Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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628 DIE^ELT NO; 26 Debatte Dr. Rosenbaum: Es müßte eigentlich, wenn Vorschläge von den Herren Warburg oder Oppenheimer zur Beratung kommen, immer eine Kommission von Fachleuten da sein, welche die Sache prüfen. Herr Dr. Oppenheimer wird zugeben, daß die Idee einer Genossenschaft nicht ganz neu ist, daß schon bereits Experimente gemacht worden sind und daß es in der Wissenschaft Gegner dieser Idee gibt. Ich bin kein Gegner des Antrags Oppenheimer. Vor mehreren Jahren, bevor Oppenheimer auf dem Kongreß seinen Antrag stellte, hatte ich allerdings in einem Verein dieselbe Idee zu verteidigen und vorzutragen. Ich war schon damals der Ansicht, daß Palästina vielleicht das einzige dazu geeignete Land ist, war aber dagegen, daß auf Grund dessen, was ich gesagt habe, irgendein Beschluß gefaßt werden soll. Jetzt eine andere Frage. Man spricht immer von Chowewe- Zion als von etwas Lächerlichem. Das Werk des Chowewe- Zionismus ist noch da. Als Professor Schapira beantragte, daß wir, die Chowewe-Zionisten, eine Universität in Palästina gründen sollten, da konnte man das durchaus nicht als Rachmones ansehen. Wir sind für Palästina eingetreten, wenn wir auch überzeugt waren, daß die Existenz des jüdischen Auswanderers in Amerika eine viel leichtere sei. Wir haben schon sehr früh nach Mitteln gesucht, um auch die Wohlhabendem für Palästina zu interessieren. Ich habe das Bedürfnis, mich hier über das, was über den Chowewe- Zionismus gesagt wurde, einmal auszusprechen. Man sagt, er habe nur Kleinigkeiten geschaffen, aber ich möchte hier dasselbe anführen, was Dr. Ruppin von den Ölbäumen sagte, daß sie nämlich zum Wachsen Zeit brauchen. Schaffen wir denn jetzt Großes? Wir wollen etwas Großes schaffen, aber den Willen haben wir früher auch gehabt. Ich sehe etwas in der Bewegung einreißen, was ich außerordentlich bedaure und wogegen ich Einspruch erheben muß. Herzl hat einmal gesagt, daß man einen Judenstaat nicht für einzelne Juden schaffen kann. Wir müssen ein schnelleres Tempo hereinbringen. Er hat weiter gesagt, daß man nicht konspirativ arbeiten darf, wenn man große Dinge schaffen will. Wir können nicht große Massen jüdischer Ansiedler nach der Türkei bringen, wenn wir nicht wissen, welches Schicksal sie infolge der dort herrschenden Parteiverhältnisse erwartet. Die Leitung muß nach Mitteln suchen, die Lage der Juden in Palästina sicherzustellen. Noch ein drittes, und damit schließe ich. Was in der ganzen Bewegung von Anfang bis jetzt fehlt, und ohne das die Bewegung nicht weiter gehen kann, ist etwas anderes. Herr Oppenheimer hat von kleinen Zeichnungen gesprochen. Ich glaube, auch Prof. Warburg beklagte sich darüber, und eine gleiche Klage hat das Palästinaamt erhoben. Warum waren,nicht die Mittel da? Weil nicht genug Zionisten waren, die die Mittel bereitstellten. Wenn Sie in Palästina Juden haben wollen, so müssen Sie doch hier die Juden schaffen, welche übersiedeln sollen Herr Jaffe hat von dem Geist gesprochen. Glänzende Reden und oberflächliche Begeisterung, das war der Geist der Zionisten. Wir müßten ganz genau ein Programm ausarbeiten, auf welche Weise wir die Juden zum Zionismus erziehen sollen, auf welche Weise wir den Volkswillen schaffen sollen. In dieser Beziehung