenossen wiederholt, diese Gelegenheit für eine möglichst rege und intensive Propaganda zur Gewinnung neuer Abonnenten für die „Welt" auszunutzen. Vor Erscheinen der Palästina-Nummer und im Zusammenhang mit der Agitation für dieselbe, werden wir zu Beginn des III Quartals einige allgemeine Propaganda-Nummern herausgeben, deren Versendung kostenlos erfolgen wird. - Bin gut gesichtetes, möglichst großes Adressenmaterial für diesen Zweck ist uns sehr erwünscht. Diejenigen Abonnenten, welche mit der Einzahlung des Abonnementsbetrages noch im Rückstände sind, wollen den entfallenden Bezugspreis unverzüglich einsenden, da sie sonst den Anspruch auf kostenlose Lieferung der Palästina- Nummer verlieren. Hochachtungsvoll Expedition „Die Welt"