Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316432--53418-3347198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 26 die^elt 633 sich bemühte, den stärksten Inhalt seiner zionistischen Stimmung den Hörern zu vermitteln, und daß von Anfang an ein enger Zusammenhang zwischen dem Publikum und den Sprechern unserer Bewegung hergestellt war. Dr. Emil Margulies zeigte, wie ihm der Zionismus die innere Freiheit gebracht habe. Dr. Alexander Marmorek sprach zu den Studenten, den zukünftigen Führern des jüdischen Volkes. Gerade sie seien berufen, Hüter der reinen Idee zu sein. „Werdet keine praktischen Männer," rief er ihnen zu, denn alles Große wird nur durch die Stärke eines reinen Gefühls hervorgebracht, und die Studenten müßten die Träger des Idealismus in unserer Bewegung sein. Die Haltlosigkeit gegnerischer Behauptungen über die Verwirklichung des zionistischen Ideals wies Herr Dr. Rosenbaum zurück. Eine herzliche Ovation bereitete die Versammlung Herrn Dr. Magnes, der sein Amt als Rabbiner in New York niedergelegt hatte, als er sah, daß man ihn nur dann behalten wollte, wenn er gesinnungslos genug wäre, seine Oberzeugung feige zu verleugnen. Im Schlußwort forderte Dr. Klee in gewohnter Weise die Versammlung a'uf, das Gelöbnis der Treue für unsere erwählten Führer zu erneuern. Nach der Jahreskonferenz Die Spannung, mit der die Zionisten aller Länder den Beratungen der diesjährigen Konferenz entgegenharrten, ist nunmehr gelöst. Sie weicht dem wärmsten Gefühl der Freude. Denn die Berliner Konferenz hat den Frieden wiederhergestellt und mit dem Frieden die alte Einigkeit, die uns so oft zum Sieg geführt hat. Die Reihen schließen sich wieder zusammen zur tiefsten Genugtuung und Befriedigung für alle, die das Gedeihen unserer großen Sache von Herzen wünschen. Zur Enttäuschung und schmerzvollen Entsagung unserer so zahlreichen Gegner, die in den letzten Monaten besonders häufig mit unverhohlener Schadenfreude unsere innern Streitigkeiten verfolgten. Der politische Zionismus ist und bleibt aufrecht. Die Jahreskonferenz hat dem Präsidium der Bewegung das Vertrauen ausgesprochen. Sie hat sich einverstanden erklärt, daß der nächste Kongreß die so dringliche Frage der endgültigen Festsetzung der Organisationsnormen zu lösen hat. Sie hat damit dem gegenwärtigen Zustand seine Grenze bestimmt. Beide Teile, die Leitung und die Vertreter der Organisationen, haben in maßvoller Selbstbeschränkung in gegenseitigem Konzedieren die mittlere Linie festgestellt, auf der sich in der nächsten Zeit die Tätigkeit und Arbeit der Bewegung zu vollziehen haben. Und der sachliche Ernst in Verbindung mit der unerschütterlichen Zionsliebe haben den Beratungen der Jahreskonferenz das schönste Resultat geschenkt, — die Verständigung. Der Weg ist wieder frei. Nun heißt es weiterarbeiten und vorwärtsgehen. Vieles ist versäumt worden in der Zeit des unseligen Streitens um Dinge, die manchmal stark an den Hömousioskrieg erinnerten. Dadurch wurde die Sorge für die Weiterverbreitung der zionistischen Idee, für die Aufklärung des Judentums zurückgeschoben, die wertvollsten Kräfte wurden gebunden oder zersplittert. Aber es ist nicht alles versäumt worden. Es kann alles nachgeholt werden. Nun die Verständigung erreicht und der Friede gesichert ist, gehen wir wieder mit neuer Tatkraft und dem alten Elan an die Arbeit. Wir waren in vielen wichtigen Dingen nicht gleicher Meinung. Das hat sich nun geklärt. Das Ziel unserer Arbeit, unserer Mühen ist immer das gleiche gewesen und bleibt weiter das gleiche Ideal in seiner kristallenen Reinheit: Zion. r( ov I □□□□□□ o ä.