Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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keine einzige, an der ein Nachlassen der künstlerischen Kraft, eine konventionelle Linie oder gar eine schablonenhafte Mittelmäßigkeit entdeckt werden könnte. Gustav Mahlers vibrierendes Profil, Graf Kalkreuths kernige Gesundheit der Gelehrtenkopf Ernst Häckels, — sie alle sind in ihrer kühnen Eigenart bis in die letzten Winkel ihrer Seele erfaßt, mit einem seltenen Temperament hingeschrieben. Am deutlichsten offenbart sich Orliks Sinn für den Rhythmus der Linie in dem Bildnis Gerhart Hauptmanns; der emporgehobene Kopf des Dichters mit den heliblinkenden Augen und der mächtigen reinen Stirn zwingt uns, an Hauptmann zu glauben als an den starken Kämpfer mit seinem Gewissen, mit seiner geläuterten Kunst, die niemals stille steht, weil ihr Führer immer höhere Ziele sieht und anstrebt. Wir erinnern hier an die Hauptmann-Radierung des Berliners Hermann Struck; Strucks Hauptmann-Kopf steht uns menschlich näher; er verrät weniger den Dichter als den Mitmenschen, der nach mühevollen Irrfahrten zu einer weisen, schwermütigen, tief ergreifenden Resignation gelangt ist. Wie denn überhaupt der Kontrast zwischen den beiden jüdischen Künstlern besonders nach der Gefühlsseite hin ein sinnfälliger ist Seltsam überraschen die' Radierungen des Altmeisters Josef Israels (ebenfalls im Hellerschen Kunstsalon). Niemand hatte dem Fünfundachtzigjährigen eine solch sichere Hand, ein solch kühnes Drauflosgehen zugemutet. Es sind wieder die holländischen Motive, Standbilder, Interieurs, Männer und Frauen bei der Arbeit, in den dunklen engen Stuben des Nebellandes. Der satte, schummerige Ton der Israelsschen Bilder ist zwar auf diesen Blättern nicht zu finden, dafür aber eine suggestiv wirkende Kraft der Luftperspektive. Wie alle großen Meister greift auch Israels, fast als gäbe es für seinen Pinsel keine Aufgabe mehr zu leisten, zur Nadel. Die Askese in den malerischen Mitteln zwingt ihn noch intensiver zur Impression, und so erreicht er in wenigen Strichen jene Wirkung, die sonst nur dem farbigen Ausdruck möglich ist. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, auf diese radierten Blätter hinzuweisen. Vielleicht finden sich doch welche Sammler, welche genügendes Interesse für jüdische Kunst haben, um wenigstens einige dieser wertvollen Blätter für ihre Mappe zu erwerben. Wien, im Juni 1910. o o o o o o o H o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG f o o o o o o o Österreich Kimpolung. Anläßlich des 50. Geburtstages Theodor Herzls fand hier Sonntag den 3. Juli eine Gedenkfeier statt, bei welcher Herr Univ.-Prof. Dr. Leon Kellner die Gedenkrede hielt. Die Feier gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung für den zionistischen Gedanken und wird gewiß sämtlichen Teilnehmern in angenehmer Erinnerung bleiben. Die Feier fand im Rathaussaale statt, der dichtgefüllt war. Gespannt lauschte das zahlreiche Auditorium den trefflichen Ausführungen des Redners, der in seiner bekannten geistvollen Art den Lebenslauf Herzls schilderte. Stürmischer, nicht endenwollender Beifall lohnte die fast einstündige Rede des Herrn Prof. Kellner. Hierauf fand zu Ehren des Gastes ein Kommers statt, der zahlreich besucht war und bis .in die frühen Morgenstunden währte. Mehrere Redner brachten Toaste auf den illustren Gast aus, der in einer sinnigen und gehaltvollen Rede seinen Dank aussprach. Nach Schluß des offiziellen Teiles blieben die Teilnehmer in angeregter Unterhaltung noch lange beisammen. Radautz. Am 19. Juni d. J. veranstaltete der Verein „Dorsche Zion" eine Herzl-Gedenkfeier. Nach Absingung eines Chorals seitens des hiesigen Tempelchors unter Leitung des Oberkantors Bernstein, begrüßte der Obmann desVereins, Herr Dr. Josef Bier er, die gesinnungsgenössischen Vereine und die zahlreich erschienenen Gäste, worauf aer Obmann unseres Landeskomitees, Herr Prof. Dr. Kellner, in meisterhafter Weise über den Werdegang unseres großen Führers sprach. Frenetischer Beifall folgte auf diese Rede. Die Begeisterung, die die Worte Prof. Kellners entfachte, fand auch in einem erhebenden Kommerse, der durch so manchen schönen Toast verschönt wurde, den würdigen Abschluß. Deutschland