Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316434--53465-3347247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 28 sehen Volkes, die sich auch vielfach in Mähren gezeigt hat, ist immer damit motiviert worden, daß die Juden im l)ienstc des Deutschtums sich zur Bedrückung des Slawentums verwenden ließen. Abgesehen aber davon, daß dies keine Begründung z. Ii für das Urteil von Pisek wäre, ist den Führern der tschechischen Politik und ihrer Presse oft genug gesagt und bewiesen worden, daß mit dem Vordringen der jüdisch-nationalen Idee diese politische Dienstbarmaehung des Judentums verschwindet. Aber all diese Vorstellungen sind vergeblich gewesen. Der galizische und russische Antisemitismus sind zur Genüge bekannt. Alan braucht nur Polen und Rußland zu nennen, um die Worte Kramars würdigen zu können, daß die Slawen niemanden unterdrücken wollen. Freilich ist ja Abg. Kramär es gewesen, der in den österreichischen Delegationen die Judenverfolgungen Rußlands zu rechtfertigen versuchte. In Russisch-Polen vollzieht sich gerade in unsern Tagen der eigentümliche Prozeß, daß die Polen, und sogar die progressiven Fraktionen unter ihnen, gegen das nationale Judentum Stellung nehmen und in einigen Organen auch von einem Kampf auf Leben und Tod sprechen.' Zu alledem gesellt sich der Umstand, daß das Russentum mit Hilfe des kulturellen Xeoslawismus über die österreichische Grenze hinübergreift. Die Zustände, die solchermaßen geschaffen werden, haben bereits eine solche Gestaltung angenommen, daß die österreichische Regierung einschreiten mußte. Unser Gesinnungsgenosse Abg. Dr. Gabel wies im Wiener Parlament auf die drohende Gefahr hin, die besonders in der Bukowina zutage tritt, und sagte u.a.: „Wir werden, solange diese Zustände anhalten, den , Vertretern der panrussischen Idee, ebenso den Vertretern des Xeoslawismus, insoweit sie in Verbindung mit den offiziellen Kreisen Rußlands stehen, nur mit Mißtrauen entgegentreten." Gerade diese Vorgänge — man denke nur an die Schänkerfrage in Galizien und der Bukowina, an den sich jetzt zeigenden Antisemitismus in Bulgarien, das Verhalten der bosnischen Slawen gegen die jüdische Kurie -- zeigen deutlich, daß der Xeoslawismus nichts anderes ist, als das Hxpansionsstrebeu des Russentunis, --- hat doch der Kongreß die russische Sprache als die slawische Verständigungsspraclie erklärt, obzwar die zyrillischen Lettern den Tschechen und Polen z. 11 unbekannt, dagegen die lateinischen allen Slawen bekannt sind — und das zwingt uns zur äußersten Aufmerksamkeit. Denn das Russeulum ist identisch mit Antisemitismus. Und solange das Slawentum den Juden nicht anders als mit Boykott und Pogromen begegnet, werden wir den allslawisciieu Ideen nur mit schärfstem /Mißtrauen gegenüberstehen und umso intensiver und zäher an der konsequenten Organisierung des Judentums arbeiten, die nicht nur eine Forderung unseres Selbstbewußtseins, sondern auch unserer Seibsterhaltimg darstellt. Zollschans Werk Von Adolf Böhm, Wien Zollscheins Werk über das Rassenproblem wurde neulich an dieser Steile kurz besprochen. Kurz — das heißt, in diesem Fall nicht ausreichend. Demi ein Werk, das die letzten Fragen von Sein und Werden des Judentums in seiner ganzen Tiefe faßt, bedeutet für uns Zionisten ein Ereignis, dessen Bedeutung man mit ein paar Worten nicht gerecht werden kann. Es genügt auch nicht, dem reichen Inhalt des Buches nur die Darstellung des vom Autor diagnostizierten Auflösungsprozesses des Judentums zu entnehmen. Sagt doch Zollschan selbst, daß diesem Prozeß durch politische Ingerenznahme entgegengewirkt werden kann. Diese Aktion zu führen, haben wir Zionisten uns zur Aufgabe gestellt. Und gerade Zollschan