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Die Welt · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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NO. 28 DIEIaEELT 687 raumes. In den einzelnen Jahren betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer: 1899 : 37 415. 1900 : 60 764, 1901 : 58 098, 1902 : 57 688, 1903 : 76 203, 1904 : 106 236, 1905 : .129 910, 1906 : 153 748, 1907 : 149 182, 1908 : 103 387, 1909 : 57 551. Die Bibliothek des Rabbinerseininars in New York Das neue jüdisch-theologische Seminar in New York enthält eine der vollständigsten Sammlungen jüdischer Literatur, die in der Welt vorhanden sind, was um so bemerkenswerter ist, als die Sammlung zum größten Teil erst in den letzten sechs Jahren zusammengebracht worden ist. Den Grundstock bildet die Bibliothek des alten Seminars mit etwa 6000 Bänden; dazu stiftete Herr M. Sulzberger aus Philadelphia, ein Mitglied des Aufsichtsrats, seine eigene Sammlung jüdischer Literaturwerke von etwa 10000 Bänden, darunter viele Seltenheiten, ferner der bekannte Finanzmann J. H. Schiff die Bibliothek des berühmten Theologen und Orientalisten Moritz Steinschneider. Auch andere Zuwendungen kamen hinzu, so daß die Bibliothek heute rund 33000 Bände umfaßt. In der Sammlung befinden sich zahlreiche mittelalterliche wissenschaftliche Werke in hebräischer, arabischer und lateinischer Sprache, Handschriften und Rechtsentscheidungen, eine große liturgische Literatur mit zahlreichen seltenen Ritualien, ferner nicht weniger als 57 von den 101 überhaupt bekannten jüdischen Inkunabeln, so daß diese Sammlung nach der des Britischen Museums hierin die vollständigste der Welt darstellt; des weitern sind natürlich zahlreiche Ausgaben des Alten Testaments und des Talmuds sowie eine ganze Bibliothek über die Kabbala vorhanden. Judenexzesse in Buenos-Aires Die argentinische Republik feierte bekanntlich am 25. Mai d. J die Jahrhundertfeier ihrer Unabhängigkeit. Die Regierung und die Bürgerschaft trafen monatelang Vorbereitungen, um die Gedenkfeier möglichst imposant zu gestalten. Unterdessen rüstete das sozialistische Proletariat, das gegen die Regierung und die herrschenden Klassen wegen der Verfolgungen und Drangsalierungen, die es nach der Ermordung des Polizeichefs von Buenos Aires erdulden mußte, aufs äußerste erbittert war, zum Gen er als tr ei k, der auf den Jubiläumstag anberaumt wurde. Überdies veranstalteten die Arbeiterorganisationen am 14. Mai eine große Protestversammlung gegen die Jahrhundertfeier, die von mehreren zehntausend Personen besucht war. Daraufhin verhängte die Regierung den Belagerungszustand über Buenos Aires. Die in ihren patriotischen Gefühlen gekränkte Bürgerschaft wählte sich nun, wie der „Jüdische Arbeiter" zu berichten weiß, die eingewanderten russischen Juden zum Sündenbock aus, drang vot den Augen der Polizei ins jüdische Viertel ein und richtete dort Verwüstungen an. Die Fensterscheiben zahlreicher jüdischer Häuser wurden zertrümmert, mehrere Gebäude demoliert, die Bücherbestände und Einrichtungsgegenstände der russisch-jüdischen Lesehalle vernichtet. Friedliche jüdische Passanten wurden blutig geschlagen. Die Demonstranten versuchten sogar eine Synagoge in Brand zu stecken, wurden daran aber durch die christliche Nachbarschaft gehindert. Unter den Juden herrschte eine fürchterliche Panik. Rasch wurden alle Läden und Haustüren geschlossen, und stundenlang wagte kein Jude, die Straße zu betreten ... So geschehen in der Hauptstadt der freiheitlichen Republica Argentina im Jahre 1910, einige Tage vor der Hundertjahrfeier des unabhängigen Freistaates . . . Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die Affäre von Adrianopel Die peinlichen Vorfälle, die, wie vergangene Woche gemeldet, zu Verwundungen und zu zahlreichen Verhaftungen geführt haben, erhalten eine Bedeutung, die zwar noch nicht ganz klar erwiesen, aber schon ziemlich durchsichtig ist. Der Polizeipräfekt in Adrianopel, der sie angestiftet hat, scheint die Absicht gehabt zu haben, zu beweisen, daß die Judenschaft politische Bestrebungen unterhalte, die geeignet seien, zu offenen Revolten zu führen. Er setzt sich nun in die Pose des Vaterlandsretters und des kraftvollen Unterdrückers einer gefahrvollen Rebellion. Glücklicherweise scheint es aber doch, als ob diese, bedenklich nach dem alten Regime oder nach dem russichen Tschinownik schmeckende Mache, hier in der Türkei nicht verfangen wird. Die „Box de la Verdad" schreibt: „Die Tage, die dem Zwischenfall folgten, zeigten die Adrianopeler Judenschaft in finstere Niedergeschlagenheit getaucht. Jeden Augenblick