Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 26 DIEl&ELT 635 Zionisten beteiligten, gelang es, von den 30 zu wählenden Mitgliedern des Kultusausschusses elf Kandidaten von der Opposition durchzubringen. Dieses Resultat bedeutet einen um so größern Sieg für uns, weil wir nur 17 Kandidaten aufgestellt hatten; die übrigen 6 erreichten ebenfalls eine hübsche Stimmenzahl. Endlich wird der zionistischen Jugend die Möglichkeit geboten werden, mit Unterstützung der Kultusgemeinde einen hebräischen Kursus zu errichten, ein Wunsch, der von den bisherigen Machthabern nicht erfüllt wurde. Sarajevo. Die akademischen Vereinigungen „Bar Giora", „Esperanza", Wien und „Judea", Agram werden am 21. und 22. August 1. J. in Sarajevo den IV. zionistischen Hochschüler- und Abiturienten-Kongreß mit anschließender Bürgerversammlung veranstalten. Ungarn Landesorganisation und Misrachi Die ungarländische Organisation „Misrachi", Vereinigung gesetzestreuer Zionisten, ersucht uns um Aufnahme folgender Erklärung: In der letzterschienenen Nummer der „Welt" vom 24. Juni a. c. wird aus Ungarn unter obiger Oberschrift berichtet, daß bei der Kassaer Landeskonferenz „in Angelegenheit des Misrachi die vollste Einigung erzielt worden war". Diese Behauptung entspricht nicht den Tatsachen und soll nur dazu dienen, das Vorgehen der Leitung der ungarischen zionistischen Landesorganisation zu beschönigen, resp. die Schuld an dem Austritt des Misrachi aus der Landesorganisation von den eig-enen Schultern abzuwälzen. In Wahrheit wurden die bescheidenen Ansprüche und legalen Wünsche des Misrachi nicht berücksichtigt, obwohl die Vertreter des „Misrachi" sowohl im Kandidationskomitee als auch im Plenum auf die Folgen aufmerksam machten. Bereits am Tage vor der Landeskonferenz hat die stattgehabte Misrachikonferenz ein sechsgliedriges Komitee damit betraut, die Forderungen des Misrachi nach einer entsprechenden Beteiligung im Landeskomitee bei der Landeskonferenz zu vertreten. Das Komitee des Misrachi war mit zwei Vertretern zufrieden, wenn das L.-K. wie bisher aus fünf Mitgliedern bestehen sollte. Als aber am andern Tage bestimmt wurde, daß das L.-K. erweitert werden sollte, verlangten die Misrachivertreter, daß dem Misrachi drei Plätze eingeräumt und sechs Plätze durch Nichtmisrachisten besetzt werden sollen. Der Leiter der ungarischen Misrachiorganisation machte von der Annahme dieser Forderungen sein Verbleiben im Landeskomitee abhängig und machte auf die Folgen sowohl das Kandidationskomitee als auch im Plenum aufmerksam, allerdings ohne mit dem Austritt des Misrachi zu drohen. Die diesbezüglichen Vorschläge wurden mit 16 gegen 15 Stimmen abgelehnt und die Vorschläge des Kandidationskomitees angenommen. Der Leiter des Misrachi überreichte sofort schriftlich dem Präsidenten die Erklärung, die Wahl unter keiner Bedingung anzunehmen. Bei dieser Gelegenheit können wir nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß auch in der Nummer 23 der „Welt" vom 10. Juni a. c. unter „Sprechsaal", eine Zuschrift des Herrn Ludwig Batö erschien, die die Vorgänge bei der Landeskonferenz unrichtig darstellt. Wir behalten uns vor, die Richtigstellung dieser Zuschrift in der „Allg. Jüd. Rundschau" vorzunehmen. Übrigens halten wir die Errichtung der selbständigen Misrachi- Landesorganisation in Ungarn im Interesse des Zionismus gelegen und erwarten von diesem Akt die besten Resultate. Mit Zionsgruß für die Misrachi-Organisation in Ungarn Leopold Lebowitsch. Belgien Antwerpen. Jüngst hatten wir einen sehr lieben. Gast in unserer Stadt, Herrn Dr. 0. Thon aus Krakau, der auf Einladung des Landeskomitees nach Belgien gekommen war, um in Brüssel und Antwerpen je einen öffentlichen Propagandavortrag zu halten. In dem „Cercle artistique et litteraire", einem der vornehmsten Säle Antwerpens, war eine ca. 1300 Köpfe zählende Menge versammelt, um dem Vortrage des Redners zu lauschen. Das Thema lautete: „Der Zionismus als moderne Weltanschauung." In Brüssel sprach Dr. Thon über „Das moderne Judentum". Beide Vorträge machten auf das Publikum tiefen Eindruck, und die Antwerpener ließen es sich nicht nehmen, den verehrten Gast für einen dritten Abend bei sich zu behalten, welcher Abend im „Beth Zion" in sehr anregender Weise verbracht wurde, und bei welcher Gelegenheit zu Ehren des Gastes ca. Frs. 300 für den Nationalfonds gespendet wurden. Bei der letzten Jahreskonferenz der Föderation wurde eine Anregung