ist nichts geschehen. Der Volkswille ist nicht da, die oberflächliche Begeisterung geschwunden und wird auch nicht durch Kollegien hergestellt werden. An der Leitung liegt es, daß man wirklich etwas tut, um den Zionismus in die breitesten Schichten des jüdischen Volkes zu tragen, nicht in der Form von Reden und von Broschüren, sondern dadurch, daß das ganze Leben des jüdischen Volkes zionistisch werde, daß der Begriff der jüdischen Freiheit etwas ist, was man nicht zu beweisen braucht, sondern etwas, das einem jeden Juden klar sein soll. Podiische wski verlangt von Dr. Oppenheimer und Dr. Ruppin Aufklärungen. Was ist bei Dr. Oppenheirner das Kriterium für Arbeitslöhne? Auf welche Weise kann bei der Siedlungsgenossenschaft der eine mehr, der andere weniger verdienen? Und wenn ein Arbeiter austritt, was geschieht mit dem Mehrwert, den er geschaffen hat. Herrn Dr. Ruppin ersucht er, für die Kapitalisten ähnliche Informationen zu schaffen, wie man sie bei den Konsulaten bekommt. Er beantragt schließlich, die Redezeit auf fünf Minuten zu beschränken. (Angenommen.) Dr. Oppen heim er: Ich kenne keinen wissenschaftlichen Gegner des Gedankens der Siedlungsgenossenschaft. Auf die Fragen des Herrn Podiische wski antworte ich: Es können Arbeiter von verschiedener Qualifikation sein. Die ungelernten werden zuerst gewissermaßen als Volontäre eintreten und weniger Lohn erhalten als gelernte Arbeiter. Dann werden bestimmte Prämien gegeben. So kann z. B. ein Kuhpfleger Milchprämien bekommen. Was den Mehrwert anbelangt, so weiß ich nicht recht, was Herr Podlischewski fragt. Meint er den in den Boden hineingesteckten Mehrwert, den hat der Mann bezahlt bekommen. Auf einen Mehrwert, etwa durch eine dichtere Siedlung, hat er weiter keinen Anspruch, wenn er austritt. In diesem Fall wird er durch einen Ersatzmann ersetzt. Dr. Ruppin: Auf die Anfrage des Herrn Podlischewsky möchte ich erwidern, daß das Informationswesen in großem Umfange vom Palästinaamt aufgenommen wurde. Es werden sowohl mündliche wie schriftliche Informationen alier Art erteilt. Wir haben sogar für die typischen Anfragen gedruckte Formulare. Wenn aber jemand zu uns mit einer speziellen Sache, die eine eingehende Auskunft erfordert, kommt, so ist das mitunter sehr schwierig, denn gewisse Auskünfte kann man nur auf Grund von Erfahrungen erteilen. Und da es in Palästina z. B. für industrielle Unternehmungen noch keine Erfahrungen gibt, so ist es mitunter nicht möglich, solche Auskünfte zu geben. Dann ist die Sache mitunter auch mit Geldkosten verbunden. Selbstverständlich stehen wir jedermann zur Verfügung. Selbstverständlich muß auch das Informationswesen noch sehr ausgebaut werden. Im übrigen haben wir im letzten Jahre etwa 1500 Briefe, in denen wir auf Anfragen Antwort erteilten, herausgeschickt. Dr. Hey mann: Nachdem Herr Dr. Rosenbauni schon eine Ehrenrettung des alten Chowewe-Zionismus vorgenommen hat, erübrigt es sich, daß ich dasselbe tue. Was nun das Referat von Dr. Oppenheimer betrifft, so hatte ich die Ehre, mit ihm im Orient Schulter an Schulter für seine Ideen einzutreten. Darüber sind wir uns alle einig, daß mit dem Großbetrieb unter Gewinnbeteiligung begonnen werden muß. Was den Obergang zur Produktivgenossenschaft anbelangt, so ist es Sache des Versuches, und selbst wenn dieser mißlingt, so hat man nicht