Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Berufenen. Török ist unter den Bewerbern auch der einzige, der in der wissenschaftlichen Welt Europas einen Namen hat, wo man ihn und Philippson in Palermo als den Begründer einer neuen dermatologischen Methode kennt. Aber der Umstand, daß er Jude ist, macht seine Ernennung auch unter dem neuen „liberalen" Regime unmöglich, und ebenso mußte der als Ersatzmann vorgeschagene Marschalko in Klausenburg, weil er Freimaurer ist, weichen. Gegen ihn agitierte der Klausenburger Bischof Majläth, ein Intimus des Thronfolgers. Der neue Unterrichtsminister, Graf Johann Zichy, hat sich für die Angelegenheit selbst interessiert, aber gegen den mächtigen Protektor Nekäms nichts auszurichten vermocht. Rußland Zur Lage in Kiew Wie vorauszusehen war, haben die massenhaften Ausweisungen von Juden aus Kiew eine verheerende Wirkung auf das wirtschaftliche Leben der Kiewer Judenheit überhaupt ausgeübt, die mit den ausgewiesenen Familien nahe geschäftliche Beziehungen pflegte. Hunderte von Familien wurden auf diese Weise indirekt von den Ausweisungen getroffen. Auch andere größere Handels- und Industriezentren im Ansiediungsrayon, wie Warschau, Lodz, Odessa usw., sind stark in Mitleidenschaft gezogen worden. — Infolge der Ausweisungen und der wirtschaftlichen Depression nimmt die Emigration aus Kiew nach Amerika ungewöhnlich große Dimensionen an. Da viele ausgewiesene Juden sich nach dem jenseits des Dnjepr gelegenen Orte Slobodka begeben, um sich dort einige Zeit, etwa bis sie ihre Geschäfte in Kiew ganz liquidiert haben, aufzuhalten, hat der Kiewer Verband des russischen Volkes eine Bande von Hooligans organisiert, die in Slobodka die landenden Juden mit Gummiknütteln und „Nagaikas" empfängt und sie in Gegenwart der ruhig zusehenden Polizei aufs grausamste mißhandelt. Der Umfang der Judenausweisungen in Kiew Das vereinigte Komitee des Jewish Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association veröffentlicht in der Londoner Tagespresse folgende Einzelheiten über die Kiewer Judenausweisungen, die einem Privatbriefe aus Kiew entnommen sind: Bisher haben ungefähr 1000 Familien, deren Seelenzahl sich auf etwa 6000 beläuft, die Aufforderung zum Verlassen der Stadt erhalten. Die Ausweisungen begannen am 15./28. Mai. Der Modus der Ausweisungen ist nach der Kategorie, der die einzelnen ausgewiesenen Familien angehören, genau geregelt. Die Polizei unterscheidet nämlich drei Kategorien von auszuweisenden Juden. Zur ersten Kategorie gehören diejenigen Juden, die eine kleine oder gar keine Familie haben. Diese werden aufgefordert, das Stadtgebiet innerhalb 4—5 Tagen zu verlassen. Kleine Viehmakler, Agenten und sonstige armselige Existenzen, die von der Hand in den Mund leben, zählen zu dieser Klasse. Die zweite Kategorie umfaßt Familien von fünf oder mehr Mitgliedern. Diesen wird eine Frist von 14 Tagen gewährt. Auch die Witwen von Handwerkern, ferner arbeitsunfähige Handwerker, die ipso facto nicht wohnberechtigt sind, werden dieser zweiten Kategorie zugezählt. Zur dritten Kategorie endlich gehören die ärmsten Proletariermassen, Bettler usw. Diese müssen jeden Augenblick gefaßt sein, einen Befehl zum sofortigen Verlassen der Stadt zu erhalten. Da viele der Ausgewiesenen noch hoffen, ihre Ausweisung rückgängig machen zu können, und verzweifelte Anstrengungen zur Wiedererlangung des Wohnrechts unternehmen, da ferner die Ausweisungen noch immer fortdauern, ist es unmöglich, auch nur annähernd die Zahl der Juden zu bestimmen, die endgültig die Stadt verlassen müssen. Pogromdrohungen in Kiew Die Pogrompropaganda nimmt hier wiederum bedrohliche Formen an. Ein Mönch verteilt auf den Straßenbahnen aufwieglerische Proklamationen, die von dem von allen Gläubigen verehrten Lawrakloster herausgegeben sind. Gestern begannen sogar zwei Hooligans im Mittelpunkt der Stadt alle vorübergehenden Juden zu verhauen, aber die Sache hatte keine weitern Folgen. Jedenfalls häuft sich der Zündstoff in gefährlichem Maße. Eine offizielle Kundgebung der;;Rossia" Das Organ der russischen Regierung veröffentlicht eine offizielle Erklärung anläßlich „der tendenziösen Beleuchtung der den Juden gegenüber getroffenen Maßnahmen" in der russischen und ausländischen Presse. Diese Erklärung ist ein Gemisch von dreisten Lügen, jesuitischen Deklamationen und schamlosem Zynismus, wie sie nu r das dummdreiste und gewissenlose russische Machthabertum produzieren kann. Die Erklärung weist darauf hin, daß die Regierung sich streng an das Gesetz halte, aber in Fällen, wo das Gesetz dies gestatte, äußerst milde vorgehe. So sei die