Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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von Arbeitsgelegenheit zu werden, die sonst der Bettelei oder der Auswanderung anheim fallen würden. Der Urheber der humanen und so schönen Idee ist der hier anwesende Professor Schatz, der durch seine persönliche Initiative eine Anzahl von Männer in Berlin von der Zweckmäßigkeit des Bezalel überzeugt hat. Im Namen des Komitees will ich Herrn Prof. Schatz für die große mühevolle Arbeit, der er sich im Dienste dieses schönen Werkes unterzogen hat, herzlichst danken. Gleichfalls danke ich im Namen desselben Komitees allen seinen Mitarbeitern, welche zum Erfolge beigetragen haben und weiter beitragen werden. Und jetzt gestatte ich mir, den Herrn Konsul des deutschen Reiches zu bitten, unsere Ausstellung in offizieller Weise eröffnen zu wollen." Der deutsche Konsul eröffnete hierauf die Ausstellung. Prof, Schatz führte hierauf die illustre Gesellschaft durch sämtliche Ausstellungsräume, deren geschmackvolles Arrangement ebenso sehr die Bewunderung der Besucher hervorrief, wie die Reichhaltigkeit und der künstleriche Wert der ausgestellten Gegenstände selbst. Der Militärgouverneur äußerte Prof. Schatz gegenüber seine außerordentliche Befriedigung über die Entwicklung der Anstalt. Der russische Vizekonsul kaufte eine Anzahl Filigranarbeiten. Lebhaftes Interesse erregte bei den Besuchern auch das Bezalelmuseum mit seinen Gemälden und Skulpturen. Am Abend fand im Garten der Anstalt ein Fest statt, an dem alle Schichten der jüdischen Bevölkerung Jerusalems teilnahmen. Prof. Schatz, Eisenstedt u.a. hielten begeisterte Ansprachen, es wurden hebräische Volkslieder gesungen usw. Bis in die späte Nachtstunde blieben die Festteilnehmer in vergnügter Stimmung beisammen. Die Kolonie Ber-Tobia (Kastinie) Die Kolonie Ber-Tobia (Kastinie) ist die südlichste unter den jüdischen Kolonien Palästinas. Sie gehört, ebenso wie die ihr nächst gelegene (1*4 Stunde Wagenfahrt entfernte) Kolonie Gedera (Katra) zur Kaimakamie der Stadt Gaza, von der sie 41 /■? Stunden entfernt ist. Zur Bahnstation Sejed oder Deraban der Jaffa-Jerusalem- Bahn kann man von Kastinie in 3—3',2 Stunden gelangen. Kastinie gehört zu den wenigen Ackerbau treibenden Kolonien Judäas. Ein empfindlicher Mangel für die Kolonie ist es, daß auf der ganzen Fläche von ca. 6000 Dunam ausschließlich ICörnerbau getrieben wird. Würden die Kastinier Kolonisten auch Pflanzungen anbauen, dann könnten sie ihre eigene Arbeitskraft, die jetzt einen großen Teil des Jahres brach bleibt, ebenso ihr Arbeitsvieh besser ausnutzen und hre Einnahmen beträchtlich vermehren. Die gesamte Ernte der Kolonie betrug im verflossenen Jahre in brutto 55 000 Frs. Sieht man von 2 Familien, die nur wenig Boden besitzen und für die die Landwirtschaft nur einen Nebenberuf bildet und die 500 bzw. 700 Frs. als Ertrag erzielt haben, ab, dann hatten 2 Kolonisten mit 1350 und 1500 Frs. die niedrigsten Brutto- Einnahmen, 2 Kolonisten je 1800 Frs., 2 Kolonisten 2600—3000 Frs., 2 Kolonisten 3100-3200 Frs., 1 Kolonist 3700 Frs.," 3 Kolonisten 4300—4400 Frs., 2 Kolonisten 5000—5200 Frs. und schließlich eine aus 