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Die Welt · 1910-07-01 · 26 (1.7.1910) · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
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No. 26 DIES^ELT 641 werden, wenn wir unsere großen Männer an der Spitze der Regierung haben werden, so wird niemand Lust haben, sich vom Hause Israels zu entfernen." Diese Äußerungen der „Nation"sind als historisch-psychologisches Dokument höchst interessant. Sie zeigen, in wie erstaunlicher Weise die Geschichte sich wiederholt. Die europäische Assimilationsentwicklung kopiert sich buchstäblich im heutigen Orient. Es beginnt mit der bürgerlichen und endigt mit der nationalen Assimilation. Man meint es anfangs sehr ehrlich, man glaubt an Nationalismus nichts zu verlieren. Dabei ist man in der nationalen Selbstenteignung schon mitten drin. Man ist drauf und dran, eine allgemeine „Vaterlands-Kultur und -Literatur" zu schaffen; aber man bemerkt nicht, daß man die eigene darob verlieren und ein für allemal auf sie verzichten muß. Man ist schon dabei angelangt, die Verehrung der heiligen Jungfrau von Orleans als jüdische Heldin auf den Orient zu übertragen. Weiche traurige Ideen Verwirrung! Der Grundwille ist löblich: man will die Juden zu guten Bürgern machen. Aber das ist ja selbstverständlich und bedarf keiner künstlichen Maschine. Das ist die Pflicht einer jeden Schule im Reiche, auch der jüdischen; dazu braucht es der türkischen Schule für die jüdischen Kinder nicht. Wenn nicht alle jüdischen Schulen diese Vorbedingung erfüllen, so biete man allen Einfluß auf, sie dazu zu zwingen. Wenn die A. I. U. in ihrem Programm sie nicht erfüllt, so wende man sich an sie und zwinge sie zu einer Reformierung. Die Schüler der Anstalten des „Hilfsvereins der deutschen Juden" in der Türkei haben es nicht nötig, erst noch durch eine Liga ottomanisiert zu werden. Sie werden zu. ebenso guten Ottomanen wie Juden erzogen. Die Alliance gehe hin und tue desgleichen. Aber deswegen, weil sie es nicht tut, alle jüdischen Schulen auf das Niveau unpatriotischer Institute zu degradieren, war keineswegs notwendig. Der Name „Ligue d'Otto man isation" bleibt trotz aller Explikationen eine unglückselige Bildung. Man denke sich europäische Analogien: Verösterreichung oder Veranglisierung der Juden. Kein Armenier und kein Grieche wird je auf den Gedanken verfallen, eine Organisation zur Ottomanisierung der Armenier oder der Griechen zu bilden, und das, weil sie eine gesunde Selbstachtung besitzen, die solche krankhaften Auswüchse nie wird aufkommen lassen. Weil sie mit Entrüstung die Beleidigung zurückweisen würden, die in dem Worte liegt, das voraussetzt, sie seien nicht eo ipso schon Ottomanen und müßten dazu erst erzogen werden. Bei dieser Meinung bleiben wir natürlich, trotzdem sie der JVlann des „Tiempo", der hier nur noch unter dem Namen „Hafie national" (das ist nationaler Spion und Verräter) fortlebt, verunstaltet und zu neuen Denunziationen gegen den Zionismus verwendet. Die Zionisten haben die Erlernung des Türkischen unter ■den ottomanischen Juden früher proklamiert und propagiert als der „Tiempo". Diese Bestrebung findet nur einen Gegner, die Alliance, deren Freund das Blatt ist. Wir haben es also nicht nötig, uns gegen anti-ottomanische Machinationen zu verwahren. Darum werden wir aber doch trotzdem und ohne Rücksicht unselige, offene oder versteckte Assimilationstendenzen als solche aufdecken und kritisieren. Mesopotamien Die von der Ica nach Mesopotamien ausgesandte Forschungskommission ist in dieser Woche nach Konstantinopel zurückgekehrt. Wie verlautet, soll die Ica auf Grund der Ergebnisse dieser Forschung bis auf weiteres noch von einer Kolonisierung der Gegend mit Juden Abstand nehmen wollen. Im übrigen ist in den öffentlichen Arbeiten, die in der Provinz auszuführen sind, ein bedenklicher Stillstand eingetreten. Bekanntlich waren die großen Bewässerungsarbeiten dem englischen Ingenieur Sir William Willcocks übertragen worden. Dieser hatte große Kredite von der ottomanischen Regierung und absolute Aktionsfreiheit verlangt und war mit einem Stabe ausländischer Ingenieure (die anfangs miteingestellten ottomanischen waren bald entlassen worden) ans Werk gegangen. Mehrere Male hatten dann die brieflich und telegraphisch gestellten Neuforderungen Sir Williams, wie die auf Bau einer Transportbahnlinie und auf weitere Kredite, von sich reden machen. Nunmehr ist plötzlich ein Bericht des neuen Gouverneurs von Bagdad, Nasim Pascha, bei der Regierung eingelaufen, der auseinandersetzt, daß die von Willcocks bis jetzt ausgeführten Irrigationsarbeiten und die bereits dafür ausgegebenen