Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No.,28 DIEIaXELT 689 machte, und schon wieder ist die Goüvernementstadt Mohilew von einem furchtbaren Brandunglück heimgesucht worden. Am 21. Juni brach in der Wilnaer Straße Feuer aus, das sich sehr rasch auf die Umgegend ausdehnte. Mehr als 100 Häuser wurden ein Raub der Flammen, in der Stadt herrscht eine furchtbare Panik. Es besteht kein Zweifel darüber, daß man es mit einer organisierten Brandstifterbande zu tun hat, die auf die durch die Brände hervorgerufene Panik spekuliert, um ein Raub- und Plünderungswerk großen Stils ins Werk zu setzen. Lähmender Schrecken bemächtigte sich der Bevölkerung. Die Lage der. Heimgesuchten ist eine furchtbare. Der weitaus größte Teil von ihnen ist vollständig ruiniert. Eine Senatserklärung Eine Senatserklärung bestimmt, daß auf das Verlangen der Grenzzollbehörden ohne Hinzuziehung der Gerichtsbehörde die Ausweisung von Juden aus dem Umkreise von 50 Werst um den Grenzstrich erfolgen kann. Die angestrebte Aufhebung des Ansiedlungsrayons Die reaktionäre Presse Rußlands schreit Zeter und Mordio anläßlich der von 166 Dumaabgeordneten eingebrachten Vorlage wegen Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons. Die „Russkoje Snamja" fordert das „Volk" auf, Massenpetitionen an den Zaren zu richten mit dem Ersuchen, gegen die 166 Verbrecher einen Prozeß wegen Hochverrats anzuordnen. Die „Semschtschina" hingegen erklärt in aller Seelenruhe, nach der wiederholten entschiedenen Erklärung der Regierung, wonach an eine Besserung der Rechtslage der Juden nicht zu denken sei, brauche man sich über die Frechheit der 166 Dumaabgeordneten nicht weiter aufzuregen. Das russische Volk werde es sich nie gefallen lassen, daß man es mit Haut und Haar seinen Blutsaugern, den Juden, ausliefere. Das offizielle Organ der Oktobristenpartei „Golos Moskowy", das diese Gesetzesvorlage gerne als Verdienst der Oktobristen hinstellen möchte, wiewohl von den 166 Unterschriften bloß 24 oktobristischen Abgeordneten angehören, begründet die Berechtigung dieser Vorlage damit, daß die Einschränkung der Juden in der Wahl ihres Aufenthaltsortes die russische Bevölkerung doch nicht vor Ausbeutung schütze, da die ökonomisch stärkern, und daher für die Russen im Konkurrenzkampf gefährlicheren jüdischen Elemente schließlich doch Mittel und Wege fänden, um jenseits des Ansiedlungsbezirkes einzudringen, die Einschränkung also nur die arme jüdische Masse treffe. Brodsky verläßt Kiew In Kiew zirkulieren Gerüchte, daß der bekannte Millionär Leo Brodsky aus Anlaß der neuesten Judenverfolgungen den Entschluß gefaßt habe, seine ausgedehnten Geschäfte zu liquidieren und nach dem Auslande zu ziehen. Eine Emigrationskonferenz in Libau Der Minister des Innern hat die Einberufung einer jüdischen Emigrationskonferenz nach Libau genehmigt. Die Konferenz soll entweder in diesem Monat oder gegen Ende des Sommers stattfinden. Den Vorsitz wird Baron D. Günzburg führen. Die Konferenz soll vier Tage dauern. Nur die Vertreter des Emigrationskomitees in Petersburg und seine Vertrauensmänner in der Provinz werden an den Beratungen teilnehmen; Vertreter der Presse sind nicht zugelassen. Alle Referate und Debatten müssen ausschließlich in "russischer Sprache geführt werden. Auf der Tagesordnung steht: 1. die Regelung der Arbeit der Rayonkomitees und Organisation der Rayone; 2. Versorgung der Emigranten mit Schiffskarten; 3. Hilfeleistung und Auskunft an Emigranten bei Besorgung von Auslandspässen; 4. ärztliche Hilfe für die Emigranten; 5. Informationsliteratur; 6. die Tätigkeit des Libauer Komitees und der Grenzkomitees überhaupt; 7. verschiedene Fragen. Die Konferenz hätte sich auch mit der Ausarbeitung von Direktiven an alle Vertrauensmänner in der Provinz befassen sollen; dieser Punkt wurde aber vom Minister des Innern gestrichen. Literarisches Der Taumel in der Jargonliteratur, wo man jeden neuen Schriftsteller als Stern erster Größe oder gar als Genie anjubelte, scheint vorüber zu sein. Die bedeutendsten Jargonschriftsteller selbst treten diesem Kultus entgegen. In einer Artikelserie im „Fraind" wies Perez nämlich nach, wie arm die Jargonliteratur an originellen Talenten ist; die wenigen wirklichen Talente verlieren ihren künstlerischen Halt, sobald sie ihr eigentliches Gebiet, die Schilderung des jüdischen