gegeben, auch in unserer Stadt einen jüdischen Turn- und Sportverein ins Leben zu rufen. Es hat schon einmal einen solchen in Antwerpen gegeben, derselbe hat sich aber bedauerlicherweise auf die Dauer nicht halten können. Das Landeskomitee hat es deshalb übernommen, auf diese wichtige Sache nochmals sein Augenmerk zu richten, und hat ein provisorisches Komitee, bestehend aus den Herren M. D. Horowitz, B. Adler, Dr. L. Herz, Dr. O.Mirkin, D. Moed, M. Lewi n, Max Kannengießer, Van Cleef, J. H. Trobuschicht, Sam. Schrneidlei und den Damen B. Adler und Fr. Rosenblüth, mit den nötigen Vorarbeiten betraut. Das provisorische Komitee hat sich dieser Aufgabe mit großem Fieiße entledigt und hat das Antwerpener Publikum in die „Diamantbörse" zur konstituierenden Versammlung einladen können. Herr M. D. H o r o - witz wies dabei in längerer Rede auf die hohe Bedeutung der Körperpflege hin, die auch dem Geist Schwingen gibt und das Selbstbewußtsein hebt, und forderte die Anwesenden auf, ihren Beitritt zu dem zu gründenden Verein anzumelden. Es erfolgten am selben Abend ca. 160 Anmeldungen teils aktiver, teils passiver Mitglieder. Die angemeldeten Mitglieder wurden dann für den 15. ds. zu einer Generalversammlung eingeladen, bei welcher die Statuten beraten und angenommen wurden und ein neungliedriger Vorstand eingesetzt wurde. Der Vorstand trifft nun alle Vorkehrungen, um mit dem Turnen bald beginnen zu können, und es ist zu hoffen, daß der Verein unter den bestehenden jüdischen Turnvereinen bald einen würdigen Platz einnehmen wird. Beth-Am soll der Name und Charakter des neuen Gebäudes sein, welches die Föderation in Antwerpen zu erbauen beabsichtigt. Der Plan ist erst in den Anfangsstadien, aber alle Anzeichen sprechen dafür, daß er in Bälde ausgeführt wird. Eine Kommission, aus den Herren M. Lewin, Dr. L. Herz, Eibenschütz, Henri Gretzer und Leon Fischer bestehend, hat die Aufgabe, das Projekt zu studieren und einer spätem Konferenz Vorschläge zu unterbreiten. Diese Kommission ist nun daran, eine Aktiengesellschaft mit einem Mindestkapital von Frs. 50000 ins Leben zu rufen. Es steht zu hoffen, daß schon am Anfang des kommenden Wintersemesters die Vorbedingungen für den Bau geschaffen sein werden, zumal Herr M. Lewin einen Beitrag von Frs. 5000 in Aussicht gestellt hat. Der beabsichtigte Bau soll schöne Konferenz- Lesesäle, Bureauräumlichkeiten für die verschiedenen Vereine, vielleicht auch einen Turnsaal usw. fassen. S. G. Brief aus Österreich Eine Pogromrede in Österreich Der tschechisch-klerikale Abg. My sli vec hat im österreichischen Parlament mit der Veranstaltung von Pogromen gedroht. Damit hat er seiner gut-russischen Veranlagung wieder einmal Genüge getan. Herr Myslivec, ein Redakteur irgendeines tschechischen Ritualmordblättchens in Prag, hat sich mit den Juden schon einigemal beschäftigt, und wenn wir hier einiges aus der Tätigkeit dieses Mannes erzählen, so tun wir dies nur, um die moralische und intellektuelle Beschaffenheit eines Volksvertreters zu schildern, der sich in Österreich eines ziemlichen Einflusses erfreut. Gewählt wurde er im Jahre 1907 in Wlaschim, einem Städtchen nahe bei Konopischt, dem bekannten Somniersitz des Erzherzog-Thronfolgers. In einer Wahlrede leistete sich Myslivec einige Beschimpfungen der Juden. Als die dortige Kultusgemeinde ihn verklagte, wurde sie abgewiesen, weil ihr die Klagelegitimation fehlte. Die parlamentarische Tätigkeit Myslivec' bestand dann längere Zeit darin, daß er Interpellationen unterschrieb, in denen irgendein Minister gefragt wurde, ob er über den Verbleib eines verschwundenen Christenkindes Auskunft geben könne. Mit der Zeit^wagte sich Myslivec an höhere Dinge. Er verlas im Parlament Übersetzungen aus dem Talmud, dem Schulchan, Aruch usw. In welcher Manier, kann man sich ungefähr vorstellen. Er blieb aber unbeachtet bis zu dem Zeitpunkt, als der Präsident des hohen Hauses, Dr. Pattai, einer der Wiener Judenvertilger, den Myslivec'schen Expektorationen applaudierte. Der stürmische Protest der jüdisch-nationalen Abgeordneten lenkte endlich die öffentliche Aufmerksamkeit auf Myslivec, der nun immer öfter hervortrat. Neulich hat er mit einigen kongenialen Freunden im Prager Stadtrat die Entfernung des uralten jüdischen Friedhofs und der „Altneuschul" verlangt. „Wenn die Juden soviel Wert auf die alten Scherben legen", — sagte er, — „so können sie sie ja nach Straschnii^ (dem allgemeinen Begrab-