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Die Welt · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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688 : DIE3 auf die Anklagebank. Unter den angeklagten 307 Juden, sind die verschiedensten Berufe vertreten: Bankiers, Kaufleute, Ärzte, Ingenieure, Studentinnen, Handelsreisende, Schauspieler, Fabrikanten, Schriftsteller. Die Angeklagten nennen diese Gerichtssache einen Prozeß um ihr Daseinsrecht. Sehen wir doch unter ihnen sogar Ärzte und Ingenieure, die nur deswegen das Wohnrecht nicht besitzen, weil sie ihre Diplome nicht in Rußland, sondern im Auslande erworben haben. Es sind meist solche, die nach Absolvierung einer höhern Schule mit Rücksicht auf die Prozentnorm von den russischen Hochschulen zurückgewiesen wurden. Manche von diesen Geplagten haben dann nachträglich vom Unterrichtsminister die Erlaubnis zum Staatsexamen in Rußland erlangt, andere aber sind willkürlich selbst dazu nicht zugelassen worden. Da haben auch einzelne aus der letztgenannten Kategorie zum Verzweiflungsmittel gegriffen und sich das Diplom eines Zahntechnikers verschafft, um wenigstens an ihren Plätzen ungestört wohnen zu dürfen. Vielleicht dient dieser Massenprozeß, der voraussichtlich mit der Beratung des Gesetzentwurfs wegen Aufhebung des 'Ansiedlungsrayons in der Duma zusammenfallen wird, als Illustration zu der unsinnigen Wohnrechtsbarbarei. Verbot des Sommeraufenthaltes Das Ministerium des Innern hat sich bekanntlich vor kurzem redlich bemüht, im Senat ein generelles Verbot des Sommeraufenthaltes der Juden auf dem Lande durchzusetzen. Das war nicht gelungen. Der Senat wies die Zumutung ab, weil das Gesetz ein solches Verbot nicht enthält. Damit sollte die Sache als erledigt gelten: was nicht verboten ist, muß natürlich als erlaubt betrachtet werden. Dieser logische Schluß wird jedoch von der russischen Administrativbehörde und namentlich in bezug auf Juden nicht anerkannt. Die Ausweisungen aus den Erholungsstätten, wo Juden jahrzehntelang den Sommer verbrachten, werden mit ungeahnter Grausamkeit fortgesetzt; sogar Kranke und Bettlägerige werden nicht verschont. So schreibt man z. B. aus dem Dorfe Orlowtzina (Gouv. Jekaterinoslaw): Hierher pflegten seit Jahren Juden aus Jekaterinoslaw und Umgebung, die lungenkrank sind, jeden Sommer zu kommen. Es war ein naher, billiger und bequemer Kurort. Die Ortsbauern errichteten speziell für die Sommergäste eine Reihe Landhäuser und legten darin einen erheblichen Teil ihres Vermögens an. Auch dies Jahr wurde den Juden, die ärztliche Zeugnisse besaßen, vom Gouverneur erlaubt, in Orlowtzina zu wohnen. Am 16. Juni erschien aber der Urjadnik und erklärte, er müsse auf Verfügung der Behörden sämtliche Juden aus Orlowtzina ausweisen. Deputationen und Depeschen seitens der Juden und der Bauern wurden nach Jekaterinoslaw sowie nach Petersburg entsandt. Es half aber nichts: gerade am 18. Juni wurden die Juden samt ihren Habseligkeiten von Polizisten expediert und mußten den Weg bis zur benachbarten Stadt Nowomoskowsk zu Fuß machen. Ähnliches wird auch aus Kiew, Smolensk, Schitomir, Poltawa, vom Rigaer Strand usw. gemeldet. Hierzu wird noch aus Kiew vom 1. Juli depeschiert: Die Judenschikanierung beim Landaufenthalt hat auch bereits wirtschaftliche Folgen. So weigern sich in Anbetracht des Verbots des Aufenthalts von Juden auf dem Lande die Versicherungsgesellschaften, die Villen zur Versicherung aufzunehmen, indem sie sich auf deren enorm gesunkenen Wert berufen. Die Generalversammlung der Palästina-Wein- Gesellschaft „Karmel" Unter dem Vorsitz des Herrn M. Feldstein fand in Warschau am 21. Juni die 14. Generalversammlung der Gesellschaft „Karmel" statt. Der Geschäftsbericht konstatiert, daß der Absatz von Palästinawein und -Kognak mit jedem Jahr erheblich zunimmt, und daß der letztjährige Umsatz gegen den der frühern Jahre einen großen Aufschwung aufweist. Es wurde auch festgestellt, daß die neue Marke „Bar sei" sich als heilkräftiger Medizinal wein großer Beliebtheit erfreut. Die Bilanz für das Jahr 1909 wurde einstimmig genehmigt. Als Dividende wurden für das Geschäftsjahr 50 Rubel pro Aktie von 400 Rubel bestimmt. 