Volkslebens, verlassen und die Ambition haben, „allgemein-europäisch" zu werden. Und die neuen Schriftsteller haben alle dieses merkwürdige Bestreben, wenn sie in der jüdischen Gasse einigermaßen populär geworden sind, als europäische Größen zu gelten. Das Resultat ist, daß sie sich lächerlich machen und ihr Schaffen unnatürlich wird. Noch schärfer spricht sich Frischmann in einer langen Reihe von Aufsätzen im „riaint" darüber aus. Die neuen Kritiker der Jargonliteratur haben sich zum Prinzip gemacht, jeden Anfänger von vornherein zum Künstler und Genie zu stempeln. So wurde eine ganze Schar von Eintagsgrößen herangezüchtet, die nach einem Jahrzehnt samt ihrem „Schaffen" vergessen sein werden. Die russisch-jüdische Presse feiert ihr Jubiläum. Am 27. Mai a. St. sind es 50 Jahre geworden, seit das erste Organ der russischen Juden in russischer Sprache zu erscheinen begann. Es war das Wochenblatt „Rasswjet" (Morgenröte), begründet von J. Rabbinowitz in Odessa. Fünf Jahre hat es gedauert, bis Rabbinowitz die Erlaubnis der Regierung für das Erscheinen des Blattes erwirkte. Bald mußte es aber wegen Zensurschwierigkeiten wieder verschwinden ... An seine Stelle trat bald das neue Wochenblatt „Zion", das kein glücklicheres Schicksal als sein Vorgänger hatte. So führte die russisch-jüdische Presse eine unsichere Existenz. Erst in den 80er Jahren erfuhr sie eine weitere Entwicklung und seitdem erscheint ununterbrochen wenigstens ein russischjüdisches Organ. In der letzten Zeit hat die russisch-jüdische Presse wieder viel von den Zensurrepressalien zu leiden gehabt. Im Verlauf einiger Jahre wurden „Wojschod", „Jewreiskaja Schisn", „Jewreiski Mir", „Nowi Wojschod" usw. konfisziert und eingestellt. — Die „Tendenz" der russisch-jüdischen Presse in der ersten Hälfte ihres Bestehens war die Aufklärung der jüdischen Massen, um sie der Gleichberechtigung als russische Staatsbürger würdig zu machen. Es war die ausgesprochen assimilatorische Periode. Besonders stark und zäh vertrat der „Wojschod" diese Richtung. Mit dem Beginn der nationalen Bewegung nach den ersten Pogromen kam ein frischer nationaler Zug auch in die russisch-jüdische Presse; der „Rasswjet" (in der zweiten Folge) wurde der Träger der palästinensischen Idee. Schließlich hielt der Zionismus seinen Einzug in die russisch-jüdische Presse und zwang auch die nichtzionistischen Organe, eine nationale, halbnationale oder quasi-nationale Haltung anzunehmen. Vom Gesetze nicht vorgesehen. Der Rabbiner aus Nowoalexandrowsk, Gouvernement Lublin, hatte sich an das Ministerium des Innern mit einer Beschwerde gegen den Gouverneur gewandt, der ihm das Predigen in der Synagoge verboten hat, indem er anordnete, daß für jede Predigt eine besondere Erlaubnis vom Kurator des Lehrbezirks einzuholen sei. Der Kurator hat indes die Erlaubnis verweigert, da das Predigen in der Synagoge vom Gesetze nicht vorgesehen sei. Palästina Der Bau des Hafens von Haifa Der Bau des Haifaer Hafens scheint nun endgültig sicher zu sein. Da er durch Zurückdämmen des Wassers an der Küste entstehen soll, rechnet man mit dem Gewinn eines ziemlich großen Terrains, welches die Regierung zum Preise von 40 Frs. pro Quadratmeter für große Geschäftsniederlassungen zu verkaufen gedenkt. Generalversammlung des hebräischen Gymnasiums in Jaffa Die diesjährige Generalversammlung des Vereins „Hebräisches Gymnasium in Jaffa" findet am 15. Ab in der Aula des Gymnasiums statt. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht über die materielle Lage des Vereins und der Anstalt; 2. Bericht über die innere Lage des Gymnasiums; 3. Vorschläge, betreffend Änderung der Satzungen; 4. Genehmigung des Budgets für das Jahr 5671 und Eröffnung der 6. Klasse; 5. Wahl des Aufsichtsrats und des Kontrollausschusses; 6. Verschiedenes. Diejenigen Mitglieder, die ihren Mitgliedsbeitrag noch nicht entrichtet haben, werden ersucht, die Überweisung des Betrages (z. H. des Odessaer Palästinakomitees) zu beschleunigen, damit ihr Betrag auf der Generalversammlung in Rechnung gestellt werden kann. Neue Verlagsgriindungen in Palästina Die verschiedenen Bestrebungen, in Palästina ein hebräisches Zentrum zu schaffen, haben in letzter Zeit zur Gründung von zwei neuen Verlagsunternehmungen geführt: „Barkai" und „Jeffet". An der Spitze des Barkai stehen S. Gutmann, Mordchai ben Hilel Kahan