Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Führer des geistigen Judentums wie Achad-Haam. Von den ein leitenden Referaten sind das von Dr. Martin Buber über die Bedeutung der hebräischen Sprache und das von Leo Motzkin überdie Organisationsfrage zu erwähnen. Die Konferenz beschloß die Einberufung eines großen öffentlichen Kongresses von Delegierten und die Begründung der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur", der jeder Jude und jede Jüdin beitreten kann, die hebräisch verstehen, die hebräische Sprache als unsere Nationalsprache anerkennen und an ihrer Wiedergeburt mitarbeiten wollen. Der jährliche Mitgliedsbeitrag (T'ruma) wurde mit 2 Mark bestimmt. Es wurde ein Komitee eingesetzt, das bis zum Kongreß die Geschäfte der Organisation zu führen hat. Dieses Komitee besteht aus einer Anzahl von Mitgliedern in den verschiedenen Ländern (darunter Achad-Haam in London, Ussischkin und Klausener in Rußland, Chacham Jakob MeTr in der Türkei, Ben Jehuda, Jellin u. a. in Palästina, und einem Zentralausschuß, dessen Sitz Berlin ist und dem u. a. Dozent Dr. Bäneth, Prof. Dr. Mittwoch, Dr. Schmärjahu Lew in, Rüben Brainin, Rabbiner Dr. Warschauer, Rabbiner Dr. Emil Levy, Dr. Martin Buber, Leo Motzkin, Berthold Feiwel, S. Hurwitz, Dr. Heinrich Loewe angehören. Das Komitee hatte eine doppelte Aufgabe: 1. Die Vorbereitung des Kongresses und die Ausarbeitung der ihm vorzulegenden Pläne und Entwürfe. 2. Die Schaffung von Gruppen der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" in den verschiedenen Ländern. Dieser Aufgabe hat das Komitee in den 4*/« Monaten seines Bestehens nach Kräften gerecht zu werden versucht. Die Vorbereitung des Kongresses ist so weit gediehen, daß er voraussichtlich bereits für den Spätsommer dieses Jahres wird einberufen werden können. Von den dem Kongreß vorzulegenden Plänen und Entwürfen h^ben wir hier nur die wichtigsten hervor: 1. Die Schaffung eines nach den Verhältnissen der verschiedenen Länder nuancierten hebräischen Erziehungs-, Schul- und Unterrichtsprogramms. 2. Die Organisierung des Zusammenhangs zwischen der Diaspora und Palästina, als dem natürlichen Zentrum des lebendigen Hebraismus. 3- Die Kreierung einer kompetenten Behörde in sprachlichen Angelegenheiten (Fragen der Aussprache, Neubildungen usw.). 4. Die Begründung eines großen Fonds für hebräische Sprache und Kultur, der die finanzielle Basis aller zu unternehmenden Arbeiten bilden soll. Die Begründung des Fonds ist im Prinzip bereits von der Konferenz beschlossen worden. Beiträge nimmt in Deutschland das Landeskomitee entgegen. An Organisationsgruppen sind der neuen Organisation eine Reihe bereits bestehender hebräischer Sprachvereine beigetreten. Insbesondere hat der Vorstand des Verbandes „Ivria", der eine große Zahl von Gruppen umfaßt, beschlossen, sie der Organisation anzugliedern. Es sind aber auch mehrere neue Vereine entstanden. Gegenwärtig besitzt die Organisation Ortsgruppen in Rußland, Galizien, Westösterreich, Ungarn, Rumänien, der Türkei, Deutschland,.England, Amerika und Südafrika. Insbesondere war das Komitee darauf bedacht, die Gruppen in den einzelnen Ländern durch Landeskomitees zu verbinden und so eine intensivere Arbeit zu ermöglichen. Solche Landeskomitees sind bisher in Deutschland, in Galizien, in Rumänien und Palästina gebildet worden. Die Arbeitsgebiete der Landeskomitees und der Ortsgruppen sind folgendermäßen abgegrenzt worden: Das Landeskomitee hat die Aufgabe: 1. die Arbeit der bestehenden Ortsgruppen zu zentralisieren und neue Ortsgruppen zu begründen; 2. für die Arbeit in den einzelnen Ortsgruppen die nötigen Lehrbücher zu schaffen; 3. die Agitation für die hebräische Sprache durch Presse, Entsendung von Wanderrednern und Gewinnung anderer bereits bestehender Organisationen zu übernehmen; 4. für den Vertrieb von hebräischen Zeitungen und hebräischer Literatur Zentralstellen zu schaffen. Die Ortsgruppen haben 1. die Agitation für das Hebräische am Orte zu führen, vor allem aber 2. hebräische Sprachkurse zu veranstalten, und zwar für Anfänger und für Fortgeschrittene, Konversationszirkel und Literaturkurse. In Deutschland sind derartige Ortsgruppen außer in Berlin bereits in einigen bedeutenden jüdischen Zentren begründet worden. Wir leben in der sichern Erwartung, daß der Gedanke der energischen Propagierung des Hebräischen in allen größern jüdischen Gemeinden Fuß fassen und überall Ortsgruppen der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" ins Leben rufen wird. Das deutsche Landeskornitee der Organisation für hebräische Sprache und Kultur. Prof. Dr. Eugen Mittwoch, Vorsitzender, Berlin NW., Kirchstraße 23. Brief aus Österreich Erweiterung der Sonntagsruhe? Nach dem Beschluß des Polenklubs im österreichischen Reichsrat, sich für die Ausdehnung der Sonntagsruhe auch auf das Schankgewerbe einzusetzen, brachten auch die sozialdemokratischen Beisitzer im österreichischen Arbeitsbeirat einen neuen Gesetzentwurf ein, der auf die Einführung der vollständigen Sonntagsruhe hinzielt. