Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316432--53425-3347205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
640 DIE 2 ist seine Familie erst zur Hälfte verhungert, so wird man mit einigem Erstaunen die Botschaft vernehmen. Alles Erstaunen aber wird das Verlorene nicht wiederbringen können, sintemalen Wunder zu tun auch dem kaiserlich russischen Senat eine Unmöglichkeit ist. Kulturelle Bestrebungen der russischen Judenheit Daß bei der furchtbaren sozial-politischen uhd ökonomischen Niedergeschlagenheit, in der die russische Judenheit sich befindet, auch der geistig-kulturelle Zustand ein stark deprimierter ist, erscheint ganz natürlich. Doch auch den letzten Rest von Tat- und Willenskraft, der sich hie und da regt, sucht die russische Regierung mit brutaler Hand zu unterdrücken. Sie will ja das russische Volk nicht nur vor der politischen und ökonomischen, sondern auch vor nationaler „Gefahr" seitens der Juden schützen ... Die böswilligsten Schikanen in dieser Hinsicht werden verübt: harmlose Gesangvereine, literarische Klubs u. dgl. werden einer nach dem andern geschlossen, weil diese durch ihre seperatistischen Bestrebungen (!) „schädlich" wirken ... Trotz alledem ist ein allmähliches Erstarken des Interesses für das geistige jüdische Leben wahrzunehmen. Freilich steht dieses Interesse durchaus in keinem Verhältnisse zu den allernotwendigsten Bedürfnissen. Es muß noch so vieles geschehen, wovon bis jetzt kaum ein Anfang gemacht worden ist. Da haben wir beispielsweise das Schulwesen. Es gibt viele Eltern, die ihren Kindern eine ausreichende jüdische und allgemeinmenschliche Erziehung angedeihen lassen möchten. Dafür fehlen aber die notwendigen Anstalten. Es bleibt dem jüdischen Vater nur übrig, sein Kind entweder in das Cheder, das nun einmal durch sein pädagogisches Niveau und einseitiges Programm schon längst nicht mehr den berechtigten Anforderungen genügt, oder es zur allgemeinen Schule zu schicken, kwo die jüdische Jugend einer fremden Kultur und Gefühlswelt langsam zugeführt und der eigenen entfremdet wird. Man ging vielfach daran, das Cheder zu reformieren und es den Anforderungen der Zeit anzupassen. Dies ist zum Teil an den unsinnigen Judengesetzen gescheitert. Es besteht nämlich ein Gesetz, wonach in den Chadarim die russische Sprache (wie überhaupt weltliche Lehrfächer) nicht unterrichtet werden darf; umgekehrt ist es in den polnischen Gouvernements, wo die russische Sprache ja unterrichtet werden muß. Worin dieser Widersinn begründet ist? Man darf wahrlich bei den Judengesetzen iH Rußland nicht nach Logik suchen. Die Rabbiner-Kommission, die zurzeit in Petersburg die Beschlüsse der jüngsten Rabbinerkonferenz ausarbeitet, um sie der Regierung vorzulegen, betont auch diesen Punkt und legt der Regierung nahe, diese Verordnung abzuändern. Wird die Regierung sich daran kehren? Und wenn ja, werden unsere Rabbiner und Gemeindevorsteher es verstehen, diese unsere Lebensfrage richtig zu lösen? Wie gesagt, regt es sich ein wenig in unserem Lager. Um aber diese leise Regung zu einer lebenschaffenden Bewegung zu steigern, müßte eine große kulturelle Aktion einsetzen.. Alle Energie müßte in einen Sammelpunkt vereinigt werden. Ähnliches erhofften wir vor zwei Jahren von der „Chowewe-Sephat-Ewer"- Gesellschaft. Sie stellte sich zur Aufgabe die Förderung des Schulwesens, der hebräischen Sprache und Literatur; sie sollte gewissermaßen die Erbschaft der zum Anachronismus gewordenen „Mefize-Haskala"-Gesellschaft übernehmen. Der Anklang, den der Gedanke, namentlich in der Provinz, fand, war leider nicht stark genug, um das Erhoffte in Erfüllung zn bringen. Die neue Organisation für hebräische Sprache und Kultur ist dazu berufen, einen frischen Lebenszug in unsere Reihen zu bringen. Der bevorstehende Kultur-Kongreß wird hoffentlich zu positiven Ergebnissen auch in Rußland führen. Allem Anscheine nach ist der gegenwärtige Moment der geeignete für eine national-kulturelle Aktion. Eine erfreuliche Erscheinung auf literarischem Gebiet ist die vom hebräischen Verlag „Tuschija" neuangelegte „Bibliotheka gedola". War es in den letzten Jahren mit der hebräischen Presse sehr schlecht bestellt, so war der Zustand unseres Büchermarktes noch trauriger; das Erscheinen eines wirklich guten neuen Buches wurde zur Seltenheit. Dem rührigen Verlag „Tuschija" haben wir es wiederum zu verdanken, daß hierin eine Besserung eingetreten ist. Jedes Jahr sollen von der „Bibliotheka gedola" 50 Bände erscheinen. Es sind bereits eine ansehnliche Anzahl inhaltlich bedeutender Werke herausgekommen, sowohl Originalschriften aus der Feder unserer bekanntesten modernen Schriftsteller, als auch Neudrucke älterer gediegener Literaturprodukte, u. a. manche Meisterwerke aus der mittelalterlichen Literatur. Wenn