zirkulierten Gerüchte über neue Verhaftungen in den Häusern. Die Polizei führte streng die Befehle ihres Chefs aus, der dem Ereignis die Wichtigkeit eines schweren Komplottes beilegte. Ein Komplott gegen wen? Der Hausfriede wurde verletzt, Leute wurden nächtlicherweile ihrem Heim entrissen ..." „Die Entrüstung stieg auf den Höhepunkt, als am Mittwochabend die Verhaftung Isaak Effendis, des Kapukehajas des Großrabbinats bekannt wurde. Er befand sich beim Gerichte, als einer der Verhafteten, Isaac Conetti, vor der Schranke erschien und ausrief: „Überlaßt mich nicht mehr der Polizei, man will mich dort töten, man schlägt mich, ich will in Gerichtsgewahrsam!" Als man sich um diesen Mann gruppierte, schrie der Polizeiagent: „Was rottet Ihr Euch hier zusammen? Seid Ihr gekommen, um den Mann zu befreien?" Der Kapukehaja schlug ihm beruhigend auf die Schulter und sagte: „Geh jetzt in den Gerichtssaal hinein, nachher wird man sehen, was zu tun ist." Selbigen abends ward der Kapukehaja verhaftet unter der Beschuldigung, er habe einen Gefangenen gewaltsam der Gerechtigkeit entreißen wollen. Ein sehr bedeutsamer Vorgang, der zu gefährlichen Verwicklungen hätte führen können, ist der folgende: In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag bemerkte ein armenischer Abendschüler drei maskierte Männer, die ein Papier auf die Mauer der armenischen Kirche kleben wollten. Er rief seine Freunde herbei, da er an einen Diebstahl glaubte. Man fand eine türkisch geschriebene Affiche, die einen aufreizenden Appell an die Bevölkerung enthielt gegen die Türken, die rechts und links die Juden einsperrten. Der Polizeichef studierte natürlich mit großer Genugtuung das Papier, um dann auszurufen: „Anstatt fünf Tage werden die Juden jetzt fünfzehn Tage im Gefängnis bleiben!" Erfreulicherweise sind die türkischen Oberbehörden, der Wali und der Militärkommandant, aufgeklärt genug, um auch nicht einen Augen- ' blick daran zu glauben, daß ein Jude der Verfasser dieses aufrührerischen Schriftstückes sei. Beide haben versichert, daß sie der Fabel von der politischen Revolte der Juden keine Beachtung schenken. Hoffentlich werden die wahren Schuldigen bald als solche erkannt und mit aller Schärfe für ihr gefährliches Treiben gezüchtigt. Bleibt der Vorfall unaufgeklärt und ungesühnt, so kann sich aus ihm eine traurige Serie solcher politischer Bilbuls für die türkischen Juden herleiten. Noch nie ist wie bei dieser Gelegenheit die organisationslose Zerfahrenheit und Kopflosigkeit der ottomanischen Judenschaft zutage getreten. Der Chachambaschi in persona ist für einige Wochen nicht da und niemand weiß die Interessen der Gemeinschaft der Regierung und den Behörden gegenüber wahrzunehmen. Die jüdischen Deputierten haben selbstverständlich Besseres zu tun als sich um solche „separatistischen" Lappalien zu kümmern. Rußland Der Justizmord an Qlusker Vor kurzem wurde offiziell mitgeteilt, daß die im vorigen Jahre auf Grund eines Kriegsgerichtsurteils erfolgte Hinrichtung des Juden Glusker, der angeklagt war, die Familie Bychowski ermordet zu haben, die Folge eines Irrtums gewesen sei. Die wirklichen Mörder wären nunmehr festgenommen. Zu dieser Mitteilung veröffentlicht jetzt der Verteidiger Gluskers, Uspenski, ein Nichtjude, ein Schreiben, aus dem hervorgeht, daß das Urteil gegen Glusker erfolgt sei, trotzdem er seinerzeit durch zwei Zeugen sein Alibi nachgewiesen habe. Diese beiden Zeugen bekundeten damals, daß Glusker zur Zeit des Mordes in einer Entfernung von etwa hundert Werst vom Tatorte sich befunden habe. Das Gericht schenkte ihnen jedoch keinen Glauben, nur deswegen, weil es Juden waren. Ein Prozeß gegen 307 Juden Das Moskauer Kreisgericht wird im Herbst einen eigenartigen Monster-Prozeß gegen 307 Juden zu führen haben, die beschuldigt werden, sich gefälschter Diplome bedient zu haben, um das Wohnrecht außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons zu genießen. Es gibt nämlich ein Gesetz, wonach diejenigen Juden, die im Besitze eines zahnärztlichen Diploms sind, überall unbehelligt wohnen dürfen. Um ein solches Diplom zu erlangen, muß man drei Jahre als Gehilfe eines Zahnarztes fungieren. Nun gab es in Smolensk zwei christliche Zahnärzte, die dieses Gesetz zu ihrem Vorteil auszunutzen verstanden, indem sie vielen Juden Zeugnisse ausstellten, daß sie drei Jahre bei ihnen praktiziert hatten, während viele von ihnen nicht einmal in Smolensk waren. Auch einige Staatsbeamte der Medizinalverwaltung (natürlich Nichtjuden) sind an der Affäre beteiligt und kommen ebenfalls wegen Amtsvergehens

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