Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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686 DIEEaEELT No. 28 an die gänzlich verschiedene Behandlung zu erinnern, die dem bekannten Oberleutnant Hofrichter zuteil wurde. Dieser, ein erweislicher und geständiger Mörder, der einen Offizier durch Zyankali aus dem Leben geschafft und das gleiche Attentat auf etwa ein Dutzend anderer Kameraden versucht hatte, wurde zu 20 Jahren Kerker verurteilt. Hilsner dagegen wurde auf Grund eines Indizienverfahrens, bei dem kein Beweis stichhaltig blieb, zum Tode durch den Strang verurteilt und dann zu lebenslänglichem Kerker „begnadigt". Ausgewiesene russische Juden in Qalizien In Podwoloczyska an der russischen Grenze langen täglich viele jüdische Familien an, die aus Kiew und andern Städten Rußlands ausgewiesen worden sind. Manche der ausgewiesenen Juden wählen Krakau oder Lemberg zu ihrem Wohnorte. Die Wiener „Reichspost" ist über die Immigration der russischen Juden nach Galizien höchst^ beunruhigt und fordert die Regierung auf, Maßnahmen gegen die „Überflutung unserer östlichen Provinzen mit russischen Juden" zu treffen. Baurat Wilhelm Stiaßny gestorben Montag Nachmittag ist in Bad Ischl der Wiener Gemeinderat Baurat Wilhelm Stiaßny im 66. Lebensjahre gestorben. Brief aus Ungarn Judenausweisungen in Budapest und an der Landesgrenze Seit dem vor einigen Wochen gegen den Landeschef von Bosnien, Varesanin, verübten Attentat durch den Studenten Bogdan Serajics sind sämtliche Polizeibehörden in Budapest bemüht, die Fäden dieses Mordanschlags zu entwirren. Da der Attentäter mit Agramer Revolutionären in Verbindung gestanden hatte, forschte die Polizei, ob zwischen den Agramer und Budapester Anarchisten eine Verbindung bestehe. Eine solche könnte bis zum 2. d. M. nicht konstatiert werden. An diesem Tage meldete sich ein übel beleumundetes Individuum namens M. Braginsky bei der Polizei und machte über angebliche „Umtriebe" Budapester Anarchisten Mitteilung. Er gab an, die Familie des Obsthändlers Mayer Berneser, ferner die Konfektionsarbeiterin Anna Trojanska und der Eisenarbeiter Salomon Gurfinkel trieben in der ungarischen Hauptstadt anarchistische Propaganda. Die sofort mit aller Energie eingeleitete Untersuchung ergab zunächst, daß Braginsky vor drei Jahren aus Rußland nach Budapest gekommen war und, obwohl er ohne jede Beschäftigung ist, doch auf recht großem Fuße hier lebt. Es stellte sich schließlich heraus, daß er ein besoldeter Agent der russischen Geheimpolizei ist und in Verbindung mit Azew stand. Trotzdem ließ die Polizei auf Grund seiner Mitteilungen die angezeigten „Anarchisten" sofort verhaften. Sämtliche Beschuldigten sind pogromflüchtige Juden aus Rußland. Berneser und seine Frau, alte, gebrechliche Leute, wohnten mit ihrerTochter und deren Mann, Abraham Weinberg, zusammen. Sie und Gurfinkel kamen vor sechs Jahren aus Rußland, wo sie bei den schrecklichen Pogromen Hab und Gut verloren und nur ihr nacktes Leben retten konnten. Die Trojanska kam vor fünf Monaten aus Lemberg. Ihre Eltern und ihre ganze Familie sind bei einem Pogrom niedergemetzelt worden. Alle diese Angeklagten haben ständige Wohnung und behördliche Gewerbekonzession. Sie gehören der zionistischen Organisation an. Die 20 Detektivs, die in der Nacht am 2. d. M. in ihre Wohnungen drangen, fanden nur zionistische und einige sozialdemokratischen Schriften vor. Bei ihren gesellschaftlichen Zusammenkünften wurde niemals vom Anarchismus gesprochen. Braginsky, der sich bei ihnen einzuschleichen wußte und unter ihnen anarchistische Propaganda machen wollte, wurde von ihnen zurückgewiesen. Ungeachtet dieser Umstände verurteilte die Polizei sämtliche Verhaftete zur sofortigen Ausweisung aus Ungarn und Abschiebung an die russische Grenze. Die Intervention des Verteidigers, unseres Gesinnungsgenossen Advokat Dr. L. Dömeny, blieb erfolglos. Unter den in Budapest ansässig gewordenen russischen Juden, 1500 an der Zahl, herrscht Furcht und Schrecken. Die Erbitterung gegen den Agent provocateur und Denunzianten Braginsky ist so groß, daß er sich mit Beihilfe der Polizei und mit Geldmitteln reich versehen im Eilzug aus Budapest entfernen mußte. Die russische Polizei kann jedenfalls mit den Handlangerdiensten Ungarns zufrieden sein .... Die russische Ausweisungspraxis findet auch sonst Nachahmung in Ungarn. Vor einigen Jahren wurde unter Hinweis auf die immer mehr zunehmende Einwanderung der galizischen Juden die Grenzpolizei eingerichtet. Die rohesten