viel riskiert, da man dann eben nur ein neues Stück Land in jüdische Hände gebracht hat. Ich glaube, es ist unsere dringende Pflicht, die Idee nicht nur propagandistisch, sondern auch mit Geldmitteln zu unterstützen. Wogegen ich mich aber wenden muß, ist, daß Herr Dr. Oppenheimer gesagt hat, die Genossenschaft sei die einzige Möglichkeit, kapitallose Elemente anzusiedeln. Wir dürfen uns meines Erachtens auf eine derartige Ansicht nicht festlegen, um so weniger, als die Majorität diese Ansicht nicht teilt. Die Arbeit des Herrn Dr. Ruppin hat'.e ich Gelegenheit aus der Nähe zu beurteilen und bin erstaunt, welche erfreuliche Konkordanz zwischen der Arbeit des Palästinaamts und der Leitung in Berlin und Köln herrscht. (Lebhafter Beifall.) Dr. Ruppin hat sich in außerordentlich dankenswerter Weise seiner schwierigen Tätigkeit unterzogen. Eine der wesentlichsten Aufgaben der nächsten Jahre wird es sein, den einzelnen Leuten, die mit Kapital nach Palästina gehen, an die Hand zu gehen. In dem Danke für die schätzenswerte Arbeit des Palästinaamts sind wir alle einig. Dr. Bodenheimer: Auf die allgemeinen Ausführungen des Herrn Dr. Ruppin werde ich jetzt nicht eingehen. Ich habe nur über den einen Punkt zu sprechen, der hier besonders behandelt worden ist: Die Siedlungsgertossenschaft. Wir wollen uns mit der Theorie der Siedlungsgenossenschaft hier nicht mehr aufhalten. Die Frage, ob der Beschluß, die Siedllingsgenossenschaft zu schaffen, vom Kongreß unter Hurrastirnrnung angenommen worden ist, oder nicht, ist jetzt ganz gleichgültig. Der Beschluß ist gefaßt, und seitdem er gefaßt ist, haben wir uns in ernster Arbeit mit dieser Frage beschäftigt. Wir haben ein Komitee aus Prof. Warburg. Dr. Oppenheimer und mir eingesetzt. Herr Dr. Oppenheimer is' mit unserem Einverständnis nach Palästina gegangen. Sie habei den Bericht hierüber gehört. Was nun die gegenwärtige Situatioi anbelangt, so möchteich, einer Anregung Dr. Oppenheimers folgend die Frage der Geldbeschaffung hier streifen. Es ist richtig, dal auf dem Kongreß Zeichnungen im Betrage von ungefähr 32 000 Mk erfolgt sind. Von diesen Zeichnungen ist aber nur ein Betrag voi schätzungsweise 20000 Mk. als eine wirkliche Zeichnung zu be trachten, d. h. als eine verbindliche Erklärung von Privatpersonei diese Summe aufzubringen. Ich erwähne das nur, damit nicht di Behauptung aufgestellt werde, es ist viel gezeichnet worden un man hat nicht gezahlt. Diese Zeichnungen sind heute auf ein Summe von annähernd 40000 Mk. gekommen. Nun erklärt Hei Dr. Oppenheimer wir brauchen 120000 Frs. und er hat mir bereit angekündigt, daß er an den N. F. mit dem Antrag herantrete werde, einen Vorschuß zu geben, damit man sofort die Arbeite; für die Siedlungsgenossenschaft beginnen könne. Nun scheu; eines festzustehen, daß die Vorbereitungen in Palästina soweit ge diehen sind, daß bis zum nächsten Frühjahr mit der praktische; Durchführung begonnen werden kann. Ich habe das Vertrauen, daß wir das Kapital bis dahin zusammen bekommen werden. Ich bin aber dagegen, daß seitens des National fonds ein Vorschuß an die Siedlungsgenossenschaft bewilligt wirc Denn dann würde der Eifer in der Sammlung der Beiträge für di Siedlungsgenossenschaft nachlassen. Wir müssen uns bemühen die Sammlungen zu beschleunigen. Wir haben in ernster Erwägung für diese Sache den beste-