Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 25 DIE.3HELT 61 irgendeiner zionistischen Veranstaltung. Da ist vor allen Dingen die seit einer Reihe von Jahren bestehende Institution der „Donnerstagabende" zu erwähnen, welche hinsichtlich der Pflege unserer nationalen Kultur sowie einer freundschaftlichen Annäherung aller Zionisten von hohem Werte sind und einem allgemeinen Bedürfnis der hiesigen jüdischen Bevölkerung entsprechen. Es dürfte die Leser der „Welt" interessieren, welche Fülle von Gegenständen in einem Wintersernester durchgenommen werden. Das Pensum des letzten Semesters war folgendes: 28. Oktober: Die nationale Idee in der Weltgeschichte und ihre Bedeutung für das Judentum der modernen Zeit. Dr. J. Koppelowitz. 4., IL, 18. November: Die Apokryphen. Dr. A. Rosner. 2. Dezember: Die moderne Bodenreformbewegung im Vergleich zu der Agrargesetzgebung der Bibel. S. Gottdiener. 9. Dezember: Von jüdischer Kunst Grünau-Grünzweig. 12. Januar: Berichte über den Kongreß. Jean Fischer, Dr. J. Mirkin, R. Cohn. 20. Januar: Jüdische Kindererziehung. A. van der Horst. 27. Januar: Praktische Arbeitin Palästina. Blättermann. 3. Februar: Die sozialen Gesetze der Bibel. Dr. A. Rosner. 10. Februar: Daseinsberechtigung des Poaleizionismus. Rud. Beer. 15. Februar: Die Paradoxe des Judentums. Dr. Bloede. 3. März: Der Modernismus im Judentum. Saly Kok. 10. März: Diskussionsabend über „Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein". S. Gott dien er. 17. März: Theodor Herzl vom Standpunkt der jüdischen Frau. Frau S. Marcouse. 31. März: Ost und West. S. Goldmann. Außer diesen populär-wissenschaftlichen Vorträgen liest jeden Dienstagabend Dr. Rosner über Jüdische Geschichte, alle vier Wochen Dr. Mirkin über Jüdische Philosophie. Diese Vorträge erfreuen sich wegen ihrer Gediegenheit eines lebhaften Besuches. Einmal wöchentlich veranstaltet auch der „Cercle des dames sionistes" einen Vortrag, meist über literarische Themata in Verbindung mit einem intimen Five o'clock tea. Im Misrachiverein trägt wöchentlich Herr S. Gott dien er aus Maimonids, Herr Schreiber aus Misch najott vor. Der „Sephatt Zion" veranstaltet ungefähr alle zwei Wochen einen literarischen Abend, wo in hebräischer Sprache über neuhebräische Dichtung usw. vorgetragen wird. Und zu diesen Vorträgen und Vorlesungen kommen noch eine Reihe von Veranstaltungen geselliger und unterhaltender Natur gelegentlich des Chanuka- und Purimfestes, ferner Konzerte usw. War aber sonst in der Regel nur im Winter eine derart angeregte zionistische Tätigkeit zu verzeichnen, so ist die belgische zionistische Föderation in diesem Jahre von der Regel vorteilhaft abgewichen und bemüht sich in erfolgreicher Weise, das zionistische Vereinsleben auch den Sommer hindurch zu pflegen und rege zu erhalten. Bisher haben im Sommersemester zwei große zionistische Veranstaltungen stattgefunden. Die erste war eine in der „Diamantbörse" abgehaltene große Versammlung am 15. April. „Durch dus Volk für das Volk" war die Devise des Abends. Es sollte diesmal auf den jüdisch sprechenden Teil der Bevölkerung eingewirkt werden, und es waren demgemäß drei Redner im Jargon angemeldet. Der Präsident des Landeskomitees, Herr Dr. L. Herz, gab einleitend eine kurze Erläuterung der zionistischen Bestrebungen und forderte die Anwesenden auf, sich der Bewegung anzuschließen. Herr Nadel wies in einer längern Rede auf die Lage der Juden in Rußland, Galizien und Rumänien hin und führte aus, die einzige Möglichkeit, das Emigrationsproblem der östlichen Judenheit zu lösen, sei die Schaffung einer gesicherten Heimstätte in Palästina. Weitere Ansprachen hielten die Herren Blättermann und Warschawsky. Den Vorträgen schloß sich eine lebhafte Diskussion an, in der einige der anwesenden Sozialdemokraten gegen den Zionismus Einwände erhoben. Die jüdische Not habe lediglich ökonomische Ursachen, und nur auf dem Wege des Klassenkampfes auf internationaler Basis könne sie gehoben werden. Herr Jean Fischer wendet sich in wirkungsvollen Ausführungen gegen diese Einwände. Man erzähle immer von neuem das Märchen, die Judennot habe nur ökonomische Ursachen. Wie kommt es aber dann, daß auch die ökonomisch Freien die Judennot fühlen? Unter den Juden gebe es keine Spur von einem organisierten oder unbewußten Klassenkampf. Der soziale Gedanke sei jüdischen Ursprungs, und die Idee der Gleichheit sei im Judentum längst praktisch verwirklicht. Das gegenwärtige jüdische Leben sei aber in jeder Beziehung abnormal, und nur eine nationale Sammlung und Konzentration auf dem Boden unserer Urheimat Palästina werde die