Ausweisung unmündiger Juden (so werden in der „Blumensprache*4 des offiziellen Regierungsorgans Kinder von drei bis fünf Jahren genannt!) aus Moskau dadurch begründet, daß Kinder dem Gesetze nach dem Stande des Vaters nachfolgen; daher sei in vier Fällen die Abschiebung von Minderjährigen zu ihren Vätern, die das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons nicht besitzen, angeordnet worden. Den Kindern der Hebamme Kopelmann habe indes der Minister erlaubt, bei der Mutter zu bleiben, da sie von ihrem Manne geschieden ist. Was nun die Massenausweisung, namentlich „die Ausweisung von 446 Juden aus Kiew" betrifft, (diese Zahl ist einfach aus der Luft gegriffen. Wie der Kiewer Korrespondent der Odesskija Nowosti" unterm 18. Juni depeschiert, wurden bloß in den letzten wenigen Tagen aus Kiew 456 Familien, an die 2000 Personen, ausgewiesen. Im allgemeinen wurde ursprünglich über ca. 1200 Familien in der Stadt und 238 Familien im Vororte Demijewka die Verbannung verfügt, und nur 150 Berufungen der Betroffenen wurden berücksichtigt.) so wird darauf hingewiesen, daß der Kiewer Gouverneur in die Liste der Juden, deren Ausweisung aufgehoben wurde, viele Handwerker und Kleinhändler aufgenommen hätte, die nicht unter das Rundschreiben vom Mai 1907 fallen; die Liste sei deshalb zwecks Überprüfung retourniert und die Behörde angewiesen worden, den Ausgewiesenen bestimmte Fristen zur Liquidation ihrer Geschäfte zu gewähren. Im übrigen sei das Nähere über die Vollstreckung der Ausweisungen ausschließlich der Bestimmung der lokalen Behörde überlassen worden. Die Erklärung berührt ferner die Frage des Wohnrechts in der Sommerfrische und weist darauf hin, daß den lokalen Behörden vorläufig das Recht eingeräumt worden sei, den Aufenthalt einzelner Juden in den Sommerfrischen gewähren zu lassen unter der Bedingung, daß die einheimische Bevölkerung nichts dagegen habe und daß der Aufenthalt nicht zur Niederlassung werde. Außerdem habe der Kriegsminister die allerhöchste Erlaubnis erbeten, daß kranken Juden der Aufenthalt im Kaukasus erlaubt sein möchte. Die Erklärung polemisiert ferner gegen die „falschen Gerüchte über angebliche Massenausweisungen" und schließt mit der Versicherung, daß die Regierung sich genau an die Bestimmungen des Gesetzes halte, und wenn sie in einigen Fällen gezwungen sei, Repressivmaßnahmen zu ergreifen, so sei dies bloß die Folge der „Tendenz der Juden, die vom Gesetze bestimmten Rechtseinschränkungen zu umgehen". Wie General Kuropatkin Geschichte schreibt General Kuropatkin, der unglückselige Generalissimus der russischen Armee im ostasiatischen Kriege, ist endlich aus seiner geheimnisvollen Reserve herausgetreten und hat der verblüfften Menschheit die Lösung für das Rätsel der fabelhaften Niederlagen des russischen Kolosses an die Hand gegeben. Wie es sich nun herausstellt, waren nicht die Liederlichkeit und totale Unfähigkeit der russischen Feldherren, nicht die sittliche Verkommenheit und Korruption der Bureaukiatie überhaupt und der Intendantur im besondern, nicht die hoffnungslose Stumpfsinnigkeit der Analphabetenarmee, nicht endlich die Tüchtigkeit und Manneszucht der Japaner schuld an all dem Pech des glorreichen russischen Heeres, sondern es waren lediglich und ausschließlich die unversöhnlichen Blutfeinde des russischen Volkes, die Juden, die wieder einmal Rußland an den Rand des Verderbens brachten. — Diese tiefgründige Staatsweisheit illustriert der ruhmreiche Kriegsheld durch folgende interessante „Tatsache" aus der Geschichte des merkwürdigen Krieges. Bei einem jüdischen Soldaten, der in einer Schlacht gefallen war, — weiß General Kuropatkin zu berichten, — wurde ein Manuskript gefunden, das die „Rede eines berühmten Rabbiners an die jüdische Nation" enthielt. In dieser Rede äußert sich der große Rabbiner, wie folgt: „Jeder Krieg, jede Revolution, jeder politische Wirrwarr bringt uns unserm Ziele immer näher. Indem wir uns der russischen Finanzen und der russischen Presse bemächtigen, gewinnen wir eine große Macht und werden die Herren der Masse. Mit Hilfe der Presse können wir leicht alle moralischen Grundsätze und alle Sittlichkeitsnormen umstürzen und den heiligen Grundlagen des russischen Familienlebens den Todesstoß versetzen. — Wir müssen das Proletariat für uns zu gewinnen suchen, weil es uns als vorzügliches Werkzeug dienen kann, um die Regierung zu stürzen und die Revolution durchzuführen. Dies alles wird uns rasch zu unserm Ziele führen: zur Herrschaft über die ganze Welt, wie sie bereite unserm Erzvater Abraham verheißen wurde." Des fernem empfiehlt der Rabbiner den Juden das Studium