Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No.27 DIEÄELT 659 wenn wir den Vergleich so fassen, haben unsere Finanzinstitute sogar mehr Kapital als die Deutsche Palästina-Bank. Die Erklärung, die Herr Kann für unser geringeres finanzielles Resultat zu geben sucht, ist also in jeder Hinsicht verfehlt. Unsere Banken sind mit der Idee der kolonisatorischen Tätigkeitin Palästina gegründet worden, doch ließ man ihnen statutarisch die Möglichkeit, auch anderwärts Geschäfte zu machen. Ich könnte es nun verstehen, wenn man — um mehr in Palästina arbeiten zu können — sich mit geringerm Nutzen zufrieden gibt. Ich könnte es auch verstehen, wenn man — bei schlechten Geschäftschancen in Palästina und um zunächst ein gutes finanzielles Ergebnis aufzuweisen — mehr anderwärts arbeitet. Was ich aber nicht verstehen kann, ist, weshalb unsere Geldinstitute mehr außerhalb Palästinas arbeiten und dabei ein so viel geringeres finanzielles Ergebnis haben als die Deutsche Palästina-Bank. Herr Kann hat den Gipfel der Ironie erklettert, indem er mich als einen „Amateur in Finanzpolitik" bezeichnet. Sich selbst hält er offenbar für einen Fachmann auf diesem Gebiete, und seine Stellung in der zionistischen Leitung gibt ihm tatsächlich maßgebenden Einfluß auf dieses Ressort. So - möchte ich, der Amateur, ihn, den Fachmann, fragen, wodurch er die im Vergleich zu der Deutschen Palästina-Bank so geringen Ergebnisse der beiden ihm unterstellten Banken erklären will.; Hierzu schreibt Herr J. H. Kann: In meiner letzten Antwort auf den Artikel des Herrn Trietsch habe ich schon seine Klage wegen vermeintlich ungenügender Ergebnisse der Anglo Palestine Company als unbegründet beiseite gelegt. Jetzt wird die Muttergesellschaft, die Jüdische Kolonialbank, mit hineingezogen, und Herr Trietsch gibt seinem erneuten Angriff die Form einer Bitte um Belehrung, für welche indessen diese Stelle wohl schwerlich der geeignete Platz ist. Ich verstehe nicht, weshalb Herr Trietsch, der in der vorigen Woche doch an der Jahreskonferenz in Berlin teilgenommen hat, in der Generalversammlung der Jüdischen Kolonialbank, die zur selben Zeit stattfand, die Gelegenheit zur Belehrung unbenutzt gelassen hat. Ich gebe ihm die Versicherung, daß in der nächsten Generalversammlung ihm gerne jede gewünschte Auskunft erteilt werden wird. Hoffentlich wird er in der Zwischenzeit nicht unterlassen, sich über die Geschäfte der Deutschen Palästina-Bank genau zu erkundigen. Haag, 3. Juli 1910. f □□□□□□ o Lv--o * FEUILLETON PALASTINA- BILDERBUCH Von H. York=Steiner*) II. Sabbath in Rechoboth Von der Weide heimkehrend, suchen die Kühe ihr wohlbekanntes Haus und locken die Kälbchen, die unerfahrenen, daß sie in kein fremdes Tor sich verirren. Der arabische Hirte treibt die Säumigen heute hurtiger als sonst an Werkeltagen, denn der Sabbath fällt ein. — Kaum daß die Sonne hinter dem Hügel verschwunden ist, auf dem die „Millionärgasse"**) entsteht, dämmert es in den Lüften, — die goldigen Farben Palästinas verbleichen und verglühen; ein grauer Schleier fällt vom Himmel, hinter dessen deckendem Gewebe sich der Sabbath vorbereitet.--- Dann schreiten die Kolonisten ernst und gewichtig den Synagogenberg hinan. Die Kinder besprechen die Erlebnisse des freien Freitagnachmittags, und in den Häusern wrerden inzwischen die Sabbathlichter entzündet. Die letzten Weidekühe brüllen ihr Tor an. Die Ziegen meckern. Der Hirte wandert heimwärts, wo ihm lockende Flötentöne entgegenschallen, und in der Kühle des Abends steigen schwere Düfte aus den Orangenblättern empor. Es ist Sabbath, — Sabbath in Rechoboth, — Sabbath in der Urheimat des — Sabbaths. Dann sitzen wir beisammen und essen „gefüllte" Fische. Ob unsere Vorfahren ihre Fische gefüllt haben? Wenn diese „Fülle" eine Golusblüte ist, dann soll man mir das Exil nicht allzustrenge schelten. — Wie unsere Altvordern wohl ihren Sabbath gefeiert haben? Wer wird spintisieren, wenn „gefüllte" Fische den Gaumen reizen? Es lebe die Gegenwart! Die Gegenwart, sie ist wahrlich sonderbar genug. *) Vgl. Nr. 20 der „Welt" d. J. **) Zu zwei sehr stattlichen modernen Häusern gesellt sich nun ein drittes; scherzweise nennt man diese Gruppe die Millionärgasse. Vor kaum sechs Wochen saßen wir in Hamburg beisammen (was man so auf einem Zionistenkongreß sitzen nennt) und nun feiern wir gemeinschaftlich den Sabbath in Rechoboth. Damals sang uns ein köstlicher Sänger mit mühelos ansteigender Stimme den Sabbath ein. — Heute stimmt ein Gesinnungsgenosse die „Semiroth" an, ein Herr aus Hamburg, der bei den Arbeiten für die Bequartierung der Delegierten seine Nervenkraft geschwächt hat. Ihm dient Rechoboth als Sanatorium, und nicht nur ihm allein;' — es gibt fast zwei Dutzend Kurgäste hier. Einige sitzen mit uns und lobsingen dem Herrn mit schmetternden Stimmen. An erster Stelle der Arzt, auch ein Delegierter vom Kongreß, ein Gesinnungsgenosse aus Rumänien. — Er war telegraphisch hierher berufen worden und kam binnen wenigen Wochen mit seiner wackern Frau, um hier zu bleiben und dauernd zu wirken. Ist das schon die Heimkehr? oder ist es bloß ein Zufall, ein Symbol? „Schir hamalos, beschuw adonoj", klingt es hell aus allen Kehlen, daß der laute Gesang auf die Straße dringt. Wen stört das? Den Nachbar? Der singt doch auch. — Es singt um uns und neben uns, oberhalb und unterhalb. Ja, auch unter uns singt es, und es klingt ganz merkwürdig, fremdartig und doch vertraut. Im Keller wohnen Yemeniten, Juden aus dem Süden Arabiens. Ihnen ist der schmale Taglohn in Palästina ein nennenswerter Erwerb, eine Lehmhütte oder ein Keller eine behagliche Wohnung. — Die Tür des Kellers muß etwas offen bleiben, um Luft einzulassen, und durch diesen Spalt spähen wir neugierig in das matt erleuchtete Halbdunkel. Was ist es, das uns so sehr fesselt? Der Sabbath 2*