Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-07-08 · 27 (8.7.1910) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316433--53453-3347234
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

T No. 27 DIE MKE LT 667 Herzen gehender Art über Herzls Eltern, seine Erziehung, seine Laufbahn als Schriftsteller und widmete (den Schluß teil seiner Ausführungen der Bedeutung Herzls für das Judentum. Am Abend fand ein vom Vereine „Deborah" in Gemeinschaft mit der zionistischen Studentenschaft veranstalteter Kommers statt, Welchen Frl. Schärf, unterstützt von Herrn Professor Harnik leitete. Die Herren Dr. Reichmann, Dr. Zellermayer, Sah Löbl, Bickel, Dr. Hu lies und cand. iur. Rosenrauch toastierten auf Professor Kellner, und nachdem dieser warm dankte, wurde die schöne Feier in vorgerückter Nachtstunde geschlossen. Zur Verbreitung des zionistischen Gedankens in unserer Stadt trug diese Agitationsreise Professor Kellners viel bei. »Bemerkenswert ist, daß sich am Bahnhofe zur Begrüßung Professor Kellners neben den Vertretern zionistischer Vereine aus Wiznitz und den benachbarten Städtchen Kuty und Kossow auch noch einfanden: Bürgermeister Voghel mit mehreren Stadt- und Gemeinderäten, Kultusvorsteher Sal. Löbl, Stadtarzt Dr. Zellermayer, Advokat Dr. Reichmann u. v. a. Kroatien Zagreb. Der jüdisch-akademisch kulturelle Verein „Judäa" beschloß Ende Juni seine Tätigkeit für das Sommersemester 1910. Trotz der kurzen Dauer des Semesters betätigte sich der Verein mit Erfolg in vielen Richtungen. Anläßlich der 50. Wiederkehr des Geburtstages Dr. Herzls, veranstaltete die „Judäa" gemeinsam mit dem zionistischen Bürgervereine „Achdus" eine Herzlfeier, bei welcher der Ehrensenior des Judäa, Dr. Alex. Licht eine tiefempfundene Gedenkrede hielt. Ferner veranstaltete die Judäa in Semlin (Slawonien), dem Abstammungsorte Dr. Herzls, eine zweite Herzlfeier, schließlich eine Agitationsversammlung in Belgrad (Serbien) und spezielle Vorträge für die jüdische Mittelschuljugend in Zagreb. — Für den Nationalfond machte der Verein, der als Landessammelstelle für Kroatien-Slawonien fungiert, lebhafte Propaganda und erzielte besonders mit Sammelbüchsen schöne Resultate. Außerdem besorgt der Verein auch das Einsammeln der Schekolim und der Landesparteisteuer für den Distrikt Kroatien- Slawonien der südslawischen zionistischen Föderation. — Zum diesjährigen Ferialleiter wuide stud. jur. Felix Kohn gewählt. Adresse: Zagreb (Agram), Universität. Rußland Kowno, Auf seiner Vortragstournee, die Nahum Sokolow gegenwärtig in den größern jüdischen Städten Rußlands unternimmt, besuchte er vor kurzem auch Kowno, um hier einen Vortrag über Jüdische Kunst" zu halten. Der große Saal des Rathauses war . on einer zahlreichen Zuhörerschaft dicht gefüllt. In seinem etwa dritt- . albstündigen Vortrag gab Sokolow seinen Zuhörern einen Begriff •-on der ersten Entwicklung des Kunstsinns bei den Völkern des ^ertums, definierte den Begriff einer nationalen Kunst, beschäftigte s,,; mit der jüdischen Kunst zur Zeit der staatlichen Selbständigkeit des jüdischen Volkes und ging dann zur Besprechung der Anfänge iner neuen nationaljüdischen Kunst in der Gegenwart über, wobei t die Bedeutung des „Bezalel" hervorhob. Seine glänzenden Aus- : ihrungen schloß er mit einer hebräischen Ansprache, in der er die :reunde der hebräischen Sprache aufforderte, unablässig und trotz iller Hindernisse für die Neubelebung der hebräischen Sprache tätig zu sein, ohne die der Aufschwung des nationalen Geistes und der nationalen Kunst undenkbar ist. Nachdem der rauschende Beifall verklungen war,, dankte der Vorstand der hiesigen zionistischen Ortsgruppe dem Redner für den ausgezeichneten und instruktiven Vortrag und sprach den Wunsch aus, der verdienstvolle Schriftsteller möge seine glänzende publizistische Laufbahn, von der er leider durch die Geschehnisse der letzten Jahre abgedrängt worden ist, wieder beschreiten, zum Besten der hebräischen Literatur und unserer nationalen Bewegung. Mit einem begeisterten „Hedad"- Ruf auf den Gast schloß der erhebende Abend. Den namhaften Reingewinn des Abends spendete Sokolow für die Mappu- Bibliothek, die vor anderthalb Jahren in Kowno anläßlich des 100. Geburtstags Abraham Mappus eröffnet wurde. Die Juden in Finnland Die freiheitsliebenden Finnen haben wieder einmal ihre nahe geistige Verwandtschaft mit — der russischen Regierung in punkto Judenfrage an den Tag gelegt. Vor kurzem wurde wieder einmal über 20 jüdische Familien in Helsingfors die Ausweisung verfügt. Die Betroffenen appellierten nun an den Senat. Dies verdroß den