Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 26 Die: Nun muß Ich gestehen, daß ich nicht zu den Leuten gehöre, die ihre Begeisterung fortgesetzt im Munde führen, sondern ich halte jene Begeisterung für die beste, die man im Herzen trägt und die sich in Taten umsetzt. Dann wird gesagt, daß wir nur 2—3 Stunden des Tages arbeiten. Dies entspricht durchaus nicht den Tatsachen. Die Bure anstunden beschränken wir allerdings auf das Notwendigste, denn wir wollen ja nicht nur Bureauarbeit leisten, aber in Wirklichkeit gehört unsere ganze Zeit unserer Arbeit. Ferner wurde gesagt, das Palästinaamt sei zu teuer. Nun beträgt der Gesamt etat jährlich 19000 Jl. Wenn Sie bedenken, daß damit 2 akademisch gebildete Beamte und 2 Sekretäre besoldet werden, daß zur Beaufsichtigung unserer Arbeiten - fortdauernd Reisen erforderlich sind, und daß der Vertreter des Aktionskomitees in Jaffa gewisse Repräsentationspflichten zu erfüllen hat, so kann der Etat nicht als übermäßig hoch gelten.. Die Frage, ob eine Behörde für den Zionismus zu teuer ist, läßt sich überhaupt nur beantworten, wenn man zugleich in Betracht zieht, welche Arbeit die Behörde leistet. Ein Palästinaamt, das viel Arbeit tut, kann mit 19 000 Mark sehr billig, und es kann,, wenn es wenig Arbeit tut, bei demselben Betrage sehr teuer sein. Bisher hatte das Palästinaamt viel Arbeit, denn wir hatten hauptsächlich mit Neueinrichtungen zu tun. Aber die Erhaltung des einmal Eingerichteten erfordert viel weniger Arbeit, und ich sage es offen: wenn das Palästinaamt nicht bald neue große Arbeit erhält, dann kann wirklich bald der Zeitpunkt eintreten, wo das Palästinaamt für seine Kosten kein genügendes Äquivalent mehr leistet, und dann werde ich der erste sein, der Ihnen sagt, daß das Palästinaamt in seiner jetzigen Gestalt keine Existenzberechtigung mehr hat. Als ich das Palästinaamt übernahm, sah ich es voraus und erklärte mit aller Entschiedenheit, daß das Palästinaamt auf die Dauer nur dann eine große Tätigkeit entfalten könne, wenn es.das Parzellierungsgeschäft übernimmt. Ich habe darum für die Übernahme des Palästinaamtes die Bedingung gestellt, daß die P.L.D.C. gegründet wird. Sie hat aber leider nicht das nötige Kapital aufbringen können, wenigstens nicht auf dem Wege des Verkaufs von Aktien. Wir wandten [uns darauf an die Kolonialbank um Gewährung eines Darlehens, Die Verhandlungen haben jedoch zu keinem Resultat geführt. Wir haben uns schließlich an den Nationalfonds gewandt, und ich will hoffen, daß der angesuchte Betrag uns jetzt endlich bewilligt ist. Ohne die Parzellierungstätigkeit der P. L. D. C. fehlt unserer ganzen Palästina-Arbeit das Rückgrat. Es gibt in Palästina für Zionisten, sie mögen sich politische oder praktische nennen, nur zwei Dinge: den Boden zu erwerben und Leute hinzubringen. Ich kann Ihnen sagen, daß jetzt eine große Menge Leute in Rumänien, Rußland und Amerika bereit sind, mit Geld nach Palästina auszuwandern, sobald ihnen die Möglichkeit geboten ist, in Palästina Boden zu erwerben und evtl. vorher bepflanzen zu lassen. Ich kann Ihnen sagen, daß die Aufträge, die ich in dieser Beziehung habe, sehr bedeutend sind. Wir haben leider in den letzten Jahren die Gelegenheit versäumt, Land zu kaufen. Jetzt, wo es keiner Einsicht mehr verborgen bleiben kann, daß es Käufer en masse gibt, ist es schwierig geworden, Land zu