Schergen wurden als Polizisten an die Grenze geschickt und walteten dort mit grausamer Rücksichtslosigkeit ihres Amtes. Nun begnügen sie sich aber nicht damit, daß kein lebender „galizischer" Jude rftehr über die Grenze kommen kann, sondern weisen auch jüdische Kaufleute aus, die schon seit Jahrzehnten in Ungarn ansässig sind. Zu den Grenzstädten gehört Körösmezö im Komitat Märamaros. In dieser Stadt wohnten seit 20 Jahren Hermann Sternhell und seine Frau, die dort geboren ist. Sie hatten ein gutgehendes Geschäft. Vor einigen Wochen ging ihnen eines schönen Tages eine Verfügung der Grenzpolizei zu, daß sie die Stadt verlassen und sich nach Worochta (Galizien), wo der Mann heimatsberechtigt ist, begeben müssen. Alle Bemühungen, die Ausweisung rückgängig zu machen, waren vergebens. Die Frau erblindete vom vielen Weinen, der Mann wurde wahnsinnig. — Mottl Kamil lebte seit 30 Jahren in der Stadt und jetzt wurde er ausgewiesen. Ebenso erging es dem Daniel Sternberg, der seit 18 Jahren als Lehrer wirkte, ferner dem Simon Tarie, der 15 Jahre lang ein blühendes Geschäft im Orte betrieb, und dem David Komornik, der sich von seinem kleinen Kramladen seit 23 Jahren kümmerlich ernährte und plötzlich einen Befehl erhielt, er müsse binnen 15 Tagen das Land verlassen, weil er ein „Wucherer" sei. 200 Bauern wandten sich hierauf mit einem Gesuch an den Minister, worin das Gegenteil behauptet wird. Ein Erfolg war dieser Eingabe nicht beschieden . . . Das sind einzelne von den vielen Fällen. Die leitenden Kreise unserer ungarischen Brüder beginnen jetzt doch zu ahnen, daß sie mit den „Russen" und „Pollacken" doch etwas gemein haben . . . Brief aus Amerika Eine hebräische Enzyklopädie Soeben ist in Newyork der vierte Band der von J.D.Eisen Stadt inhebräischerSprache herausgegebenen jüdischen Enzyklopädie„0 zar Israel" erschienen. Der Umfang des Werkes ist auf 10 Bände berechnet. Der Subskriptionspreis der ganzen Enzyklopädie stellt sich auf 30 bzw. 35 Dollar. Der neuerschienene vierte Band umfaßt die Artikel Doeg bis Chathan. Eine neue jüdische Kolonie in Texas Einige in Texas ansässige reiche Juden, denen sich der bekannte Multimillionär J a k o b S ch i ff zugesellt hat, haben zwischen G a 1 v e s t on und Houston 50000 Acker Land gekauft, auf dem die aus Europa, namentlich aus Rußland ausgewiesenen oder ausgewanderten Juden angesiedelt werden sollen. Nach den Plänen des Ausschusses, der sich mit der Ansidelung befaßt, soll jede jüdische Familie etwa 20 Acker Landes, ein auf Kosten der Gesellschaft erbautes Häuschen, ein Pferd, eine Kuh und das nötige Arbeitsgerät erhalten. Im ersten Jahr erhalten die Ansiedler auch die nötigen Vorräte; die Abzahlung für den Wert des Gutes soll in 25 Jahresraten erfolgen. Die jüdische Einwanderung nach Amerika. Der vor kurzem erschienene Jahresbericht des amerikanischen Handels- und Arbeitsministeriums für die Zeit vom 1. Juli 1908 bis 30. Juni 1909 enthält sehr interessante Ziffern über die jüdische Einwanderung nach den Vereinigten Staaten. Dem Berichte zufolge sind im genannten Jahre 57 551 Juden, — 13 ° o aller Immigranten, nach den Vereinigten Staaten eingewandert, und zwar 31 057 Personen männlichen und 26 494 Personen weiblichen Geschlechts. Darunter befanden sich 15 210 Personen unter 14 Jahren, 38 465 zwischen 14 und 44 Jahren, und 3876 im Alter von 45 Jahren und darüber. Von den Einwanderern brachten 3008 eine Summe von 50*Dollar oder mehr mit, während 21 118 weniger als 50 Dollar besaßen. Nach den Aus Wanderungsländern verteilen sich die jüdischen Immigranten wie folgt: 39 150 kamen aus Rußland, 8431 aus Österreich-Ungarn, 1390 aus Rumänien und 8580 aus andern Ländern. 34 633 von den jüdischen Einwanderern ließen sich im Staate New-York nieder, 4650 in Pen nsylvani en, 3909 in Illinois, 3667 in Massachusetts, 2310 in New-Jersey, 1298 in Ohio, 912 in Connecticut, 896 in Missouri, 779 in Maryland und der Rest in versohlenden andern Staaten der Union. Hieraus geht hervor, daß ca. 60 Prozent der Einwanderer in New-York blieben. Ihrem Berufe nach sind 6862 von den Einwanderern Schneider, 1367 Damenschneider, 1125 Schuhmacher, 1459 Schreiner und Zimmerleute, 3274 Arbeiter, 1195 landwirtschaftliche Arbeiter, 481 Bäcker, 464 Metzger, 456 Angehörige freier Berufe (meist Lehrer, Musiker, Schriftsteller und Schauspieler). Die Gesamtzahl der jüdischen Immigranten nach Amerika in den letzten zehn Jahren beläuft sich auf 990 182 Seelen- — 10 Prozent der Gesamteinwanderung während dieses Zeit-