Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Ifj 668 DIE^ELT Nö. 27 kleinen Restaurationsbetrieb unterhielt. Da das Publikum anfing, die Eintrittskarten zu sparen und sich vor dem Cafe des Juden dem Stadtgarten gegenüber niederzulassen, soll die Stadtverwaltung in dem Betriebe eine unliebsame Konkurrenz für den Garten erblickt und die Auflassung desselben ins Auge gefaßt haben. Aber der Besitzer, der für sich eine gute Zukunft an diesem Platze voraussehen mochte, setzte allen Vorschlägen, sein Häuschen zu verkaufen oder zu vermieten, entschiedenen Widerstand entgegen. Hierauf ließ sich die Munizipalitätvom Stadtarchitekten ein Gutachten einreichen, dahingehend, daß das Haus des Cafedschis baufällig wäre. Der zweiten Version zufolge, soll es eben derselbe Stadtarchitekt gewesen sein, der durchaus das Häuschen hatte mieten wollen, weil ihm die Aussicht auf den Stadtgarten so gut gefiel. Wie dem nun sei: der Rapport wurde wirklich geliefert und auf Grund desselben durch Gerichtsbeschluß der Abriß des Hauses nach Ablauf einer 24stündigen Frist angeordnet. Alle Proteste des unglücklichen Juden nützten nichts, auch die Schritte, die der Großrabbiner Bidgerano zu seinen Gunsten unternahm, waren vergeblich. Gleichwohl ist festgestellt, daß das Haus erst zwei Jahre zuvor nach dem Plane und unter Aufsicht des Stadtarchitekten selber eine solide Konstruktion erhalten hatte, die noch für viele Jahre hinaus seinen Bestand, gesichert hätte. Der Polizeipräfekt von Adrianopel schritt an die Ausführung des Gerichtsbeschlusses, nicht 24 Stunden nach Fällung des Urteils, wie ausdrücklich festgelegt war, sondern sofort. Er ließ Arbeiter anrücken und unter seiner persönlichen Aufsicht die Demolierung des Daches beginnen. Dieses Vorgehen empörte die Juden dieses Stadtviertels aufs Äußerste. Sie strömten zusammen und suchten die Zerstörung des Hauses zu verhindern. Der Polizeipräfekt fand nichts besseres dagegen, als grobe Insultierung der jüdischen Nation. „Was denn? Seid ihr denn nicht Juden?" rief er ihnen zu. Die Volksmenge geriet nun erst in heftige Erregung und begann mit Steinen nach dem verhaßten Polizeipräfekten zu werfen. Ein Offizier, der dem Polizeipräfekten zuhilfe kam, wurde durch einen dieser Steinwürfe am Kopfe verwundet. Der Polizeipräfekt rief nun telephonisch Gendarmen herbei, die zuerst Salven in die Luft abgaben und dann die Menge mit aufgepflanztem Bajonett zum Zurückgehen zwangen. Inzwischen war auch Großrabbiner Bidgerano herbeigeeilt und seinem klugen Eingreifen gelang es sofort, die Juden, denen sich übrigens auch zahlreiche Griechen und Armenier angeschlossen hatten, zum Nachhausegehen zu veranlassen. Artillerietruppen, die nun noch auf dem Platze der Unruhen anlangten, fanden keine Arbeit mehr und konnten wieder abziehen. Bei den Zusammenstößen wurden vier Juden leicht und einer schwer, und auf der andern Seite vier Mohammedaner leicht verwundet. Während die Massen sich zerstreuten, wurden viele Verhaftungen vorgenommen; über 40 Personen wanderten ins Gefängnis, darunter mehrere angesehene Mitglieder der Gemeinde. Die Gemeindeverwaltung bot sofort Kaution für die Verhafteten an, sie wurde aber brüsk abgelehnt. Der Großrabbiner Bidgerano stellte seine eigene Person anstelle der Verhafteter zur Verfügung, aber auch er erreichte nichts. Einige der eingesperrten Juden wurden bei den folgenden Vernehmungen schwer mißhandelt; ein angesehener Bankier, der einen Verwandten im Gefängnis besuchen wollte, wurde sofort selbst in Gewahrsam behalten und ebenfalls einem Verhör unterworfen. Bis Freitag waren noch immer 16 Personen im Gefängnis. Der Wali von Adrianopel, zu dem sich Rabbi Bidgerano und die Gemeindevorsteher begaben, lehnte ein Eingreifen zugunsten der Verhafteten, sowie des unglücklichen Hausbesitzers, dessen Gebäude vollkommen zerstört wurde, ab. Eine Untersuchung ist eingeleitet, die aber leider in den Händen des schuldigen Polizeipräfekten selbst zu liegen scheint. Die Adrianopeler Gemeinde hat einen offiziellen Bericht an das Konstantinopeler Großrabbinat eingereicht, das freilich ohne Oberhaupt in dem gefährlichen gegenwärtigen Momente ist, und um Intervention beim Ministerium des Innern gebeten. Das Großrabbinat hat Rabbi Nahum brieflich über die Sache nach Palästina berichtet. Regierung und Einwanderung Noch immer steht die Regierung dem Zustrom der ausländischen Juden mißtrauisch und unentschlossen gegenüber. Fragen wir heute nicht, aus welchen Gründen. Wir hatten bereits mitgeteilt, daß das Ministerium sich bereit erklärt hätte, den zweihundert jüdischen Familien aus Bessarabien in Anatolien Muhadschirrechte zu erteilen. Die