Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schekel Die Tabelle, die wir heute veröffentlichen, muß jeden Zionisten, der es gut meint mit unserer Organisation, aufs schmerzlichste berühren. Die Institution des Schekels, auf der die ganze zionistische Organisation aufgebaut ist, auf der sie sich, trotz aller Mängel, bis zum heutigen Tage aufrecht erhalten hat, diese älteste und wichtigste unserer organisatorischen Einrichtungen — versagt vollständig! Wir wollen keine langen Klagereden mehr halten; wir wissen nur zu gut, daß man sich bezüglich der Wirkung derartiger „Kinoth" keinen Illusionen hingeben darf. Die Zahlen reden übrigens eine so deutliche Sprache, daß sie jedes weitere Wort überflüssig machen. Aus Rußland zwölf hundert Mark, aus Österreich dreihundert, aus Qalizien, aus Nordamerika, von den Misrachi, den Poale-Zion — nichts! Auf der JahresKonferenz, die uns die innere Ruhe gebracht hat, die die Arbeitsfreudigkeit neu belebt und die Gemüter befreit hat von dem Alpdruck des ewigen bittern Unfriedens, da hat man ein Budget angenommen und dem E. A. C. 170000 Mark — Ausgaben bewilligt! Wenn man nicht will, daß die Organisation sich dem Spott der Öffentlichkeit aussetzt, wenn man die Bewilligung der Ausgaben nicht zu einer lächerlichen Komödie machen will, — so gibt es nur einen Weg: Schafft Mittel! Sammelt den Schekel! Und führt ihn ab! Zionistisches Zentral bureau. Zur Jahreskonferenz .Haolam beschäftigt sich in seiner Nr. 25 an leitender Stelle mit den Ergebnissen der Jahreskonferenz. „Der Kampf innerhalb der Organisation" — heißt es in dem Artikel — „ist nunmehr beendet. Es ist der Jahreskonferenz gelungen, die beiden Richtungen vollständig zu vereinigen. In diesem Sinne können wir verkünden: Eine geeignete, befriedigende Neuordnung ist getroffen worden, und sie bedarf nur noch der formalen Genehmigung des Kongresses. Nach sechs Monaten des Kampfes und der Verwirrung wird wieder Friede und Eintracht in die Reihen unserer Organisation einziehen. Der Zionismus hat wieder einmal seine Kraft bewährt und die Hoffnungen seiner Feinde zuschanden gemacht. . . . Mit größerer Kraft und neugestähltem Mut kehren wir nun zu unserer regelmäßigen Tagesarbeit zurück. Die Jahreskonferenz hat nicht nur die Streitaxt begraben, sondern sie hat auch das Programm unserer Tätigkeit in Palästina und der Türkei klargestellt. Die Grundzüge dieser Tätigkeit, der wir seit Einführung der türkischen Verfassung das Wort reden, haben eine allseitige Klärung erfahren, und nun dienten sie als Basis für die Beschlüsse der Konferenz, als. Grundlage für ein genau umschriebenes Programm großzügiger und vielseitiger zionistischer Arbeit. Die Lage unserer Presse ist gefestigt worden. Es ist klar zutage getreten, daß die reale Palästinaarbeit mit größerm Eifer als bisher in Angriff genommen werden muß. Endlich wurde nochmals vor aller Welt verkündet, daß es einzig und allein die offiziellen Kundgebungen des Kongresses sind, die die Bestrebungen und die Leitsätze des Zionismus authentisch offenbaren. Der Jahreskonferenz ist es geglückt, alle Hindernisse, die ein Fortschreiten unserer Arbeit gehemmt hatten, hinwegzuräumen. Nun ist die Bahn frei. Auf denn zur Arbeit." Richtigstellung In dem Berichte über die Jahreskonferenz in Nr. 27 soll es auf Seite 663. 