liefert uns in seinem Werke, in welchem er anscheinend die Dinge so pessimistisch sieht, dafür neue und enorm wirksame Waffen. Darauf muß an dieser Stelle mit allem Nachdruck hingewiesen werden. Zollschan wird überhaupt vöLig falsch verstanden, wenn man ihn als einen wehmütig Klagenden ansieht, der dem dahinsiechenden Judentum, dessen Auflösung nach seiner Meinung kaum mehr aufzuhalten sei, eine Ehrenrettung zuteil werden lassen möchte, damit man später dem Toten nichts Übles nachsage. Wer näher hinhorcht, der hört einen andern Zollschan, einen, der uns mit machtvoller Stimme ins Gewissen redet und uns zuruft: Seht, ich zeige euch, daß alles Gerede von der Minderwertigkeit des Judentums Lüge ist, daß ihr alle Ursache habt zu einem Rassenstolz fast ohne gleichen und daß es für euch nur eine Forderung gibt: Dieses Judentum zu erhalten. Leider aber ist dieses Judentum in Auflösung begriffen; die einzige Möglichkeit, die in ihm ruhenden Werte zu erhalten, liegt im Zionismus. Wenn ihr diesen aber nicht mehr fördern werdet als bisher, dann ist es freilich vergebens! — Da habt ihr eine ganze Fülle neuer, scharfer Waffen, geht, und benutzt sie! Daß dies der richtige Zollschan ist, wird jedem klar, der sein Buch genau und mit Aufmerksamkeit liest. Zu diesem Zollschan muß Stellung nehmen, wer sein Werk vom Standpunkt des Zionisten wertet. Da mag man denn mit dem oder jenem nicht einverstanden sein und mit ihm polemisieren, wie auch ich es an anderem Orte getan habe. Die Hauptsache aber ist, daß Zollschan zum erstenmal dem tiefsten, ins Unbewußte reichenden Grund der Assimilationsseuche wirksam begegnet. Dieser Grund ist nicht nur, wie noch so viele Zionisten meinen, in der Streberei, der Charakterlosigkeit, dem Mangel an jüdischem Gefühl, in falscher Ideologie, politischem Unverstand usw. der Assimilanten zu suchen, sondern er liegt vor allem darin, daß die Juden in der großen Mehrheit selbst den überragenden Wert ihrer Rasse, ihres Volkstums, oder wie man sonst sagen will, verneinen. Wieviele ehrenhafte und charaktervolle Juden gibt es nicht noch heute, die noch immer sehnsüchtig hinüberstreben, weil sie glauben, der Weg der Kultur müsse aus dem Judentum hinausführen, das sie für etwas Rückständiges und jedes Inhaltes bar ansehen. Sie glauben, das Judentum sei etwas, das überwunden v/erden müsse. Darauf — und auf nichts anderes, — daß nämlich dem Judentum der Glaube an sich selbst verloren gegangen ist, muß im letzten Ende der geringe Erfolg des Zionismus gesucht werden. Gebt dem Judentum diesen Glauben wieder und es ist gerettet. Zollschans Werk ist geeignet, in diesem Sinne zu wirken Auf breitester wissenschaftlicher Basis wird darin der Versucl unternommen, den großen Kulturwert der Juden festzustellen. Au diesem Wege sollen und müssen ihm alle denkenden Juden mi wärmster Anteilnahme begleiten, denn ihre Sache ist es, die Zoll schan mit der überzeugenden Kraft der Wissenschaft zu führ1 Die Ergebnisse, zu denen er gelangt: daf3 der hohe Kulturwe; des jüdischen Volkes erwiesen sei, befreien das Judentum von de; quälenden Zweifeln, geben ihm die Selbstachtung wieder und de> Glauben an die eigene Zukunft. Und diese rückt Zollschan in eine große Perspektive: „Wenn das Judenvolk die Kraft aufbringt, sein Schicksal in der Tendenz des Zionismus zu entscheiden, darf es kraft seiner hohen Anlagen einer neuen, für sich und für die Gesamtheit noch wertvolleren Ära, als es die bisherigen waren, entgegenblicken." Auch an dieser Stelle erscheint uns Zollschaii als ein Mahnender. Er zeigt uns, welche Kulturaufgabe der Zionismus darstellt, dem er damit eine tiefe und weite Begründung gibt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.