enormen Summen vollkommen nutzlos seien, und die Annullierung des Kontrakts mit dem Engländer verlangt. Ebenso sind Beschwerden von Seiten der Bevölkerung der Provinz eingelaufen, die die herrische Aufführung des von Willcocks beschäftigten Personals zum Gegenstand haben. Sir Willcocks, der eben auf der Reise nach Amerika begriffen war, wo er ein anderes Irrigationssystern anstatt des von ihm nach ägyptischem Muster in Mesopotamien versuchten und anscheinend unpraktischen studieren wollte, ist vom ottomanischen Ministerium vorgeladen worden. Die bisherigen Konferenzen sollen ergeben haben, daß der Großwesier geneigt sei, sich den Ansichten des Gouverneurs anzuschließen. Wenn das der Fall ist, so werden auf lange Zeit die Arbeiten aussetzen und die Zeit, wo es großen Ansiedlermassen möglich sein soll, sich am Tigris niederzulassen, noch weiter in die Ferne gerückt werden. Vielleicht steht der Entschluß der Ica, einstweilen in Mesopotamien noch nichts zu unternehmen, mit diesen Tatsachen in Zusammenhang. Der Tod Hamada Paschas Der Senator Harnada Pascha, der frühere Minister des Efkaf, ist einem plötzlichen Tode zum Opfer gefallen. Das ist nicht nur ein Verlust für sein Vaterland, zu dessen fähigsten Staatsmännern er gehörte, sondern auch für uns, das Judentum. Hamada Pascha war der überzeugteste ottomanische Anhänger der jüdischen Einwanderungsidee. Als Minister hat er versucht, ihr Verständnis zu schaffen, und noch kurz vor seinem Tode hatte er einem jüdischen Freunde erklärt, er nehme sich vor, nach seiner Rückkehr aus Beirut mit all seinen Kräften sich der Arbeit der Durchführung des Gedankens hinzugeben. Dieser Enthusiasmus für die jüdische Einwanderung entsprang keiner Sentimentalität, sondern der Überzeugung von dem großen Vorteile, den sein Vaterland daraus ziehen würde. Diese Wahrheit bleibt bestehen, auch wenn Hamada Pascha nicht mehr ist, und sie wird durchdringen wie eine jede wirklich reale Wahrheit. Gleichwohl haben die Juden durch das Hinscheiden dieses Mannes, in einem Lande und zu einer Zeit, wo noch fast alles sich persönlich, nicht sachlich erledigt, viel verloren. Das Sultansfest in Bejlerbej Sultan Mehmed Raschad lud in vergangener Woche die beiden Parlamente und die Presse der Hauptstadt zu einem Sommerfeste in dem herrlichen Schlosse Bejlerbej ein. Auch die Vertreter der jüdischen Blätter waren geladen und sind vom Sultan in Audienz empfangen worden. Türken, Griechen und — Allianzisten Auf dem Sultansfeste gab es einen für uns Juden charakteristischen, beschämenden Vorfall. Ein langer Zug von Schülern füllte die Terrasse vor dem Schlosse, türkische, griechische und — andere Schulen. Diese „andern" zeichneten sich ganz besonders vor den übrigen aus durch ihr schmuckes Äußere, ihre stramme Haltung, ihre tadellos klingenden türkischen Gesänge und durch einen riesigen Rosenstrauß, den eine ihrer Schülerinnen Sr. Majestät überreichen durfte. Alles war schön und herrlich, als plötzlich — so erzählt einer der anwesenden jüdischen Journalisten — ein befreundeter Deputierter die Frage stellte: „Ich sehe hier wohl türkische und griechische, sogar zwei französische Schulen. Wo sind denn aber die jüdischen Schulen? Gibt es in dieser Gegend keine solche?" Der gute, naive Deputierte! Er hatte die beiden jüdischen Schulen, Knaben- und Mädchenschule von Kusgundschuk, für französische Institute gehalten, weil sie auf ihren Fahnen — im Gegensatz zu den türkischen, die türkische Inschriften, und den griechischen, die griechische Inschriften trugen, — keinen einzigen hebräischen Buchstaben oder gar ihren Volksnamen zeigten, sondern in französischer Sprache die Firmen: „Ecole de garcons de VA. I. U." und „Ecole de filles de I'A. I. II" .... Natürlich sind nicht alle Nichtjuden so fortgeschritten, zu wissen, daß die französische Sprache heute ein Surrogat für die jüdische sein soll, und daß A. J. U. die Vertreterin der jüdischen Nation — pardon — Konfession bedeutet. Einer der jüdischen Gäste wandte sich hierauf an den Direktor der Schulen mit den Worten: „Der Herr ist Jude?" — „„Israelit."" „Die Schule ist eine jüdische?" _ iji «« — „„Ja. „Und warum stehen auf den Fahnen der Schulen französische Worte? Haben wir keine eigene Sprache?" — „„Nous sommes de l'Alliance. . ."" (Wir sind von der Alliance.) In dem Momente begannen die Schüler ein türkisches Lied. — „„Sehen Sie, Ottomanen sind wir! Hören Sie das Lied. . In der Gruppe der jüdischen Gäste, zu denen der Senator Behor Effendi, die vier Deputierten und die Pressvertreter gehörten, herrschte große Unbehagen, zum Teil Entrüstung über den Vorfall.

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