Köln. Die hiesige „Zionistische Vereinigung" veranstaltete Montag den 11. d. M. eine Vereinsversammlung, in welcher Herr Rechtsanwalt Dr. M. J. Boden heim er ein kurzes Referat über die zionistische Jahreskonferenz in Berlin erstattete. Der Referent gab, soweit es der Charakter der Verhandlungen der Jahreskonferenz, die zumeist in geschlossenen Sitzungen stattgefunden haben, zuließ, ein interessantes Bild der prinzipiellen Kämpfe, die seit dem letzten Zionistenkongreß in Hamburg die zionistische Öffentlichkeit beherrschten und in der Jahreskonferenz ihren Höhepunkt, aber auch ihre friedliche Lösung gefunden haben. Mit einer Aufzählung der wichtigsten Beschlüsse der Jahreskonferenz schloß Herr Dr. Bodenheimer seinen beifällig aufgenommenen Vortrag. In einer kurzen Debatte, die sich an den Vortrag anschloß, äußerten die Herren Gold reich , Baer und Goitein-Frankfurt ihre Ansichten zu verschiedenen Beschlüssen der Jahreskonferenz, die Herrn Dr. Bodenheimer zu einem kurzen Schlußworte Veranlassung gaben. Königsberg. Gelegentlich der Anwesenheit des Herrn Präsidenten Wolffsohn in unserer Stadt veranstalteten die hiesigen Gesinnungsgenossen Freitag den 1. d. M. ein Festbankett. Der ü 3 o o o o o o o auf der Jahreskonferenz geschlossene Friede wurde in zahlreichen begeisterten Reden gefeiert. Samstag abends veranstalteten die hiesigen jüdischen Studentenkorporationen einen Kommers zu Ehren des Herrn Wolffsohn, an dem auch viele angesehene Nichtzionisten teilnahmen, u. a. Rabbiner Dr. Vogelstein, der bekanntlich den zionistischen Bestrebungen gegnerisch gegenübersteht. Herr Wolffsohn hielt eine längere Ansprache, in der er die jüdische Studentenschaft aufforderte, sich an die Spitze der jüdischen Renaissancebewegung zu stellen, getreu den Traditionen der jüdischen Jugend, die schon in den alten Jeschiboth ein Bollwerk des Judentums bildete. Rabbiner Dr. Vogelstein hielt eben - falls eine Ansprache, in der er betonte, er müsse der zionistischen Bewegung angesichts des wohltätigen Einflusses, den sie auf die jüdische Jugend ausübe, den Tribut seiner Wertschätzung zollen, obgleich er sich gegenüber den letzten Zielen der Bewegung ablehnend verhalte. Der Kommers verlief in der gehobensten Stimmung. In der dem offiziellen Teil folgenden Fidelität führte PräsidentWolffsohn selbst den Vorsitz. Aufruf des deutschen Komitees für hebräische Sprache und Kultur In immer weiteren Kreisen macht sich auch in Westeuropa die Überzeugung geltend, daß eine Erhaltung und Entwicklung des jüdischen Volkstums die Erhaltung und Entwicklung der hebräischen Sprache zu einer ihrer wesentlichsten Voraussetzungen hat. Die Sprache ist das stärkste und bedeutsamste Dokument der Volkseinheit, ihre festeste Grundlage und ihre offenbarste Garantie zugleich; darum steht der Kampf um die bedrohte Volkssprache im Mittelpunkt aller nationalen Bewegungen. Während diese sich aber darauf beschränken können, die Sprache zu verteidigen und zu beschützen, legt uns die Anomalie unserer Lage eine größere und schwierigere Aufgabe auf: unser Volk für seine Sprache wiederzugewinnen. In der palästinensischen Judensiedlung wird die hebräische Sprache durch die naturlichen Daseinsbedingungen regeneriert: sie ist die Sprache des Hauses, der Erziehung, des Verkehrs, des öffentlichen Lebens; in der Diaspora, wo jene natürlichen Daseinsbedingungen fehlen, müssen sie durch Schaffung einer hebräischen Geistesatmosphäre, durch zielbewußte Förderung und Propagierung des Hebraismus ersetzt werden. Diese kann aber nur dann große und dauernde Erfolge haben, wenn sie auf systematischer Kraftvereinigung und Arbeitsteilung begründet wird. Daraus ergibt sich die Forderung nach einer zentralisierten Organisation zur Pflege des hebräischen Sprechens, der modernen hebräischen Literatur und der hebräisch-sprachlichen Erziehung, einer Organisation, die den großen Schul- und Sprachverbänden anderer Nationen würdig an die Seite treten könnte. Aus dieser Überzeugung heraus ist von den namhaftesten Vertretern des modernen Hebraismus zum Zwecke der Vorberatung einer solchen 'Organisation die Konferenz für hebräische Sprache und Kultur einberufen worden, die im Dezember 1909 in Berlin tagte. Unter den etwa 70 Teilnehmern befanden sich