2 Brüdern bestehende Kolonistenfamilie 6600 Frs. Auf die einzelnen Getreidearten verteilen sich die Ernteerträge folgendermaßen: y Weizen 30 800 Frs., Sesam 8600 Frs., Gerste 6900 Frs, Ful. Bohnen) 5400 Frs., Turrnus 3000 Frs., Erbsen 300 Frs., zusammen also 55 000 Frs. Von den Bruttoerträgen geht an erster Stelle die Oschersteuer ab, die in der Kolonie Kastinie in der Regel in natura als 1 s vom ausgedroschenen Getreide entrichtet wird. Zu dieser in legaler Höhe eingetriebenen Naturalabgabe treten allerdings noch die für diese kleine Kolonie nicht unerheblichen Spesen hinzu, die die Unterhandlungen mit dem Oscherpächter, Vorstellungen bei der Behörde in Gaza usw. nach sich ziehen. Die Kolonisten Kastinies arbeiten alle selbst im Felde, außerdem hat fast jeder einen ständigen Arbeiter, dem in der Regel für seine Arbeit in Getreide jährlich, bezahlt wird. Der Jahreslohn beträgt ca. 400 Frs. Mehrere Kolonisten haben hauptsächlich darunter zu leiden, daß sie zu wenig Boden und zu wenig Kapital für die Wirtschaft besitzen und deshalb gezwungen sind, bei privaten Geld Verleihern (am meisten bei arabischen Schechs aus den benachbarten Dörfern) Geld zu hohen Wucherzinsen zu entleihen. Die Einwohner Kastinies, die keine Kolonisten sind, wie Lehrer, Feldscher, Schochat und einige Handwerker, hatten insgesamt eine Jahreseinahme von 9200 Frs. Der Viehstand der Kolonie betrug im Frühjahr 1910 32 Milchkühe, 39 Ochsen, 39 Kälber, 7 Pferde und 4 Esel. Auch besitzt Kastinie, was nur wenige jüdische Kolonien aufweisen können, 180 Schafe und Ziegen. Im Laufe der letzten 3 Jahre sind 4 Pferde, 1 Esel, 3 Kühe, l Ochse, 3 Kälber und 6 Schafe gefallen. Die Kolonie Kastinie hat hauptsächlich darunter zu leiden, daß 'nre allgemeinen Spesen auf eine verhältnismäßig geringe Anzahl - on Kolonisten sich verteilen und deshalb jeden einzelnen Kolonisten ziemlich schwer belasten. Der Etat der Kolonie stellt sich für das verflossene Jahr in Ausgaben folgendermaßen dar: für Pumpe und Wasserversorgung ...... Frs. 4 828.80 Bad ...........*....... „ 255.75 Lehrer.................. v l 440.— Feldscher................. „ 901.38 Schochat................ „ 540.— Muchtar................ „ 240.— Sekretär................. „ 165.25 Beitrag an die Organisation judäischer Kolonien „ 118.96 Anfertigung einer Koloniekarte....... „ 75.84 Post................... „ 50.81 Wächterspesen .............. „ 1 342.42 Militärsteuer............... „ 809.90 Festessengelegentlich eines behördlichen Besuchs „ 138.73 Spesen, die der Kolonie infolge eines Konflikts zwischen zwei Kolonisten erwachsen sind . „ 420.25 Diverse Ausgaben............. „ l 823.— Frs. 13 151.09 Die Ausgaben für den Lehrer, Feldscher, Schochat und Muchtar (Vertreter der Kolonie in Unterhandlungen mit der Regierung) im Betrage von 3120 Frs. werden vom Chowewe-Zion-Komitee in Odessa getragen. Selbst nach Abzug dieser Spesen hat also diese kleine Kolonie noch 10 000 Frs. an allgemeinen jährlichen Unkosten zu bestreiten, d. h. im Durchschnitt muß jede Familie zu den Koloniespesen 500 Frs. beisteuern. Die Militärsteuer (Askerie) ist zwar seit der Wiederherstellung der Konstitution nicht mehr zu entrichten, doch