1. Spalte, Zeile 20 von oben statt „40000 Jl* richtig „90000 jr heißen. * Präsident Wolffsöhn Da verschiedene Blätter Nachrichten über eine schwere Erkrankung des Präsidenten Wolffsöhn gebracht haben, sehen wir uns zu folgender Darstellung an der Hand von Mitteilungen des Herrn Dr. W.Stein-Königsberg, der Herrn Wolffsohn behandelt hat, veranlaßt: Herr Wolffsohn, der von den Anstrengungen der Jahreskonferenz und den vielen mit derselben verbundenen Sitzungen und Besprechungen mehr als gewöhnlich angegriffen war, reiste Donnerstag den 30. Juni abends von Berlin nach Königsberg. Dort erkrankte er am Abend des Sonntags, 3. Juli, an einer fieberhaften Halsentzündung, die, obgleich an sich durchaus unbedenklich, ihn eine Woche ans Bett bzw. ans Zimmer fesselte. Am zweiten Tage der Krankheit stieg das Fieber auf 39,6 Grad; dann nahm es aber bald ab. Herr Dr. Stein und der zugezogene Spezialist Herr Dr. Frohmann haben festgestellt, daß Herr Wolffsohn in hohem Maße überarbeitet ist, und haben ihm für die nächste Zeit vollkommene Schonung und Ruhe vorgeschrieben. Dienstag den 12. Juli ist Herr Wolffsohn nach Memel weitergereist. Das Land der neuesten Judenexzesse. Antijüdische Bewegung in Bulgarien Dem „Agramer Tagblatt" wird folgendes über die Bewegung gegen die Juden in Bulgarien berichtet: In Bulgarien wird ein wahrer Kreuzzug gegen die Juden, namentlich gegen die jüdischen Kaufleute gepredigt, so daß sich Polizeiminister Taker veranlaßt sah, eine besondere Verordnung zum Schutze der Juden ergehen zu lassen. Doch trotz dieser Ministerialverordnung, die übrigens nur der Form halber erlassen wurde, pflanzt sich die Bewegung gegen die Juden immer weiter fort und hat Stadt und Land ergriffen. Eine große Zahl von Hetzern gehen von Dorf zu Dorf und suchen die Bauern durch ganz schauerliche Erdichtungen gegen die Juden aufzuhetzen. Das gelingt diesen Agitatoren um so leichter, als die bulgarischen Blätter alljährlich vor dem Pessachfest die unglaublichsten Affären über den Raub christlicher Mädchen und Knaben veröffentlichen, hauptsächlich um Sensation zu erregen und Geschäfte zu machen. In vielen Orten kam es bereits zu Ausschreitungen gegen die Juden, ihre Häuser und ihre Geschäfte. Doch das ist nur der Anfang einer großen, antijüdischen Bewegung, die in einem Hinmorden der Juden nach russischem Muster und Vernichtung ihres Vermögens enden soll. Der Anfang ist schon gemacht. In Küsten dil wurden gegen einige Häuser reicher Juden Bomben geschleudert, die zum Glück kein größeres Unheil anrichteten. Die Polizei hat eine große antijüdische Organisation entdeckt, an deren Spitze die angesehensten Bulgaren der Stadt stehen. Die erste Bombe wurde gegen das Haus des Kaufmanns Mordenaj Celebonov geworfen. Die Explosion war furchtbar und hat die gaiue Nachbarschaft in Schrecken versetzt. Ein Teil des Hauses wurde zerstört und die Frau des Kaufmannes verletzt. Die Polizei hat das Dienstmädchen, eine Bulgarin, verhaftet, weil sie im Verdachte steht, die Bombe gelegt zu haben. Diezweite Bombe explodierte irn Hause des reichen Avram B. Isaak, in dem auch der Rabbiner Juda wohnt. Sämtliche Fenster wurden zerschlagen. Die Frau des Rabbiners Zumbul und deren Sohn Baruch erlitten schwere Verletzungen. Dieses Attentat scheint im Einverständnis mit der Polizei verübt worden zu sein, denn die Polizei hat gar nicht nach dem Täter geforscht. Unter den Juden von Küstendil herrscht eine schreckliche Panik. Früh abends verbarrikadieren sie sich in ihren Häusern und glauben nichts, wederden Behörden noch ihren besten bulgarischen Freunden. In Furcht und Angst verbringen sie die Nächte, jeden Moment ein neues Attentat gewärtigend. Viele bereiten sich zur Flucht vor, um in Sofia oder in Serbien — Küstendil liegt nahe der Grenze — Zuflucht zu suchen. Auch in Ostrumelien nimmt die Bewegung gegen die jüdische Bevölkerung stets größere Dimensionen an. Man erwartet auch dort große Ausschreitungen gegen die Juden. Die antigriechische Bewegung vor einigen Jahren hat gezeigt, weiche Verbrechen die national aufgehetzte Masse begehen kann. Die Juden haben aber gegen sich nebst der nationalen Hetze noch den religiösen Haß, und da kannte die jetzige Bewegung viel gefährlicher werden als jene gegen die Griechen.