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Die Welt · 1910-07-01 · 26 (1.7.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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622 DIE 3^ Meinung die Schuld trage. Ich habe augenscheinlich in meinen frühern Veröffentlichungen zu diesem Punkte nicht mit genügender Schärfe herausgehoben, daß die Siedlungsgenossenschaft, wie ich sie plane, jeder einzelnen Individualität den absolutesten Spielraum freiester Betätigung läßt. Es ist mir denn auch gelungen, davon nicht nur Herrn Dr. Ruppin, sondern auch die weniger ökonomisch geschulten Arbeiter des Landes selbst durchaus zu überzeugen, und ich darf danach die Hoffnung haben, daß es mir auch gelingen wird, in meinen Lesern die gleiche Überzeugung zu erwecken. Zu dem Zwecke will ich noch einmal in einer Ausführlichkeit, wie sie bis jetzt nicht versucht worden ist, den Plan der Siedlungsgenossenschaft entrollen. Es handelt sich für die zionistische Organisation darum, so schnell wie möglich eine dichte gedeihende agrarische Grundlage in Palästina zu legen, um darauf einen möglichst hochragenden Oberbau industrieller und gewerblicher Tätigkeit aufzubauen. „Wer Städte schaffen will, muß Bauern schaffen'." Für die agrarische Ansiedlung kommen zwei Einwandererschichten in Betracht: eine kleine wohlhabende bis reiche und eine große proletarische. Für die erste Schicht brauchen wir dringender als etwas anderes eine große Parzellierungsbank, die Ländereien erwirbt, die in der Türkei ganz besonders schwierigen Kaufverhandlungen bis zu Ende abwickelt, die Nachbarrechte ablöst und in Form eines Kuschän dem wohlhabenden Einwanderer einen unzweifelhaft sichern Besitztitel darbietet. Heute liegt der Zustand leider so, daß Hunderte von wohlhabenden Einwanderungslustigen und viele Millionen baren Kapitals dem Kolonisationswerke verloren gehen, weil der Nachfrage nach Land kein wirksames, völlig bereites Angebot gegenübersteht. Zu dem Zwecke müßte die P. L. D. C. mit bedeutend größern Mitteln ausgestattet und durchaus vom rein geschäftlichen Gesichtspunkt geleitet werden, allenfalls mit Beschränkung ihrer Dividende auf einen nicht zu hohen Satz, etwa wie die Berliner Landbank. Gemeinnützigkeit ist etwas Wunderschönes, aber die Menschheit besteht zum geringsten Teil aus Idealisten, und niemand wird der zionistisch-nationalen Sache einen größern Dienst erweisen als derjenige, der der Welt beweist, daß in Palästina ausgezeichnete Geschäfte zu machen sind. Nur so sind die großen Kapitalien ins Land zu ziehen, die wir brauchen. Auf diese Weise wird eine Anzahl von jüdischen Grundbesitzern angesiedelt werden können, die zwar nicht im eigentlichen Sinne Bauern sind, die aber doch so weit wie möglich jüdische Arbeiter, und wenn auch nur die billigen Yemeniten beschäftigen, und deren Kinder ein vortreffliches Kolonistenmaterial sein werden. Und jedenfalls wird auf diese Weise ein beträchtlicher Teil des Grund und Bodens, der einzig existierenden Grundlage eines Volkstums, aus dem Besitz der Syrier, Türken und vor allem der Araber in den von Juden übergeführt werden und für spätere Bauernkolonisation bereit sein. Viel wichtiger aber ist noch die Ansiedlung proletarischer besitzloser Elemente. Aus vielen Gründen: Erstens drängen sie mit viel stärkerer Gewalt und nicht nur in viel größerer absoluter, sondern auch in viel größerer relativer Anzahl zur Fortwanderung aus den Ländern des Gokis im allgemeinen und speziell zur :ELT ' - — No. 26 Einwanderung nach Palästina. Sie leben eben am Orte des höchsten wirtschaftlichen und sozialen Druckes und haben das stärkste Gefälle nach Orten geringem Druckes. Zweitens ist ihre Not am höchsten, und sie können sich nicht allein helfen. Drittens aber bietet ihre Ansiedlung die einzig sichere Gewähr auf Nationalisierung des Landes. Überall, wo es sich um einen Nationalitätenkampf um Land handelt, hat sich die Ansiedlung wohlhabenderer größerer Besitzer als ein Fehlschlag erwiesen, so z. B. in Polen. Sie sind immer und überall gezwungen, den billigsten Arbeiter einzustellen, und das ist so gut wie nie ein Konnationaler, sondern ein Angehöriger gerade der Nation, die man verdrängen will. So arbeiten denn auch in Judäa in allen Arbeiten, die nur rohe Kraft und eine gewisse professionelle Geschicklichkeit, aber geringe Intelligenz beanspruchen, viele Araber und nur wenig Juden bei den jüdischen Grundbesitzern. Auf die Dauer treibt aber überall der billigere Arbeiter den teureren aus dem Lande, ganz wie nach dem Gresha'm'schen Gesetz das schlechtere Geld das bessere Geld aus dem Lande treibt. Wie also proletarische Elemente kolonisieren? Rothschild und die Ica haben seit längerer Zeit Versuche mit der Bauernkolonisation in den beiden möglichen Formen des Eigenbesitzes und der Erb- oder Teilpacht gemacht. Wie ich schon bemerkt habe, sind diese Versuche nicht als mißglückt zu bezeichnen; namentlich in jüngster Zeit treten achtbare Erfolge zutage, seitdem das unselige Almosenwesen, das das Rückgrat jedes Wirtschafters bricht, sein Ende gefunden hat. Aber dieses System hat an sich seine Bedenken, und diese Bedenken verstärken sich noch, wenn es sich um Palästina und um jüdische Ansiedler handelt. An sich steht der Ansiedlung von Bauern das. Bedenken gegenüber, daß es, um der Familie ein bestimmtes Einkommen zu sichern, relativ große Landflächen pro Kopf fordert, und zwar aus dem Grunde, weil der Bauer in fast aller Welt technisch kulturell rückständig ist. Er huldigt überall einem üblen Empirismus und Konservativismus und folgt nur dort zögernd den Fortschritten der Technik und Wissenschaft, wo blühende Großbetriebe in der Nachbarschaft ihm die Rentabilität ad oculos demonstrieren. Solche Betriebe aber gibt es in ganz Palästina nur einen altern: Sedschera, das Mustergut der Ica in Obergaliläa, und zwei eben begründete, Lydda, dem Nationalfonds, und Kinereth, der P. L. D. C. gehörig. Mindestens als Muster und Ansporn für die künftige Bauernkolonisation wäre daher die Begründung von viel mehr solcher Großbetriebe dringend wünschenswert. Nun bestehen aber die Bedenken gegen die Bauernkolonisation in Palästina in verschärftem Maße. Das Land ist klein und soll möglichst dicht besetzt werden. Schon aus diesem Grunde muß man eine Siedlungsform wählen, die eine fast beliebige- Verdichtung der Bevölkerung, auch der agrarischen, auf gegebener Fläche gestattet. Ferner aber sind die palästinensischen Landarbeiter, wie eingehend bereits gesagt, bestenfalls als tüchtige Landarbeiter, aber noch keineswegs als Bauern zu bezeichnen. Das, was den Bauern bestandfähig macht, eben die Disposition über eine, wenn auch unvollkommene, so doch immerhin durch Erfahrung einigermaßen gesicherte Empirie, fehlt hier noch durchaus. Um wieviel mehr gilt daher dieses Bedenken gegenüber den neuen Einwanderern, mit denen im

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