Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRG. Köln, 15. Juli 1910 q-iirfc MD'nn'« ron "n m, 28. Auf zahlreiche Anfragen teilen wir unsern geehrten Lesern und Gesinnungsgenossen mit» daß die Palästina-Nummer der „Welt" im Monat Oktober d. J. zur Ausgabe gelangen wird. Die umfassenden Vorbereitungen, die wir schon jetzt für diese Spezialnummer getroffen haben, lassen erwarten, daß diese Nummer sich in jeder Beziehung als eine hervorragend wirksame Propagandaschrift für Palästina eignen und bei tatkräftiger agitatorischer Unterstützung seitens der Landesorganisationen, Distriktskoniitees, Vereine und Vertrauensmänner den verschiedenen palästinensischen und zionistischen Institutionen einen großen moralischen und materiellen Erfolg bringen wird. Näheres über Umfang und Inhalt der Nummer sowie der Preis derselben wird demnächst bekannt gegeben. Da die Abonnenten der „Welt" die Palästina-Nummer gratis zugestellt erhalten, ersuchen wir unsere Freunde und Gesinnungsgenossen wiederholt, diese Gelegenheit für eine möglichst rege und intensive Propaganda 2ur Gewinnung neuer Abonnenten für die „Welt" auszunutzen. Diejenigen Abonnenten, welche mit der Einzahlung des Abonnementsbetrages noch im Rückstände sind, wollen den entfallenden Bezugspreis unverzüglich einsenden da sie sonst den Anspruch auf kostenlose Lieferung der Palästina- Nummer verlieren.; Hochachtungsvoll Expedition „Die Welt" Neoslawismus- Die Vertreter aller slawischen Stämme mit Ausnahme der Ukrainer und Polen waren jüngst in Sophia zum Neoslawistenkongreß versammelt. Dieser Kongreß, der die kulturelle Annäherung der slawischen Nationen fördern soll, schließt, wie der Präsident, der österreichische Abgeordnete Kramär, ausführte, politische Erörterungen aus. Gleichwohl erhielt er durch die Abstinenz der Polen und Ruthenen eine bedeutsame politische Note, die auch der Präsident erwähnen mußte. Der Kongreß — sagte er — möge beweisen, daß die Slawen niemanden unterdrücken wollen. An und für sich erscheint die Idee des kulturellen Zusammenschlusses aller Slawen als eine Frage, die eigentlich nur die Slawen selbst angeht. Sie erscheint aber für uns denn doch in einem andern Lichte, wenn wir uns daran erinnern, daß der größte Teil des jüdischen Volkes in Europa sich inmitten von Ländern slawischer Zunge befindet. Es leben in slawischen Ländern: in Bulgarien zirka 38000, in Kroatien und Slavonien 21000, Bosnien und Herzegowina 8000, Serbien 6000, Böhmen 92000, Mähren und Schlesien 46000, Qalizien 800 000, Bukowina 100000 und Rußland 6000000 Juden, also zirka 7111000 Juden. Und deshalb ist es wohl gerechtfertigt, wenn wir uns mit dem Neoslawismus, dem Erben des Panslawismus, der politischen Vereinigung allerSlawen unter russischem Szepter, näher beschäftigen. Die vornehmlichsten Förderer der neoslawischen Ideen sind die Tschechen, der am meisten vorgeschrittene Stamm der Nordslawen. Sie haben sich durch eine bewundernswerte, zielbewußte Regenerationsarbeit der ihnen durch die deutsche Umklammerung drohenden Gefahr entzogen und eine nationale Organisation geschaffen, die fast einzig in ihrer Art ist. Sie haben einen jahrzehntelangen Verteidigungskampf gegen das so viel stärkere Deutschtum zu führen gehabt, den sie mit viel Ehre bestanden. Aber man kann ihnen den Vorwurf nicht ersparen, daß sie in diesem Kampf gegen ein noch weit schwächeres Element mit einer Brutalität vorgingen, die durch nichts gerechtfertigt war. Böhmen spielt in unserer Geschichte eine traurige Rolle. Jeder Krieg, der dort ausgefochten wurde, jeder religiöse Streit zog die Juden in schauerliche Mitleidenschaft. Und in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, in diesem ersten Dezennium des 20. Jahrhunderts haben die Juden in Böhmen viel erlebt. Die Hilsnerschande spielt auf diesem Boden, und die Dezembertage des Jahres 1897, die zweite Hälfte des Jahres 1908 werden den Juden Böhmens wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Hinter dem Deckmantel der nationalen Verteidigung gegen die Deutschen barg sich rohester, exzessivster Straßenantisemitisrnus, der schließlich, von der Staatsgewalt mit Bajonetten und Standrecht zurückgedämmt, in einen fürchterlichen geschäftlichen Boykott gegen die Juden überging. Und letzthin hat ja ein tschechischer Volksvertreter mit Pogromen gedroht. Diese antisemitische Strömung innerhalb des tschechi-