-o > FEUILLETON ==^2 <> □□□□□□ <v 3§ JÜDISCHE VOLKSLIEDER Von Jakob Beymel In seiner illustrierten Musikgeschichte sagt Professor Emil Naumann bezüglich der Musik bei den Chinesen folgendes: „Die relativ besten Melodien liefert noch ihre (der Chinesen) älteste Tempelniusik, sowie das Volkslied der ganz unbefangen aus sich heraus singenden untern Klassen .. . Am zusammenhanglosesten dagegen erscheinen die Melodien ihrer Kunst niusik, namentlich die, welche in ihren Theatern (Singsong) sowie bei ihren Orchesteraufführungen und Vokalkonzerten ertönt." Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupten würde, daß dieses Urteil Naumanns über die chinesische Musik auch über die jüdische Volks- und Kunstmusik der Gegenwart ausgesprochen werden kann. Wollen wir zunächst über unsere weltliche Musik sprechen. Die spezifisch-jüdische weltliche Musik besteht aus Volksliedern und aus der in den letzten Jahrzehnten durch A. Goldfaden eingeführten sogenannten Kunstmusik, die in seinen Operette erhältlich ist. Die Volkslieder, d. h. die Lieder, welche das Volk in seinen Leiden und Freuden singt und deren Verfasser unbekannt sind, weisen einen spezifisch-jüdischen Volkston auf, sind schlicht, einfach und tief empfunden in Text sowie in Melodie, haben eine natürliche und damit auch eine kunstgerechte Form. Wie ganz anders aber sind die Gesänge des jüdischen Theaters. Obwohl auch sie in den meisten Fällen den jüdischen Volkston aufweisen, sind sie jedoch im allgemeinen geschmacklos, formlos und banal. Während das jüdische Drama, dank der Bildung und dem künstlerischen Geschmack unserer modernen Schriftsteller, von der Unbeholfenheit und Banalität der ersten jüdischen Piecen sich schon freigemacht hat und demzufolge wir heute Theater mit gutem künstlerischem Repertoir, besonders in Amerika, aufzuweisen imstande sind, steht die jüdische Operette noch auf demselben unkünstlerischen Niveau, auf dem sie vor drei Jahrzehnten bei der Gründung des jüdischen Theaters gestanden hat. Wäre der selige Abraham Goldfaden, der Gründer des jüdischen Theaters, bei seinen ersten Versuchen mit gebildeten Berufsmusikern in Verbindung getreten, so wären wir vielleicht jetzt schon im Besitz, wenn auch keiner Oper, wohl aber einer anständigen jüdischen Operette gewesen. So aber hat der begabte Schriftsteller und leider in musikalischem Sinne vollständige Dilettant Goldfaden die jüdische Operette in einen solchen Sumpf hineingesteckt, daß sie bis heute noch, nach einer Existenz von dreißig Jahren, ihren niedrigen Tingel-Tangel-Charakter nicht los werden kann. Der Dilettantismus bedeutete ihr Unglück. Das jüdische Volkslied hat scheinbar mehr Glück. Einerseits ist es von unsern geschmack- und bildungslosen Operetten- und Kabarettsängern, welche es als nnwürdig und mit ihrer fraglicheu künstlerischen Tätigkeit als nicht vereinbar betrachteten, Lieder, die von gewöhnlichen Arbeitern und allerhand Handwerkern gesungen werden, auch auf der Bühne vorzutragen, nicht verdorben worden. Anderseits aber ist das jüdische Volkslied bei seinem gegenwärtigen Aufleben in bewährte und fachmännische Hände von Berufsmusikern geraten. Diese bearbeiten die Volkslieder in einer Weise, in welcher