Helsingforser Polizeichef, und er ordnete an, die 20 Familien, die schon seit vielen Jahren in Helsingfors wohnen, müßten sofort die Stadt verlassen, sonst würden sie mit Gewalt hinausgetrieben werden. „Die jüdische Frechheit übersteigt alle Grenzen," schreibt der Polizeichef in seinem offenen Briefe an die ausgewiesenen Juden. „Immerfort wenden die Juden alle ehrlichen und unehrlichen Mittel an, um gegen den Willen der hiesigen Bevölkerung am Platze zu bleiben. Allein auch die Polizei kann die jüdische Frechheit nicht mehr dulden." Daß die finniändische Polizei, an humaner Rücksichtnahme der russischen keineswegs nachsteht, beweist folgende Tatsache: Einer der Ausgewiesenen legte der Polizei ein ärztliches Zeugnis vor, daß seine Frau krank darniederliege. Er erhielt aber zur Antwort, daß er die Stadt schon früher hätte verlassen sollen und nicht so lange warten, bis seine Frau erkrankt wäre. Die Ausgewiesenen sandten eine Deputation an den Gouverneur, die aber nicht empfangen wurde. Die städtische Selbstverwaltung in Polen und die Juden Dieser Tage wurde endlich die Gesetzesvorlage betreffs Einführung von städtischer Selbstverwaltung in Polen in die Reichsduma eingebracht. Während bisher die kommunale Verwaltung in Polen in den Händen des von der Regierung ernannten Stadtpräsidenten bzw. Bürgermeisters und den gleichfalls von der Regierung eingesetzten Stadträten bzw. Schöffen ruhte, soll jetzt eine aus Wahlen hervorgegangene Körperschaft mit einem gewählten Bürgermeister an der Spitze geschaffen werden. Was die Wahlberechtigung anbetrifft, so sollen drei Wahlkurien geschaffen werden: eine russische, eine polnische und eine jüdische. Wenn man sich aber auch nicht dazu entschließen wollte, die Juden vollständig aus der städtischen Selbstverwaltung auszuschließen (vielleicht wollte man den Polen diesen Gefallen. nicht tun), so wurde doch für sie ein Privilegium odiosum geschaffen. Die Juden sollen nämlich in Städten, wo sie 50 ° o und mehr der Gesamtbevölkerung ausmachen, nicht mehr als 20°/o der Stadtverordneten stellen, in den Städten aber, wo ihre Zahl 50 °/o nicht erreicht, sollen sie nicht mehr als ein Zehntel der Abgeordneten wählen dürfen. Dies wird in den Erläuterungen zur Regierungsvorlage folgendermaßen motiviert: Da die Bevölkerung in 74 von den 116 polnischen Städten und Flecken in ihrer Mehrheit aus Juden besteht, und in mehreren Städten die Zahl der Juden sogar 85°/o der Gesamtbevölkerung ausmacht, so gehe es nicht an, die Juden von der Beteiligung an der städtischen Selbstverwaltung ganz auszuschließen; ebenso wenig könne man aber den Juden gleiche Rechte mit der christlichen Bevölkerung einräumen, „da die Erfahrung gezeigt hat, daß der Einfluß der Juden für die städtischen Interessen schädlich ist". Die Regierung habe sich daher für die Feststellung einer Prozenlnorm für die Juden entschlossen. In der zuständigen Dumakomrnission sprachen sich die Polen gegen die Kreierung einer speziellen jüdischen Kurie aus. Als dann dieser Punkt gegen ihre Stimmen angenommen wurde, verlangten sie für die Juden „im Interesse der Gerechtigkeit" in allen Städten eine 14prozentige Vertretung, ihrem Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Landes entsprechend. Weshalb für die Beteiligung an der städtischen Selbstverwaltung das prozentuale Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Landes maßgebend sein soll, ist ein Geheimnis, allerdings ein sehr durchsichtiges, der Herren Polen. Schließlich blieb es in der Kommission bei dem Vorschlage der Regierung. Es wurde ferner bestimmt, daß in die Exekutive des Stadtrates nicht mehr als ein Jude gewählt werden, und daß der Stadtpräsident oder Bürgermeister in keinem Falle ein Jude sein dürfe. Charakteristisch ist, daß die Vorlage die Täuflinge im ersten Geschlecht ausdrücklich zu den Juden zählt. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die öffentliche Gewalt gegen die Juden in Adrianopel Am Montag den 20. Juni, haben in Adrianopel höchst bedauerliche Vorfälle stattgefunden, die ihresgleichen in der Geschichte der türkischen Juden noch nicht gehabt haben. Es haben als Protest gegen einen städtischen Akt der Willkür, begangen an einem Juden, Ansammlungen jüdischer Massen stattgefunden, gegen die Polizei, Gendamerie undTruppen aufgeboten wurden. Mehrere Juden wurden verwundet, etwa 40 verhaftet. Über .die Vorgeschichte des Krawalles sind zwei Versionen verbreitet. Dem neuangelegten, gegen Entree zu betretenden Stadtgarten gegenüber lag das Haus eines armen Juden, der darin einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.