Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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ist in den Keller gezogen, das Licht verklärt ein gebräuntes Antlitz, das Gesicht eines Mannes, der bis vor wenigen Stunden im Schweiße seines Angesichts an der Erde gearbeitet hat und nun in seliger Ruhe seinen Sabbath genießt. Er sitzt mit gekreuzten Beinen auf einer teppichbelegten Bank, zugleich sein Tisch und sein Bett, ihm gegenüber auf einem ähnlichen Lager sein Weib, an die Mutter geschmiegt ein halbwüchsiger Knabe. Nun wissen wir, wie unsere Ahnen den Sabbath gefeiert haben. Denn die Juden aus dem Yemen leben genau nach der Väter Weise, sie sind in Kleidung, Nahrung und Qebrauchstum einige Jahrtausende zurück, sie leben im Urzustand des Judentums. So hat die Weihe des heiligen Ruhetages das Qesicht unserer Ahnen verklärt, so haben sie ihren Sabbath empfangen. In der einen Hand den Becher, in der andern ein Andachtsbuch. Das ist kein formal und rasch hergesagter Kiddusch — es ist ein langes Gebet, das hier verrichtet wird. Und endlich ertönt leise und innig der Segensspruch über den Wein. Der Knabe nähert sich dem Vater, den Becher für die Mutter zu holen. Das alles feierlich, ruhig, vornehm, karg in Worten und Qesten. Dann nimmt der Hausvater aus dem Innern seiner Giubba, aus dem kaftanartigen Leinenmantel, Stücke Weißbrot, und wieder trägt sie der Knabe nach erfolgtem Segensspruch an's Lager der Mutter. * *t= * Die Yemeniten, oder wie sie auch heißen, Temaner, haben neben der großen Synagoge einen kleinen Betsaal eingeräumt bekommen. Dort verbringe ich meinen Sabbathvormittag. Die echte, tiefe Frömmigkeit der Leute zieht mich an. Äußerlich unterscheiden sie sich weilig von den Arabern, nur daß an dem Fez die Schläfenlocken hervorquellen. Dieses Abzeichen ist demnach echt jüdisch. Und wenn der Yemenite echt jüdisch ist, dann bringt er uns neue Gründe, stolz auf unsern Stamm zu sein. Einfach, naiv, arbeitsam ruhig, bedürfnislos und dabei tief fromm, so sind die Juden aus dem Yemen, Nach der schweren Arbeit nehmen sie ein hebräisches Buch zur Hand, um sich am Worte Gottes zu erquicken. Leider gibt es schon einige, die sich daran gewöhnen, in Jaffa xAlmosen zu verlangen. — In den Kolonien sind sie stolz und unverdorben. Alle lieben sie die Arbeit, der sich sogar der Chacham unterzieht, denn sein Rabbinat ist eine Ehrenstelle und er muß vom Ertrage seiner Hände Arbeit leben. Sein Einfluß scheint dennoch ein sehr tiefgehender zu sein, wenn man nach der echten unaufdringlichen Frömmigkeit urteilen darf, die den Yemeniten eigen ist. Selbst die Frauen, die zumeist nur arabisch sprechen und keinerlei Unterricht erhielten, leben streng gesetzestreu. Von den Mädchen, die in Palästina heranwachsen besuchen einige die Schule. Am Sabbath nun saß ein yemenitisches Schulmädchen zwischen den Frauen und ältern Genossinnen in einer Wiese. Plaudern verstehen auch die Frauen aus dem Yemen, wohl auch zu schmälen, trotz aller Demut stillen Wesens und sanfter Stimme. Die kleine Gelehrte aus der Kolonistenschule gab diesmal den Gesprächsstoff. Was nützt alle Gelehrsamkeit, alles Wissen, meinte eine ältere Dame in blauen Beinkleidern, indem sie ihr früh verwelktes Gesicht stolz erhob? — Sieh doch, wir Temanerinnen, wir haben nichts gelernt, wir verstehen