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Die Welt · 1910-07-01 · 26 (1.7.1910) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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642 DIE3^ELT No. 26 Masliah Effendi meinte, man solle daraus keine Kapitalfrage machen. Der Direktor des „Telegrafo", Herr Gabai, konnte sich jedoch nicht enthalten auszurufen: „Sind wir nicht Juden? Da hat man uns zu einem Volk von drei Buchstaben gemacht, stellt uns vor die Könige und Herrscher hin als A. J. U. und nicht als das alte Volk Israel." Der Direktor der „Aurore" warf ein: ..Man soll in der Presse schreiben: Am Feste nahmen teil: Griechen, Türken und Allianzisten. Juden waren nicht beteiligt." — Der arabische Deputierte Mehrned Ferhad, ein Gelehrter, der sich in der Nähe befand und mit großer Aufmerksamkeit zuhörte, wandte sich an die jüdischen Herren mit der Frage: „Lebt denn die alte Sprache noch? Die Sprache des Mose und David? Und gibt es jemand unter Ihnen, der sie spricht?" Auf die positive Antwort bat er, ihn etwas Hebräisches hören zu lassen, und war entzückt, ihren Wohlklang zu vernehmen. „Ein Volk muß vor allem andern seine eigene Sprache pflegen, die nationale Sprache, hernach meinetwegen andere," das war seine Ansicht. „Eine fremde Sprache? Schämen sich die Juden denn nicht?" Der Deputierte versprach, sich bei anderer Gelegenheit ausführlicher über den Gegenstand zu verbreiten. ---Ja, wahrhaftig, schämen wir uns denn nicht? Generalversammlung des „Makkabi* Am 15. Juni fand in der Turnhalle die 15. Jahresversammlung des „Jüdischen Turnvereins" statt. Sie schloß ein Arbeitsjahr ab, das ein wahrer Triumphmarsch zu nennen ist. Seit der Verwandlung des ehemals deutschen in einen jüdisch-nationalen Verein, hat er einen unerhörten Aufschwung genommen. Vor Jahresfrist bestand nur die Abteilung Pera mit 234 Mitgliedern (die Jugend- und Mädchenriege inbegriffen). Heute zählt die Sektion Pera 360 Mitglieder, und neue Sektionen in Hasköj, Ortaköj, Balat und Sirkadschi deren noch über 200, so daß man einer Gesamtziffer von 600 Mitgliedern nahekommt. Außerdem erteilt der Turnverein noch regelmäßiges Schulturnen den Kindern der „Or-Torah-Schule" des Hilfsvereins und der „Deutsch-jüdischen Vereinsschule". Die Wirksamkeit des „Makkabi" ist also schon eine wirklich weitreichende zu nennen, und tagtäglich dehnt sie ihre Kreise weiter hinaus. Neben der körperlichen Ausbildung seiner Mitglieder verfolgt der „Makkabi" aber auch noch das Bestreben der geistigen Hebung durch die nationale Erziehung. Diesem Zwecke diente die stattliche Reihe von Vorträgen, die veranstaltet wurden. Es sprachen am 3. Oktober 1909 Nahum Sokolow hebräisch und Wladimir Jabotinsky über die Aufgaben und Aussichten der ottomanischen Juden, am 9. November 1909 Dr. Auerbach über „Moses", am 16. November 1909 Moritz J. Cohen über „Sephardim des Orients", am 23. November Dr. Markus über „Die charakteristischen Prinzipien der jüdischen Geschichte", am 23. Dezember 1909 Moritz J. Cohen über „Die Marannen", am 30. Dezember Dr. Auerbach über „Die Juden als Rasse", am 16. Januar 1910 W. Jabotinsky über „Chaim N. Bialik und die moderne hebräische Poesie", am 1. Februar 1910 Dr. Kohan-Bernstein über „Die ökonomische und kulturelle Lage in Palästina". Marksteine in der Entwicklung des Vereins wurden die vom 31. Juli bis 1. August in Gemeinschaft mit den bulgarischen Turnergruppen veranstalteten großen Schauturnen in Hasköj, Haidar- Pascha und Pankaldi, das Turnen zum Besten der Verunglückten von Adana auf dem Galafest im Jildis, das Turnen auf dem Fest des Klubs von Ortaköj unter dem Patronat des Prinzen Zioeddin Effendi, sowie besonders das Pessach-Schauturnen in Balat. Ein außerordentlicher Erfolg war auch die große Chanuka-Veranstaltung, auf der das Drama „Die Makkabäer" zur Aufführung gelangte. Im Sommer veranstaltete der Verein eine Reihe von Ausflügen. Die außerordentliche Aktivität des Vereins wandte ihm das Interesse großer jüdischer Organisationen zu, die ihm schließlich zu Hilfe kamen, um das sich rapid ausbreitende Werk zu fördern. So ermöglichten das Zionistische Aktionskomitee in Köln, das Komitee der Chowewe-Zion in Odessa und der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin durch Jahressubventionen von je 800 Frs. dem „Makkabi" die Anstellung eines eigenen Turnlehrers, der bereits vortreffliche Arbeit leistet und binnen kurzem auch nach Palästina gehen wird, um dort das Turnwerk zu fördern. Nunmehr hat sich der „Makkabi" ein neues großes Ziel gesetzt, nämlich der unleidlichen Sprachverwirrung, die den Gang der Arbeit empfindlich stört, im Sinne seines Hauptzwecks, der Förderung des nationaljüdischen Gedankens, ein Ende zu machen. Das soll durch obligatorische Einführung der hebräischen Sprache in seinen Reihen geschehen. Seit zwei Monaten bereits