Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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stecken bleiben werde; sollte indes die Duma die Vorlage annehmen, so werde die vierte Duma in ihrer überwiegenden Majorität aus Mitgliedern des Verbandes des russischen Volkes bestehen; dies werde die Antwort des Landes auf die Annahme der Vorlage sein. — Graf Bobrinsky erklärte, er bedaure die arme jüdische Masse, er seheindes absolut keinen Ausweg aus dem gegenwärtigen Zustande. Graf Bobrinsky mag ruhig sein: die dritte Duma wird diese Gesetzesvorlage keineswegs annehmen. Hatte doch diese Duma für das finnländische coup d'etat eine kompakte Majorität von 196 Stimmen zuwege gebracht. Diese Majorität wird sich auch im Sinne und Geiste der Regierung finden, wenn es gelten wird, allzu liberalen Aspirationen in der Judenfrage entgegenzutreten. Viele der liberal tuenden Oktobristen, die aus Rücksicht auf das Parteiprogramm oder auf die Wähler die Gesetzesvorlage unterschrieben haben, werden die von dieser Partei in allen wichtigen Fiagen befolgte Methode wählen und bei der entscheidenden Abstimmung „zufällig" abwesend sein, nur um ja nicht in Konflikt mit Stolypin zu geraten; die Mutigeren werden einfach rechtzeitig ihre Unterschriften zurücknehmen, wie dies bereits von einigen Oktobristen geschehen ist. Sollte aber das Unerwartete doch eintreffen und die dritte Duma in eine unerklärliche Anwandlung von Gerechtigkeit die Vorlage für annehmbar finden, so lebt ja noch G. s. D. das russische Oberhaus, der wohllöbliche Reichsrat, der es allenfalls nicht unterlassen würde, staatsgefährliche liberale Seitensprünge des Unterhauses geziemend zurückzuweisen.— Hetzjagd auf wohnrechtlose Juden Die Judenvertreibungen nehmen von Tag zu Tag immer größere Dimensionen an, und die Hüter der öffentlichen Ordnung ergreifen die Gelegenheit, um ihren Diensteifer in einer Weise zu bekunden, die den Häschern der spanischen Inquisition zur Ehre gereicht haben würde. Den Höhepunkt raffinierter Grausamkeit hat der derzeitige Hexensabbat russisch-polizeilicher Bestialität im Landflecken Potschinok, Gouvernement Smolensk. Diese durch ihren bedeutenden Getreidehandel bekannte Knotenstation bildet während der Handelssaison einen Anziehungspunkt für viele Juden aus den benachbarten Gouvernements. Vor kurzem ging nun die Smolensker Polizei auf die Suche nach wohn rechtlosen Juden aus. Eines schönen Tages wurde nun der gesamte Flecken von Smolensker berittenen Polizisten umzingelt. In sämtlichen Häusern wurden strenge Haussuchungen vorgenommen. An die zehn Juden wurden festgenommen und am folgenden Tage nach Smolensk in Polizeihaft gebracht. Während der Untersuchungen teilte jemand mit, daß viele Juden sich im benachbarten Walde versteckt hätten. Sofort wurde der Wald von den Polizisten umzingelt, und eine förmliche Hetzjagd begann. Jagdhörner ertönten, Signalrufe wurden gewechselt und Flintenschüsse wurden abgefeuert, die das „Wild" aus seinem Versteck aufschrecken sollten. Die Polizisten zerstreuten sich über den Wald, und bald begann die Ablieferung ergriffener Juden an den Hauptmann Tkatschew. Die „Jagd" dauerte bis tief in die Nacht hinein. Es wurden ca. 60 Juden ergriffen, vornehmlich jüngere Handelsangestellte. Von Potschinok aus begaben sich die Detektive und Polizisten nach einem andern Handelsflecken Stadolischtsche an der gleichen Eisenbahnlinie. Hier wiederholte sich die ganze Geschichte nach vorangegangenem Muster. Indes hatte hier die Polizei weniger Glück; es wurden nur 8 Juden ergriffen. Die andern hatten es in Erwartung der Hetzjagd vorgezogen, mit dem ersten Zuge abzureisen und ihr Hab und Gut der „Willkür des Geschicks" zu überlassen. Von den Kiewer Ausweisungen Auf der dieser Tage stattgefundenen Sitzung der Kommission für Rechtsbeistand an die Ausgewiesenen wurde festgestellt, daß von 1150 Familien, über die die Ausweisung verfügt worden war, (abgesehen von den 238 Familien des Vorortes Demiewka) nur 170 in Kiew bleiben dürfen. — Daneben wurde noch festgestellt, daß in letzter Zeit immer neue Kreise in den Bann der Ausweisung gezogen werden. Die Zahl der Ausgewiesenen, die in der ursprünglichen Proskriptionsliste fehlten, wächst mit jedem Tag. Sehr beliebt sind * zurzeit die berüchtigten „Nachthetzen" (Haussuchungen in Privatwohnungen) auf wohnrechtslose Juden. Aus Warschau wird über einen enormen Zuzug ausgewiesener Kiewer Juden berichtet. Massen Verhaftungen In Bendzin, Gouvernement Petrikau, wurden dieser Tage