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Spitze dieser beiden Projekte gegen die Juden gerichtet ist, zumal da insbesondere das Schankgewerbe fast ganz in jüdischen Händen ruht Namentlich würden dadurch die jüdischen Kaufleute Galiziens und der Bukowina, die noch fast ausnahmslos die religiösen Vorschriften streng beobachten, schwer geschädigt werden, da sie durch eine Ruhezeit von fast 212 Tagen wöchentlich völlig konkurrenzunfähig gemacht würden. Dem Vernehmen nach rüstet sich die jüdische Kaufmannschaft in Galizien zu einer Abwehraktion, der sich auch die jüdischen Angestellten energisch anschließen werden. Daß dieses Projekt von sozialistischer Seite ausgeht, ist für die Judenfreundlichkeit und das Rechtsgefühl dieser Freiheitskämpfer bezeichnend. Antisemitische Wühlereien in Prag Der durch seine jüngste Pogromrede im Wiener Reichsrat bekannte tschechisch - klerikal - agrarische Abgeordnete M y s 1 i v e c setzt den Feldzug gegen den alten jüdischen Friedhof und die „Altneuschul" in Prag fort. Sein Antrag auf Entfernung des Friedhofes, der die christliche Bevölkerung provoziere (bei den letzten Reichsratswahlen hat der Bezirk Josefstadt mit dem Vorort Lieben zusammen sozialistisch gewählt) ist vom Stadtverordnetenkollegium abgelehnt worden. Nunmehr hat Myslivec die Beschwerde an den Landesausschuß ergriffen. Die Besenwerdeschrift, die Beleidigungen des Judentums enthält, ließ der Antragsteller in den Straßen gedruckt verteilen. Trotzdem in Österreich jede Kolportage verboten ist, hat die Behörde nichts einzuwenden, wenn Juden geschmäht werden. Man muß unwillkürlich an die jüdische Krämerin in Krakau denken, die ein Stückchen Käse in ein katholisches Zeitungsblatt gewickelt verkaufte und deshalb vom Obersten Gerichtshof zu einer Kerkerstrafe verurteilt wurde. Die Ungültigkeit hebräisch geschriebener Urkunden Nachdem bereits das Reichsgericht entschieden hat, daß die jüdische Sprache in Österreich nicht „landesüblich" ist, kam nun auch der Oberste Gerichtshof in die Lage, über die Frage zu entscheiden, ob Privaturkunden in hebräischer Sprache rechtsgültig sind. Die Untergerichte hatten einen in hebräischer Sprache abgefaßten Provisionsvertrag als Prozeßgrundlage angenommen und in der Sache selbst entschieden. Der Oberste Gerichtshof hat jedoch der Revision des Klägers Folge gegeben, das Urteil des Berufungsgerichts aufgehoben und die Sache zur neuerlichen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen, weil der Provisionsbrief in hebräischer Sprache abgefaßt war und nach dem Hofkanzleidekrete vom 22. Oktober 1814 in hebräischer Sprache oder mit hebräischen oder jüdischen Buchstaben geschriebene Dokumente für ungültig und nichtig anzusehen sind. Eine Theodor Herzl-Gasse Der Gemeinderat der Stadt Monasterzyska in Galizien hat vor kurzem beschlossen, eine Gasse dieser Stadt nach Dr.Theodor Herzl zu benennen. Dies ist nach Gliniany der zweite Fall in Galizien, daß das Andenken Cr. fierzls auf diese Weise geehrt wird. Bekanntlich gibt es auch in Czernowitz, der Landeshauptstadt der Bukowina, eine Straße, die den Namen des verstorbenen Führers der Zionisten trägt. Der Fall Hilsner In der „Frkf. Ztg.", Nr. 188 vom 10. d. M., veröffentlicht der Berliner Jurist Dr. Arthur Nußbaum eine zusammenfassende Darstellung des Hilsnerfalles, in der er sich insbesondere mit der politischen Seite dieser Affäre befaßt. Der Artikel schließt mit folgenden Worten: „Hilsner sitzt heute 10 Jahre im Zuchthaus, 11/2 Jahre hat er schon vorher in der Untersuchungshaft zugebracht, und man ist von einer Wiederaufnahme vielleicht weiter entfernt als je zuvor. Wann wird wohl dieser „österreichischen Dreyfuß- Affäre" ein Zola, ein Scheurer-Kestner entstehen, ein Mann, der Opfermut und Energie genug besitzt, der Gerechtigkeit eine Gasse zu bahnen?" Es mag nicht uninteressant sein, bei dieser Gelegenheit