wurde sie in der Kolonie noch erhoben und für einen Fonds verwendet, der zur Unterstützung jener Familien, deren Hausväter für den Militärdienst bestimmt waren, während ihrer Abwesenheit dienen sollte. Die Lage der Kolonie Chederah In diesem Jahre ist die Ernte in Chederah nicht besonders günstig ausgefallen. Infolge der unerwartet spät eingetretenen starken Regengüsse im Frühling ist kaum auf eine befriedigende Sommereinte zu rechnen. Auch die Resultate der Winterernte sind nur als mittelmäßig zu bezeichnen, weil der Boden viel Feuchtigkeit enthält und deshalb der starke Niederschlag dieses Winters der Vegetation nicht zuträglich war. Im allgemeinen aber geht Chederah im "Gegensatz zu den großen Plantagenkolonien in Judäa, wo sehr viel über unhaltbare ökonomische Zustände geklagt wird, einer guten Zukunft entgegen. Schon jetzt läßt sich fast mit Bestimmtheit sagen, daß die Kolonie Chederah, die zurzeit ihrer Gründung die schwersten Bedenken erregt hat, in nächster Zeit die ökonomisch stärkste Kolonie werden wird. Der Grund besteht hauptsächlich darin, daß hier, in ausgeprägtester Weise eine gemischte Wirtschaft, gröfiere und verschiedenartige Plantationen (Orangen-, Oliven- und Mandelpflanzungen und dgl.) sowie Körnerbau nach besten europäischen Methoden betrieben wird. Man trifft in Chederah mehr als in allen andern palästinischen Kolonien, alle Arten moderner landwirtschaftlicher Maschinen, die unsere Kolonisten anwenden müssen, um ihre große Fläche (die Gemarkung Chederahs umfaßt über 30000 Dunam) zu bewirtschaften. An derUmgebung Chederahs läßt sich am besten feststellen, wie sehr die jüdische Kolonisation auf die Hebung der Kultur der einheimischen Bevölkerung einwirkt. Durch unsern Einfluß haben nämlich auch die arabischen Dörfer der Nachbarschaft angefangen, landwirtschaftliche Maschinen in großer Zahl zu verwenden. Allein über 20 Nähmaschinen befinden sich im Besitze der Fellachen, der nächsten Nachbarschaft von Chederah. Die jüdischen Kolonisten fungieren dabei als Lehrer, unterweisen die Fellachen in der Handhabung der Maschinen und werden auch herbeigerufen, um die Maschinen in Ordnung zu erhalten. Auf diese Weise bearbe:ten die Fellachen ihre Felder intensiver und der Wert des Bodens steigt fortgesetzt. Auch für jüdische Arbeiter ist Chederah ein günstiger Platz. Die arabischen Arbeiter, welche zur Winterszeit zwar billig sind und für einen Tagelohn von ca. 1,20 Frs. arbeiten, sind im Sommer zur Erntezeit sehr teuer und häufig überhaupt nicht zu haben. Besonnene Kolonisten ziehen es daher vor, auch im Winter dem jüdischen Arbeiter etwas mehr zu zahlen, um ihn auch im Sommer zu haben. Gegenwärtig sind hier ca. 40 junge Arbeiter beschäftigt. Die meisten beköstigen sich in der von der rührigen, galiläischen Arbeiterorganisation „Awodah" (Arbeit) eingerichteten Küche. Eine andere Gruppe von 10 Arbeitern führt eine kommunistische Wirtschaft, d. h. was jedes Mitglied verdient, wird in die gemeinsame Kasse abgeführt, aus der wieder die Bedürfnisse jedes einzelnen ohne Rücksicht auf seinen eigenen Verdienst gedeckt werden. Die Gruppe besteht aus lauter tüchtigen, in der Kolonie sehr gerne gesehenen