nicht einmal die heilige Sprache, man sagt uns, was geboten ist und was nicht erlaubt — hast Du je eine Jüdin unseres Stammes gekannt, die einGebot Gottes übertreten hat? Deine Aschkenasinnen aber — denke doch, meine Herrin (die Yemenitinnen arbeiten zumeist als Dienstboten in den Häusern der Kolonisten) hat gestern abend eine brennende Lampe berührt. Was nützt da alles Wissen, wenn man nicht gelernt hat, daß dies strenge verboten ist" „Ja, unsere Frauen, o, die Aschkenasinnen", tönte es vorwurfsvoll von den schmalen Lippen der Frauen. Das angegriffene Mädchen hob das braune Köpfchen, und die Augen leuchteten zuversichtlich als sie sprach: „0, ich werde lernen und wissen wie eine Aschkenasin, aber fromm, fromm werde ich sein wie eine Yemenitin." Am selben Sabbath aber geschah es, daß in der Kolonie ein junger Mann aus Rußland, der zufällig zu Besuch gekommen war, eine Zigarette rauchte. Es war zufällig und sorglos geschehen, daheim hatte er stets geraucht, ohne des Tages zu achten. Nun sind zwar die Kolonisten bei den Chassidim von Jerusalem in argem Verruf, aber es ist ganz ausgeschlossen, daß je eines von ihnen oder einer der zu ihnen gehört, den Ruhetag in solcher Weise entheiligen würde. Unser Freund aus Hamburg, streng traditionell und daher tief verletzt, entfernte sich sofort aus dieser Gesellschaft. Einer aus unserer Mitte aber sprach wie folgt: „Ich bin in Europa kein Chassid, denn ich leide schwer an der Unvereinbarkeit unserer Religionsgesetze, die in Palästina und wohl in erster Linie für Palästina geschaffen wurden, mit unserm modernen Leben, das vom Christentum beherrscht wird; aber hier, in der alten Heimat, hier in Palästina, hier ist die Bibel Staatsgrundgesetz, und wer in diesem Lande lebt, hat seine Gesetze zu achten. Sie fürchten sich vor all dem rabbinischen Wust, vor all der Unfreiheit des Ghetto? Lassen wir doch die Religion für einen Augenblick ganz beiseite. Wissen Sie, daß die Einführung des Sabbath mit die größte sozialpolitische Tat der ganzen Menschheitsgeschichte ist? An dem Tage, da es hieß, sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten aber ruhen, schied sich der Mensch vom dumpf arbeitenden Tiere. Da begann seine innere Freiheit, denn der siebente Tag war ihm zur Heiligung gegeben, zum Streben nach höherer Geistesrichtung, zur innern Sammlung und zur Befreiung von allem, was an der Erde klebt. Und hier auf dieser Erde ist dieses Gesetz entstanden. Schon aus Ehrfurcht vor der Geschichte unseres alten Vaterlandes sollten wir auf diesem heiligen Boden den Sabbath heiligen. Denn wer weiß, ob wir nicht dem Sabbath danken, daß wir überhaupt diesen Tag, diese Stunde erlebt haben. Ich kenne ein christliches Volk, das seinen Sabbath strenge einhält, das von Samstagnachmittag bis Montag früh allen weltlichen Geschäften ferne bleibt, aber auch die geräuschvollen Vergnügungen des kontinentalen Sonntags für eine Entheiligung des Ruhetages hält. Und siehe da, diese Rasse der Angelsachsen, sie beherrscht die Welt. „Glauben Sie, daß wir noch leben würden, wir Juden, wenn der Sabbath uns nicht gezwungen hätte, allwöchentlich durch 36 Stunden Leib und Seele zur Ruhe zu bringen? Der Körper ruhte von der unsagbaren Mühsal des Broterwerbs, die Seele schwang sich auf von der Erniedrigung des Golus und fand in der