viele Personen aus intelligenten jüdischen Kreisen verhaftet und nach dem Gouvernementsgefängnis zu Petrikau gebracht. Palästina Die Landkäufe ausländischer Juden In Jerusalem zirkuliert das Gerücht, daß der neue Gouverneur, der erst vor kurzem sein Amt angetreten, aus Konstantinopel die Instruktion erhalten hätte, die bestehenden Beschränkungen in bezug auf ausländische Juden in jeder Beziehung aufrecht zu halten. Namentlich soll, wie behauptet wird, bei Landkäufen durch ausländische Juden keine Abweichung von bestehenden Bestimmungen gestattet werden. Das hebräische Gymnasium in Jaffa Zu dem in Nr. 23 der „Welt" veröffentlichten Rechenschaftsbericht, ersucht uns die Direktion noch folgendes nachzutragen: „Den ersten Platz unter den unterstützenden Instituten nimmt das Zentralkomitee der „Chowewe Zion" in Odessa ein, welches für unser Budget garantiert und dem Gymnasium eine Unterstützung von Frcs. 5000.— gewährt." Die Monatsschrift „Palästina" Die erste Nummer der unter neuer Redaktion in Wien erscheinenden Monatsschrift „Palästina" (Heft 6 und 7 des VII. Jahrgangs) ist soeben erschienen und enthält folgende Beträge: A. B., Wien: Eine Siedlungsgenossenschaft in Palästina. — Herzlwald. — Dr. A. Sandler: Zeugen wider Palästina. — David Trietsch: Jüdische Frauenarbeit für Palästina. — The Anglo Palestine Company. — Deutsche Palästina-Bank. — Eine Gesellschaft für Palästinaforschung. — Dr. F. Theilhaber-Esra. — Dr. A. Hausmann: Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina. — Mitteilungen des Informationsbureaus für Palästina in Wien. — Studentenreisen nach Palästina. — Kurze Nachrichten. Die Zeitschrift wird jetzt im Namen eines Komitees von Adolf Böhm, Wien herausgegeben. Die Redaktion ruht in den Händen von Dr. Ernst Müller, Wien. Das vorliegende Doppelheft präsentiert sich in ansprechender, gefälliger Ausstattung. Der Bezugspreis der Zeitschrift beträgt in Deutschland JC 2,50, in Österreich Kr. 3.—, in allen übrigen Ländern Frcs. 4.— jährlich. Adresse der Redaktion und Expedition: Wien IX., Türkenstraße 9. Geldsendungen aus Rußland sind an J. L. Goldberg, Wilna zu adressieren. Stiftungsfest des „Bezalel" in Jerusalem Am 27. Mai d. J. (Lag-Baomer) feierte der Bezalel in Jerusalem sein 4. Stiftungsfest, welches in würdiger Weise begangen wurde. Aus diesem Anlasse fand eine Ausstellung statt, welche vom deutschen Konsul eröffnet wurde und zu deren Eröffnungsfeier der Militärgouverneur und der Bürgermeister von Jerusalem, der Präsident des jungtürkischen Komitees und andere hervorragende Persönlichkeiten erschienen waren. Im Namen des Vorstandes des Bezalelvereins in Berlin begrüßte Herr Levy, Direktor der Anglo-Palestine Company in Jerusalem, die Erschienenen mit einer längern Ansprache, in der er u. a. folgendes sagte: „Dieses Fest wird veranstaltet zur Erinnerung an die Gründung der Schule vor 4 Jahren. Durch eine kleine Ausstellung der im Bezalel hergestellten Erzeugnisse wollte die Leitung der Schule ihren Freunden und Gönnern ein Bild der während dieser 4 Jahre erzielten Erfolge in der Schule vor Augen führen, dieselben sind in der Tat bedeutend. Diejenigen unter Ihnen, welche seit dem Beginn der Schule der Entwicklung derselben gefolgt sind, werden imstande sein zu beurteilen, welch aufsteigende Linie der Bezalel seit seiner Gründung genommen* hat. Vor 4 Jahren mietete Herr Professor Schatz bei den Abessiniern einen kleinen Raum und eröffnete die Schule mit 45 Schülern, Schülerinnen, Arbeitern und Arbeiterinnen. Das einzige Atelier, welches damals existierte, war dasjenige zur Herstellung von Teppichen. Heute hat der Bezalel sein eigenes Gebäude, das 6 Ateliers umfaßt und zwar das Teppichatelier, das Filigranatelier, das Damaskusmetallatelier, das Atelier für Holzschnitzereien, das Atelier für Korbflechterei und die Lithographische Abteilung. Und welcher Unterschied in der Qualität der damals und heute erzeugten Gegenstände. Alle, die wie ich, Gelegenheit haben, die Teppiche, welche vor 4 Jahren hergestellt wurden und die heute erzeugten vergleichen zu können, werden das Empfinden haben, daß der Unterschied zwischen beiden so groß ist, wie derjenige zwischen dem Mittelalter und unserm modernen Zeitalter der Industrie. Diese verschiedenen Ateliers beschäftigen heute 207 Arbeiter und Arbeiterinnen, welche alle durch ihre Arbeit im Bezalel Lebensunterhalt finden. Der Bezalel nähert sich da.her immer mehr dem Ziele. Ein Wohltäter Tausender von Arbeitern und Arbeiterinnen durch das Verschaffen