Freude über diese Zustimmung wird aber abgekühlt, wenn wir die Bedingungen erfahren, unter denen die Ansiedlung vonstatten gehen soll. Danach sollen diese Einwanderer nicht anders als in Gruppen von vier bis fünf Familien eintreffen dürfen, wahrscheinlich also auch nur in so minimen Gruppen sich zusammen niederlassen. Wenn auf diesen Maßstab die ganze jüdische Kolonisation in der Türkei angelegt werden soll, so wird tatsächlich eine „Agglomeration u von Juden vermieden werden. Aber auch diese neueste Form der Diaspora, zu der sich die Einwanderungslustigen wohl kaum werden entschließen wollen. Zu den Bodenkaufserschwerungen in Palästina Es ist vollkommen unrichtig, daß die vom neuen Gouverneur von Jerusalem eingeführten Erschwerungen eine gegen die Juden, und gar auf Befehl der Zentralregierung getroffene Maßregel seien. Der neue Beamte, der übrigens dem jüdischen Element sehr wohlgesinnt ist, suchte sich aus den alten Akten über die Obliegenheiten seines Amtes zu informieren und stieß dabei auf die administrativen Verordnungen aus dem alten Regime, die bekanntlich überhaupt den Bodenkauf an Ausländer in Palästina erschweren. Er wandte sie sofort gewissenhaft und streng auf einige vorliegende Fälle an, woraus dann die pessimistisch übertriebenen Gerüchte entstanden. Auf zahlreichen Einspruch gegen diese Praxis hin wandte sich der Mutessarif nun nach Konstantinopel, um neue endgültige Weisungen zu erbitten. Diese lauteten dahin, daß bis auf weiteres nach den alten Bestimmungen verfahren werden müsse, bis ein neues Gesetz die Frage regele. Es ergibt sich also, daß es sich nicht um eine gegen Juden speziell, sondern gegen alle Ausländer gerichtete Praxis handelt, gegen die übrigens verschiedene Auslandsvertretungen bereits entschiedenen Protest eingelegt haben. Bodenkredit und Immobilienbank In der Sitzung des Ministerrats vom 26. Juni sind die von Maitre Salem und Isaac Fernandez nachgesuchten Konzessionen auf Gründung eines Bodenkredit-Instituts und einer Immobilienbank endlich erteilt worden. Vom Militärdienst der Juden Ein kleiner Konflikt ist zwischen der Heeresverwaltung und dem Großrabbinate wegen der Dienstpflicht der Chachamim entstanden. Die Kommandantur des 3. Armeekorps will nämlich die Kantoratsgehilfen und die Mohalim nicht mit den übrigen Chachamim vom Dienste befreien, während das Saloniker Rabbinat darauf besteht. Neben dem Großrabbinat ist auch der Abgeordnete Carasso mit der Sache befaßt worden. Ein zweiter jüdischer Senator Der „Jeune Türe" kündigt an, daß der Jude Daud Effendi Molchs, früherer Erster Übersetzer am Kaiserlichen Diwan, alle Aussicht hat, an Stelle des hingeschiedenen Hamada Pascha in den Senat berufen zu werden. Daud Effendi erfreut sich seines ehrenhaften Charakters wegen allgemeiner Achtung. Wenn er dem Judentum gegenüber das gleiche warme Herz hat, wie der erste jüdische Senator Behor Effendi, so können die ottumanischen Juden sich zu dieser Ernennung gratulieren. Die Ergebnisse der Ika-JVlission nach Mesopotamien Die Mission hat nicht nur die Kolonisationsgebiete Mesopotamiens, sondern auch die Gegenden um Adana, Alleppo, Damaskus, Beirut und andere Gegenden Asiens und Kleinasiens besucht. Der südliche Teil Mesopotamiens hat sich für Einwanderer aus Europa als ungeeignet erwiesen. Dagegen gibt es in Nord- und Mittelmesopotamien wohl Landesstrecken, die, obwohl auch noch sehr heiß, doch wegen ihrer Trockenheit und ihres gesunden Klimas wohl in Betracht zu ziehen wären. Der Boden ist sehr fruchtbar, erfordert aber zur Bearbeitung außerordentlich große Mittel, weil erst große Bewässerungsarbeiten durchgeführt werden müssen. Ohne diese Vorarbeiten, ohne ausreichende Bahnbauten, sowie Durchführung des konstitutionellen Regimes in diesen Gegenden, ist die Einführung von Juden, die immerhin nur auf Zehniausende beschränkt bliebe, nicht möglich. Diese Ergebnisse decken sich also im großen und ganzen durchaus mit den Ansichten des jüdischen Deputierten von Bagdad, Sassoon Effendi, die wir im vergangenen Jahre ausführlich wiedergegeben hatten. Die Kommission ist dieser Tage nach Konstautinopel zurückgekehrt. Wie verlautet, soll die Ica auf Grund der Ergebnisse dieser Forschung bis auf weiteres noch von einer Kolonisierung der Gegend mit Juden Abstand nehmen wollen. Man führt diesen Entschluß der Ica auf den plötzlich eingetretenen Stillstand in den Bewässerungsarbeiten zurück. Bekanntlich waren die großen öffentlichen Bewässerungsarbeiten in Mesopotamien dem englischen Ingenieur Sir William Willcocks übertragen worden. Vor kurzem ist nun plötzlich ein Bericht des neuen Gouverneurs von Bagdad, Nasim Pascha, bei der Regierung