normale Basis schaffen, auf der auch ein normaler, gesunder Klassenkampf ermöglicht wird. Nur dort werden wir den Prinzipien der Freiheit und Brüderlichkeit sowie der sozialen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen können. Der Abend gestaltete sich zu einer großen Sympathiekundgebung für den Zionismus. Über weitere Veranstaltungen der belgischen Föderation in den jüngsten Monaten werde ich demnächst berichten. S. G. Rußland Die Judenfrage vor der Duma Die Gesetzesvorlage über die Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsrayons hat folgenden Wortlaut: § 14 der vom Minister des Innern der Reichsduma unterbreiteten Gesetzesvorlage über die Unantastbarkeit der Person lautet: daß „niemand begrenzt werden kann in der Wahl des Wohnorts oder in Übersiedlung von einem Platze nach einem andern, mit Ausnahme derjenigen Fälle, die speziell im Gesetze genannt sind". Aus der letzten Klausel geht hervor, daß alle Begründungen in der Wahl des Wohnorts, die im Gesetze für russische Bürger jüdischer Nationalität existieren, auch dann in Kraft bleiben werden, wenn die Gesetzesvorlage über die Unantastbarkeit der Person approbiert und ins Leben getreten sein wird. Somit wird also eine Situation geschaffen, bei der ein Abschnitt desjenigen Gesetzes, das auf Grund des Manifestes vom 17. (30.) Oktober 1905 zum Schutze der Rechte des Individuums aller russischen Bürger herausgegeben wird, und zwar auf die Freizügigkeit, in bezug auf die viele Millionen zählende jüdische Bevölkerung des Reiches keine Anwendung haben wird. Das Unnormale einer derartigen Erscheinung konnte offenbar auch dem Bewußtsein der Regierung nicht entgehen. Und so ist denn aus dem erläuternden Memorandum des Ministers des Innern zur Gesetzesvorlage über die Unantastbarkeit der Person (pag. 29) zu ersehen, daß die Frage über die Begrenzungen in der Wahl des Wohnorts, die im jetzigen Kodex in bezug auf die Juden enthalten sind, in der Regierungskommission, die die genannte Gesetzesvorlage ausgearbeitet hat, ventiliert und der Beschluß gefaßt worden ist, daß die Initiative zur Abschaffung der genannten Begrenzungen nicht von der Regierung, sondern von den Volksvertretern ausgehen muß." „Infolge des obengesagten und anerkennend, daß im erneuten Rußland die Existenz des jüdischen Ansiedlungsrayons in bezug auf die viele Millionen zählende jüdische Bevölkerung Rußlands, die sämtliche Staatslasten in gleicher Weise wie die übrigen Teile der Bevölkerung trägt, als eine äußerste Ungerechtigkeit erscheint und in direktem Widerspruche mit dem Geiste des Manifestes vom 17. (30.) Oktober und den Grundprinzipien jeglichen Staatswesens steht; daß diese in moralischer Beziehung allemiedrigste Begrenzung dem Staate einen direkten Schaden bringt, da sie durch brutale Gewalt das Arbeitsgebiet für eine ungeheure Masse russischer Bürger beschränkt;" „daß ein Staat, dessen volkswirtschaftliche Entwicklung erst im Beginn begriffen ist, daran interessiert ist, daß die Initiative in Industrie und Handel aller Bürger ohne Unterschied der Konfession auf keine künstlichen geographischen Hindernisse stoße, damit sie zum Vorschein komme;" „daß die Existenz des Ansiedlungsrayons, bei den unausbleiblichen durch ökonomische Gründe bedingten Versuchen von Seiten der Juden, die Grenzen des Rayons zu überschreiten, zur Demoralisation des Rechtsgefühls eines bedeutenden Teiles der Administration beiträgt, die die begrenzenden Gesetze dazu ausnutzt, um von den Juden widergesetzliche Geldsummen zu erpressen, und endlich, daß die Existenz des Rayons in den breiten Massen der russischen Bevölkerung das vorn staatlichen Gesichtspunkte schädliche Bewußtsein aufrecht erhält über die Rechtmäßigkeit der Bedrückung ganzer Nationen, unterbreiten wir Endesunterzeichnete der Reichsduma, folgende Gesetzesvorlage anzunehmen: „Die in unserm jetzigen Kodex enthaltenen Begrenzungen der Juden im Rechte der Wahl des Wohnorts und Freizügigkeit von einem Platze nach dem andern abzuschaffen." Es folgen 165 Unterschriften von Dumamitgliedern verschiedener Parteien, darunter auch des frühern Präsidenten der Duma Chomjakow, der Leiter der OktobristenGljebow, Iskritzki, Kamenski, Baron Meyendorf, Fürst Galyzin, Chwostschinski, Swejinzew, Graf Uwarow, des Großindustriellen Bieljajew (Abgeordneter der Stadt Petersburg), Graf Tolstoi u. a. m. Der einflußreiche Führer der Gemäßigten, Graf W. Bobrinsky, erklärte Vertretern der Presse gegenüber, daß er die Einbringung dieser Vorläge als große Unvorsichtigkeit betrachte. Er nehme an, daß die Vorlage in der zuständigen Kommission ad calendas graecas