das hebräisch lesende Publikum für das neue großartige Unternehmen geeignetes Interesse äußert, dann wird unsere Literatur um ein wertvolles Gut reicher.?ELT ■■' ' ■ - -;- ■■ -== No. 26 Auch nach einem guten hebräischen Tagblatt besteht ein dringendes Bedürfnis. Es fehlt an einem führenden Organ, weiches fruchtbare Anregungen gäbe, das jüdische Leben allseitig und richtig beleuchtete und eine gewisse Autorität besäße. NahumSokolow hat daher mit einer Neuherausgabe seiner „Hazefira" alle Aussicht auf Erfolg. Sein wohlerworbener Ruf als der bedeutendste hebräische Publizist, als taktvoller und gewandter Redakteur und als Vorkämpfer der hebräisdien Renaissancebewegung, wird hoffentlich dazu beitragen, daß sich, wie in früheren Jahren, um seine Zeitung eine große Schar von Anhängern sammeln wird. Vielleicht gelingt es endlich, die Hochflut der Jargon-Presse etwas einzudämmen, Die Konkurrenz, die zwischen den vier Jargon-Tagesblättern in Warschau andauert, hat doch etwas Gutes gezeitigt. Die betreffenden Redaktionen hatten sich alle Mühe gegeben, um einander durch allerlei Prämien und Geschenke an die Leser zu überbieten. Es wurden Mitgiftpolicen verlost, ganze Bibliotheken zum Spottpreis verteilt usw. Nun ist der „Haint" auf einen originellen Gedanken gekommen: er versprach zwölf von seinen Lesern, die im Laufe des Jahres in der allmonatlichen Verlosung herauskommen werden, eine Gratisreise nach Palästina. Aber auch Nichtgewinnern gewährt das Blatt die Möglichkeit, für eine ganz kleine Beisteuer an der Reise teilzunehmen. Dies ist zurzeit, wie es scheint, ein gutes Lockmittel; denn der „Haint" fand bereits seinen Nachahmer: auch „Die neue Welt" plant für ihre Leser eine Gesellschaftsreise nach Palästina, an deren Spitze einer ihrer Redakteure, der bekannte Jargon-Schriftsteller M. Spektor, stehen wird. Wenn auch die Motive dieser Palästina-Reise nicht zu billigen sind, die Tat ist lobenswert. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Noch einmal die Liga für Ottomanisierung Die gleiche Kritik, die wir dem Namen und Bestreben dieser Liga gewidmet hatten, hatte, nur in der Form einer besorgten Frage, auch die „Aurore" vernehmen lassen. Sie erwartete von den Leitern der Gesellschaft eine klare Beseitigung der Befürchtung^ daß es sich um ein assimilatorisches Unternehmen handeln könnte- Auf diese loyale Anfrage gibt einer der Gründer der Liga in der Saloniker „Nation" die folgende Antwort: „In allen Städten der Türkei haben wir unsere Elementarschulen, wo fast alle unsere Knaben und Mädchen durch jüdische Lehrer ihre Erziehung erhalten und in einem jüdischen Milieu unter jüdischen Kameraden heranwachsen. Sie lernen dort mehr oder weniger („mehr weniger als mehr", Anm. d. Ber.) das Hebräische und die Grundbegriffe unserer Religion. Bei aller möglichen Anstrengung können sämtliche Ottomanisierungsvereine höchstens ein oder zwei vom Hundert unserer Schulkinder in den türkischen Schulen unterbringen, und das, nachdem sie den Elementarunterricht in reinjüdischen Schulen empfangen haben. Übrigens sind Ottomanismus und Türkismus zwei gänzlich verschiedene Dinge. Der Ottomanismus begreift eine tiefe und aufrichtige Liebe zu allen Kompatrioten ohne Rassen- oder Glaubensunterschied in sich. Wer nicht alle seine Kompatrioten gleicherweise liebt, kann sich nicht aufrichtig Ottomane nennen, ja, kann vielleicht als Feind des ottomanischen Vaterlandes angesehen werden. Trotz allen Bemühens kann ich den von der „Aurore" gebrauchten Ausdruck „Türkisierung" nicht begreifen. Abgesehen von der offiziellen Sprache, die in dieser konstitutionellen Ära nicht mehr die türkische Sprache genannt werden darf, existieren eine wahrhaft reine türkische Kultur und Literatur überhaupt nicht. Eine neue Kultur kann in der Türkei mit Hilfe der Armenier, Griechen, Juden, Bulgaren usw. geschaffen werden, und diese Kultur wird einfach ottomanisch sein. Die türkische Geschichte müssen alle Elemente, die das Land bewohnen, als die ihrige betrachten; die Helden der türkischen Geschichte müssen als die Unsrigen betrachtet werden, ebenso wie die Jungfrau von Orleans als die ihrige von den französischen Juden, Bismarck als der ihre von den deutschen und Garibaldi von den italienischen als der ihre angesehen werden. „Die Assimilationsgefahren der Türkisierung also existieren für uns nicht. Indem wir die Landessprache, die Geschichte unserer Helden verbreiten, indem wir unsern Kindern eine tiefe und aufrichtige Liebe für das ottomanische Vaterland einflößen, werden wir nichts von unsern jüdischen Gefühlen verlieren. Indem wir die brüderliche Assimilation vollbringen, wird unser Nationalismus sich mehr und mehr kräftigen. Wenn unser Element stark wird, wenn wir eines der herrschenden, nicht der beherrschten Elemente sein