1000 Rubel wurden der Kolonie Rechoboth für öffentliche Zwecke zugewiesen. Ein Kongreß für jüdische öffentliche Krankenpflege in Rußland Dr. M. Schwarzmann aus Odessa regte die Einberufung eines Kongresses von jüdischen Ärzten und Vertretern der öffentlichen jüdischen Krankenpflege in Rußland an. Der Kongreß soll die Regelung und Koordination der Tätigkeit der bezüglichen Institution, die Bildung von beruflichen Verbänden für gegenseitige Versicherung und Hilfeleistung der jüdischen Ärzte, die zu den staatlichen und kommunalen Ämtern nicht zugelassen werden, das systematische KELT No. 28 Studium der sanitären und hygienischen Verhältnisse der jüdischen Volksmassen und dgl. zu seinem Gegenstande haben. Dr. Schwarzmann hat gemeinsam mit der Redaktion der Zeitschrift für jüdische Volksmedizin („Jewreisky medizinsky Golos") die Vorbereitungsarbeiten auf sich genommen. Bereits wurde an die jüdischen Ärzte Rußlands (5000 an der Zahl) ein diesbezüglicher Fragebogen mit erläuterndem Referat versandt. Neuestes von Tolmatschew Der Odessaer Stadthauptmann war mit dem Ergebnisse der öffentlichen Lizitation der Pacht der Koscherfleischsteuer nicht zufrieden. Er bestätigte daher die Verpachtung der Steuer an den Meistbietenden nicht und übergab die Erhebung und Verwaltung der Steuer der aus ausgesprochenen Judenfressern und „Verbändlern" bestehenden Odessaer Stadtduma. Zur Wahrung des Dekorums wurde eine „wirtschaftliche Kommission" eingesetzt bestehend aus einigen jüdischen Parvenues, die sich bereits als Kreaturen Tolmatschews eine traurige Popularität erworben haben. Ausweisung von jüdischen Handwerkern aus Petersburg Auf Anordnung des Petersburger Stadthauptmanns wurden 37 jüdische Handwerker, die angeblich ihr Handwerk nicht ausübten,, aus Petersburg ausgewiesen. Die Nachsaison der Pogromagitation In diesem Jahre hat die Pogromagitation der echtrussischen Preßorgane, die in der Regel um die Osterzeit ihre Saison hat, eine dauernde Nachsaison erhalten. Die „Rußkoje Snamja" wird nicht müde, alltäglich „beglaubigte" Berichte aus allen Ecken und Enden Rußlands über verschwundene christliche Kinder zu bringen, die merkwürdigerweise samt und sonders in entlegenen Sümpfen mit aufgeschnittenen Hälsen aufgefunden worden seien. Dieses ehrwürdige Parteiorgan des Verbandes des .russischer* Volkes hat es natürlich auch nicht unterlassen, aus der rätselhaften Kirchhofschändung zu Sambrow in seiner Weise Kapital zu schlagen. In rührender Eintracht mit dem polnischen „Göniec", wußte die „Rußkoje Snamja" zu berichten, daß die Kirchhof Schändungen von der Sambrower jüdischen Gemeinde begangen worden seien. Im Anschluß daran wurden die Polen in spaitenlangen Artikeln aufgefordert, sich an den Juden zu rächen und einen regelrechten Pogrom zu veranstalten. Die Polen hätten bereits in Bjelostok gezeigt, daß auch sie zu einem unmittelbaren gesunden Ausbruch des beleidigten Volksgefühls gegen die Niedertracht der Juden fähig seien; dies habe seine guten Folgen gezeitigt, indem in Bjelostok die Unterdrückung durch Juden ein Ende genommen habe. Zum größten Leidwesen der „Rußkoje Snamja" haben sich aber die Polen nicht beeilt, seinem weisen Rat zu folgen. Inzwischen ist man nun auf die Spur der echten Missetäter gekommen, und diese sind — Polen. Von der Feuersbrunst=Saison Die furchtbaren Sommerbrände, die in diesem Jahre mehr denn je den Ansiedlungsrayon heimsuchen, setzen ihr Verheerungswerk immer fort. Dieser Tage wurde die Stadt Borisow, Gouv. Minsk* das Opfer eines ungeheuren Brandes. Mehr als 400 Häuser sind den Flammen verfallen; die ganze Stadt bietet das Bild einer großen Ruine dar. Unter anderm brannten auch vier Synagogen ab. Unter der nunmehr ganz obdachlosen Bevölkerung herrscht furchtbare Not. Es gab auch Menschenopfer. Ein furchtbarer Brand wütete auch in Bjalobrzeg, Gouv. Radom. Mehr als 60 Häuser, auch die Synagoge, wurden ein Raub der Flammen. Vier Personen erlitten den Flammentod, acht trugen schwere Brandwunden davon. Auch Irena, Gouv. Lublin, wurde von einer großen Feuersbrunst heimgesucht. An die 60 Häuser brannten ab. Die Betroffenen sind ganz brot- und obdachlos geblieben. Der FJecken Trischki, Gouvernement Kowno, ist von einem großen Brand heimgesucht worden. Der größte Teil des Fleckens ist völlig eingeäschert. Mehr als 50 jüdische Familien haben ihr Hab und Gut ganz verloren und leben buchstäblich unter freiem Himmel. Ein furchtbarer Brand hat dieser Tage auch in Kumariw, Gouvernement Minsk, große Verheerungen angerichtet. Ein großer Teil der dortigen jüdischen Bevölkerung ist völlig ruiniert. In dem Landflecken Kodlawka, Kreis Kremenetz, hat eine große Feuersbrunst an die hundert wohlhabende jüdische Familien über Nacht in Proletarier verwandelt. Aus Mohilew berichtet man uns: Noch waren keine acht Tage seit der großen Brandkatastrophe verflossen, die Tausende jüdischer Familien brot- und obdachlos

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