kaufen. Darüber hier zu pLT 627 sprechen, ist nicht der Platz. Ich möchte nur darauf hinweisen, daß man, sobald es möglich ist, Land zu kaufen, mit aller Macht kaufen muß. Aber wir haben nicht nur mit bemittelten, wir haben auch mit unbemittelten Juden zu tun. Über die Siedlungsgenossenschaft, die unbemittelte Juden landwirtschaftlich ansässig machen will, will ich nicht weiter sprechen. Ich kann nur sagen, daß die Versuche, die wir im kleinen in Um-Dschuni jenseits des Jordans gemacht haben, bisher sehr günstig verlaufen sind. Aber worüber ich jetzt sprechen möchte, das ist die Lage des jüdischen Arbeiters, der als Lohnarbeiter in den jüdischen Kolonien tätig ist. Dieser Arbeiter kann mit dem arabischen deshalb nicht konkurrieren, weil der arabische Arbeiter in dem nächsten Dorf wohnt und dort sein Haus und sein Land hat. Für ihn ist der Lohn, den er in der jüdischen Kolonie verdient, nur ein Nebenverdienst, den er bar nach Hause trägt, während der jüdische Arbeiter ganz und gar von dem leben muß, was er als Lohn erhält. Man hat bisher noch keine Vorsorge getroffen, den jüdischen Arbeitern in den jüdischen Kolonien das Leben durch Schaffung gesunder Wohnungen leichter zu machen. Hier muß etwas geschehen, damit die Arbeiter nicht glauben, daß der Zionismus nur für die bemittelten Juden sorge; es muß sofort zur Schaffung eines Fonds für den Bau von Arbeiterhäusern geschritten werden. Ich möchte Sie dringend bitten, in der Palästinaarbeit jetzt ein schnelleres Tempo einzuschlagen. Es gibt keine Verschiedenheit in den Prinzipien mehr. Ich wollte besonders auch feststellen, daß es unrichtig ist, wenn von manchen Seiten die Meinung ausgesprochen wird, das Palästinaamt könne deshalb nicht erfolgreich arbeiten, weil es in Köln oder Berlin Widerstand fände, Widerstände hat es von den Institutionen, mit denen es arbeitet, nicht gehabt, aber es gibt Verschiedenheiten des Temperaments und des Tempos. Wenn wir in Palästina die vielen Arbeitsnotwendigkeiten sehen, geht es uns sehr ans Herz, wenn wir eine Gelegenheit, etwas zu tun, nicht sofort ausnutzen. Es kommt vor, daß ein Brief, der in Jaffa sehr warm geschrieben wird, in Köln und Berlin viel kälter gelesen wird. Es kann ja sein, daß man unsern Anregungen bisher deshalb nicht so rasch gefolgt ist, weil man geglaubt hat, wir seien neue Leute in Palästina und könnten Dumnlheiten machen; deshalb müsse man diligentiam prästieren und langsam vorgehen, damit keine Dummheiten gemacht werden. Nun sind wir ja schon 21h Jahre dort. Wir hatten also Zeit genug, Dummheiten zu machen oder Dummheiten vorzuschlagen. Wir haben das nicht getan. Wir haben unsere Geschäfte vorsichtig geführt und nichts befürwortet, was man als phantastisch oder utopisch bezeichnen könnte. Die Prüfungszeit sollte deshalb jetzt als beendigt angesehen werden. Und wenn wir in Zukunft von Palästina cUjs Vorschläge machen, bitten wir Sie, diesen mit Vertrauen entgegenzukommen und versichert zu sein, daß wir die Sache gründlich geprüft haben. Wir bitten Sie um ein schnelleres Tempo. Wir, die wir täglich die Notlage vor Augen haben, in der sich die Kolonisationsarbeit befindet, wir, die wir sehen, daß uns Fuß um Fuß verloren geht, haben das Recht, etwas Temperament zu haben. Und es muß sich bei Ihnen der Gedanke durchsetzen, daß jeder Tag, den wir jetzt verstreichen lassen, für die Ewigkeit verloren ist 2*