wird der Turnunterricht in hebräischer Sprache erteilt, jetzt aber sollen obligatorische Kurse für alle Mitglieder geschaffen werden. Dazu ist die Anstellung eines oder zweier hebräischer Lehrer erforderlich, und der Vorstand hat bereits die Herbeischaffung der bedeutenden hierzu notwendigen Mittel in die Hand genommen. Er hat einen Aufruf erlassen, der hoffentlich auch draußen von allen, die den Fortschritt unserer nationalen Sache herbeisehnen, gehört werden wird. Schreitet der „Makkabi" im kommenden Jahre in der gleichen Weise fort wie im abgelaufenen, so werden wir es bald erleben, daß er als bedeutendste Organisation der jüdisch-ottomanischen Jugend beginnt, auch im öffentlichen Leben eine große und heilsame Rolle zu spielen. Die Generalversammlung vom 15. Juni hat zu einer Reform der innern Gestaltung des Vereins geführt. Die turnerisch autonom, aber unter straffer gemeinsamer Leitung arbeitenden Sektionen in den Vororten und dem Zentrum der Stadt haben ihre eigenen Vorstände, bestehend aus. je acht Personen, erhalten, die je drei ihrer Vorstandsmitglieder in den Zentralvorstand delegieren. Zum Präsidenten des Zentralvorstandes ist unter einmütigem Jubel Herr Abramowitz gewählt worden, von dessen kraftvollem und umsichtigen Wirken noch viel Großes erwartet wird. Palästina Die Lage der Kolonie Sichron-Jakob Weizen und Gerste sind in diesem Jahre in Sichron-Jakob sehr gut ausgefallen. Dies ist um so erfreulicher, als diese Kolonie in immer weiterm Umfange den Getreidebau aufnimmt. In erster Linie werden die einstigen Weinberge, aus denen infolge der anhaltenden Weinkrisis die Stöcke noch fortgesetzt herausgerissen werden, für den Getreidebau verwendet. Leider aber überschreitet die Bevorzugung des Ackerbaus vor dem Pflanzenbau in gewisser Hinsicht die zulässigen Grenzen, indem schöne Mandeln- und Olivenpflanzungen teilweise sehr stark vernachlässigt werden. So sieht man auf dem Wege nach Bath-Schlomo schöne Plantagen, die zum Teil vollständig vernachlässigt und verunkrautet sind. Wenn man bedenkt, wie viel Mühe man sich gibt, um neue Bäume zu pflanzen, dann tut es einem weh, zu "sehen, wie man alte, mit einem Kraftaufwand von mehreren Jahren großgezogene Bäume durch Nachlässigkeit zugrunde gehen läßt. Gegenwärtig sind sowohl in Sichron-Jakob selbst, als auch in den Töchter-Kolonien mehrere jüdische Arbeiter beschäftigt. Die Wohnungsfrage ist hier nicht so brennend wie in den andern Kolonien, da infoige der in Sichron-Jakob besonders stark aufgetretenen Emigration mehrere Kolonistenwohnungen unbewohnt sind und deshalb für wenig Geld von den Arbeitern gemietet werden. Jetzt soll eine Küche, in der 30 Arbeiter sich werden beköstigen können, eingerichtet werden. Ein Kredit von 300 Frs., den das Odessaer Komitee auf Antrag unseres Arztes Dr. H. Joffe den Arbeitern zur Errichtung eines gemeinsamen Backofens und zum Ankauf von billigen Möbeln bewilligte, hat sich sehr gut bewährt. Die Arbeiter haben auf diese Weise schon seit einigen Monaten die Möglichkeit, gutes und billiges Brot zu kaufen. Spar- und Leihgenossenschaft in Sichron - Jakob Unsere Kolonie kann sich rühmen, daß sie die einzige ist, in der eine Spar- und Leihgenossenschaft vorhanden ist. Während nämlich in allen übrigen Kolonien nur Leihkassen (kupoth milweh) bestehen, deren genossenschaftlicher Charakter sich hauptsächlich auf die Solidarhaft der Mitglieder beschränkt und die höchstens ein- bis zweimal im Jahre bei der Entnahme des Geldes von der Bank ihren Mitgliedern Geld leihen können, bietet unsere Genossenschaft „Halwaah" ihren Mitgliedern nicht nur die Gelegenheit, vorübergehend flüssiges Geld nutzbringend in die allgemeine Kasse abzuführen und ihr Sparpfennige für längere Zeit anzuvertrauen, sondern gibt ihnen auch die Möglichkeit, Geld nur im Bedarfsfalle und nur in der Höhe des jeweiligen Bedarfs zu entleihen. Auch hier hat es sich erwiesen, wie leicht sich solche gemeinnützigen Werke durchführen lassen, wenn sich nur Leute finden, die sich ihrer mit Energie annehmen. Auch unsere „Halwaah" hat anfänglich mit dem Indifferentismus und dem Mißtrauen vieler zu kämpfen gehabt, und das Prosperieren der Genossenschaft ist hauptsächlich das Verdienst unseres Lehrers, des Herrn M. S. Schapira aus Tarnow, der unermüdlich für sie arbeitet. Allerdings war auch hier die Subvention der J. C. A. von großer Bedeutung, ebenso das Entgegenkommen der Anglo-Palestine Company, welche in unserer „Halwaah" eine leistungsfähige Expositur auch für ihre eigenen Bankgeschäfte erkannt hat. Die deponierten Gelder betragen zurzeit über 8000 Frs. Die Darlehen an die Mitglieder werden mit 5V2°o verzinst, also zu einem für palästinische Verhältnisse sehr geringen Zinsfuß. Übrigens denkt auch die Verwaltung der „Halwaah" an den Jüdischen

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