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Die Welt · 1910-07-01 · 26 (1.7.1910) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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634 DIE3$£ELT No. 26 man dieselben in jedem künstlerischen Konzert hören lassen kann. So haben z. B. in Berlin Dr. Bogumil Zepler (Redakteur der Wochenschrift „Musik für Alle") sowie der Verfasser dieser Zeilen manches Volkslied, das in den Kunstabenden des „Vereins zur Förderung jüdischer Kunst" zum Vortrag gelangte und seinerzeit in der Monatsschrift „Ost und West" veröffentlicht worden ist, bearbeitet. Besonders aber hat sich Herr J. Engel aus Moskau um das jüdische Volkslied verdient gemacht. Viele Lieder hat er selbst gesammelt, manche Volksgesänge, die ihm von den Herausgebern des Sammelbuches der Texte von jüdischen Liedern, den Herren Marek und Günsburg, zur Verfügung gestellt wurden, redigiert und bearbeitet. Vor mir liegt jetzt ein Heft von zehn jüdischen Volksliedern, die Herr Engel bearbeitet hat und die von Herrn Berthold Feiwel ins Deutsche und von Herrn Ephross ins Russische übersetzt worden sind1). Mit welcher Pietät und Gewissenhaftigkeit Herr Engel an die Lieder herangetreten ist, beweist die russische Bemerkung zum Liede Nr. 4 („Spazieren wohl sind wir"), in welcher er darauf aufmerksam macht, daß die zwei in der Gesangstimme klein gedruckten Noten in der Aufzeichnung des Liedes nicht vorhanden sind. Die Bearbeitung der Lieder ist mit Ausnahme der des Liedes Nr. 2, von der noch die Rede sein wird, sehr stimmungsvoll und durchaus unserm modernen musikalischen Empfinden entsprechend. Wie herrlich z. B. ist im Liede Nr. 7 („Das Kind liegt im Wiegelein") die Steigerung am Schluß der Begleitung, die auf den ersten vier Noten der Melodie (h, a, a, a) aufgebaut worden ist. Die ganze Tragik eines verwaisten Kindes ist in dieser Steigerung ausgedrückt. Das Herzzerreißende und Qualvolle des Textes: „Ach, tot aie Mutter, ach, tot dein Liebstes" wird durch diesen Schluß auf das äußerste gesteigert. Oder wie textillustrierend und stimmungsvoll ist die Stelle im Liede Nr. 1 (Awrahm, Awrahm) bei dem Worte: „Wohin?", wo die Begleitung ziemlich bestimmend nach g-moll moduliert, derG-moll- Akkord aber selbst nicht als solcher, sondern als Quintsetakkord der zweiten Stufe von d-moll auftritt. Wie fragend dieser Quintsentakkord wirkt. „Wohin?!" In einer nicht fachmännischen Zeitschrift ist es unmöglich, alle Feinheiten der Begleitung hervorzuheben. Dagegen aber möchte ich besonders Herrn Engel selbst auf die Begleitung zum Liede Nr. 2 („Sait gesunter-heit) aufmerksam machen. Unsere Volksgesänge, seien es die alten synagogalen Melodien oder die nicht ganz alten Volkslieder, haben viel Gemeinschaftliches mit den alten Kirchengesängen insofern, daß diese so wie jene meistens auf den sogenannten alten Kirchentonarten aufgebaut sind. Ob die alten Kirchengesänge aus dem alten Jerusalem ihren Anfang nehmen oder ob manche synagogale Melodien aus Rom stammen, darüber sind die Musikgelehrten nicht einig. Es ist viel für und gegen diese Behauptungen geschrieben worden. Für uns aber, die wir mit einer lebendigen Volksmusik und einem ebensolchen Volksempfinden zu tun haben, ist es sicher, daß diejenigen Melodien, welche auf den alten Kirchentonarten basieren, wie die mixolydisehe (g, a, h, c, d, e, f, g, von den Chasanim „Jekum purkon"-Steiger genannt) oder wie die äolische (a, h, c, d, e, f, g, a, von den Chasanim „Mi schebeirach"- Steiger genannt) sowie die p h ry g i s c h e (letztere mit der orientalischen Änderung gis statt g, also e, f, gis, a, h, c, d, e, von den Chasanim „Ahawoh raboh"-Steiger genannt) das jüdische Herz am ehesten zu rühren vermögen. Die letztgenannte Tonart aber, die von dem Odessaer Oberkantor Herrn P. Minkowsky2) als spezifisch jüdische bezeichnet wird, ist nichts weiter als eine Tonleiter, welche von der fünften Stufe einer gewöhnlichen Moll-Tonart ihren Anfang nimmt. Um aber den spezifisch-jüdischen Charakter der auf dieser Tonart gebauten Melodien zu bewahren, muß bei Begleitung derselben diese Tonart als selbständige und nicht als Teil der Hauptmoll-Tonleiter behandelt werden, d. h. als Grundton muß die fünfte Stufe der Hauptmoll-Tonart betrachtet werden, nicht aber die erste derselben. So hat Anton Rubinstein in seiner Oper „Die Makkabäer" bei dem Frauenchorgesange: „Schlaget die Pauke" im 2. Akt verfahren. Der Gründer der neurussischen Schule, Rymski-Korssakow, hat sein in H-moll geschriebenes hebräisches Lied: „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach" mit Fis-dur angefangen und geschlossen, d. h. er hat als Tonart des Liedes nicht h-moll, sondern, wie die Chasanim sagen würden, Fis-phrygisch aufgefaßt. Ebenso bin auch ich bei der Begleitung des jüdischen Volksliedes: „Der Fuhrmann und die Eisenbahn"3) verfahren. Es geht einfach nicht anders, wenn man das jüdische Gepräge eines solchen Liedes beibehalten will. Herr Engel aber hat das Lied Nr. 2, das zu den Melodien in „Ahawoh rabboh"- Steiger gehört, in der Hauptmoll-Toriart (h-moll) begleitet, wodurch das Spezifisch-Jüdische dieses Liedes beeinträchtigt worden ist und die Begleitung selbst, besonders der Schluß, gezwungen und gekünstelt erscheint. Dies ist ein Versehen, worauf Herr E. bei der Bearbeitung weiterer jüdischer Volkslieder achten möchte. Als Versehen betrachte ich auch die Verschiedenheit der Tonlagen, in denen die zehn Lieder erschienen sind. Bei Veröffentlichung von Liederheften ist es üblich, sämtliche zum Abdruck in dem Hefte bestimmten Lieder in einer und derselben Tonlage zu drucken, d. h. einer bestimmten Stimme, hohen, mittlem oder tiefen, anzupassen. In dem vorliegenden Hefte aber sind die Lieder Nr. 1, 7 und 10 für tiefe, Nr. 3, 4 und 5 für mittlere und die Nr. 2 und 6 für hohe Stimme geeignet. Zur Bequemlichkeit der Sänger und im Interesse» der Verbreitung dieser wunderbaren und im allgemeinen kunstvoll bearbeiteten Lieder wäre es wünschenswert, bei der zweiten Auflage diese Unbequemlichkeit zu vermeiden. Die Deklamation ist im ganzen sehr gut, an einigen Stellen aber nicht ganz einwandfrei. Im Liede Nr. 2 („Sait gesunter-heit") Takt 10, fallen die Worte: „un" („und", russisch „i"), „kein" (russisch „nje") auf den schweren Taktteil, wodurch die Betonung des Textes leidet. Auch kommt im Liede Nr. 3 („Ach, nit gut") Takt 6, die Silbe „du" von dem russischen Worte „duschä" ebenfalls auf den schweren Taktteil, wodurch dann nicht das richtige duschä, sondern das fehlerhafte „düscha" ausgesprochen wird. Was die deutschen und russischen Übersetzungen der Lieder anbetrifft, so ist die erstere eine durchaus wörtliche, während die zweite fast wörtlich ist. Beide Übersetzungen aber sind sehr volkstümlich. In der Vorrede zum vorliegenden Liederhefte kündigt Herr Engel die Veröffentlichung von weitern jüdischen Volksliedern an. Von ganzem Herzen wünsche ich ihm recht guten Erfolg. Ich hoffe auch, daß, wenn das jüdische Volkslied in Bearbeitungen, wie die des Herrn E., unter unsern Komponisten Verbreitung finden wird, daß dann auch im Laufe der Zeit eine jüdische weltliche Kunstmusik entstehen wird; eine Kunstmusik, die nicht den Tingel-Tangel- Charakter der gegenwärtigen jüdischen Operette trägt, sondern eine wirklich zeitgemäße und unserm modernen Empfinden in jeder Weise entsprechende. Schon spüre ich bei den bald hier, bald dort gemachten Versuchen, ein jüdisches Kunstlied zu schaffen, die Vorboten einer solchen Kunstmusik. ooooooo]) 1F--- o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG fr? o o o o o I o o o o o o o Deutschland Köln. Am letzten Samstag veranstaltete die Kölner Ortsgruppe in der hiesigen Synagoge Glockengasse eine bemerkenswerte zionistische Kundgebung. Ein Sohn des Herrn Dr. Boden heim er feierte sein Barmizwahfest Auf Veranlassung des Ortsgruppenvorstandes wurden an diesem Sabbat ausschließlich Zionisten zur Thora aufgerufen, und jeder Aufgerufene spendete einen Ölbaum zu Ehren des Barmizwah. Jn der Synagoge erregte diese Demonstration einiges Aufsehen, und die Institution der Ölbaumspende wurde dadurch nicht wenig populär. Abends vereinigte sich eine 1) Jüdische Volkslieder, musikalisch bearbeitet von J.-Engel, deutsch von B. Feiwel. Titelbild von Pasternak. Erschienen bei P. Jurgensohn in Moskau. größere Gesellschaft im Hause des Herrn Dr. Bodenheimer zu eineschönen, echt jüdischen Feier, an der auch der Vorstand de zionistischen Vereinigung teilnahm. Österreich Bielitz. Am 19. d. M. fanden hier die Wahlen in die Kultus repräsentanz statt. Kaum zwei Wochen vorher setzten die Zioniste: im Bunde mit den jüdischen Demokraten mit der Arbeit ein. I; einer allgemein zugänglichen Wählerversammlung trugen unsen Redner den Sieg davon. Und nun begann die eigentliche Agitations arbeit. Dank unserer eifrigen Wahlagitation, an der sich alK 8) Minkowsky oy i-p&P< Haschiloah. Band V. 8) „Ost und'West", 1907, S. 646.

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