Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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610 DIE^ zweiten Geschäftsjahres. Auch das Ausland ist im Share-Klub vertreten und zwar Deutschland durch 1 Mitglied (Lörrach), Frankreich 2 (Hericourt et Paris), England 1 (London), und sogar aus Erez Israel (Jerusalem) sendet 1 Mitglied Beiträge in den Share-Klub. Im Berichtsjahre sind von den Mitgliedern insgesamt Frcs. 3275 in den Share-Klub eingezahlt worden, gegen Frcs. 1850 im zweiten und Frcs. 200 im ersten Jahre. Die ordentliche Einzahlung eines Mitgliedes beträgt Frcs. 5.— monatlich, einzelne Teilhaber zahlen aber Frcs. 10.— monatlich ein. An Aktien sind von den Mitgliedern bezogen worden für Frcs. 1450.—. Auf die einzelnen Finanzinstitute entfallen: Jüdische Colonialbank 20 Aktien ä 1 £ Frcs. 500.—, Anglo Palestine Comp. 37 Aktien ä 1 £ Frcs. 925.—, Palestine Land Development Comp. 1 Aktie ä 1 £ Frcs. 25.—. Amerika Houston (Texas). Wir haben hier unter den ca. 2000 jüdischen Familien zwei zionistische Vereine. „The Herzl-Zion Society" besteht hauptsächlich aus Mitgliedern der orthodoxen Gemeinde Adath Ycshurun und zählt über 80 Mitglieder. Der andere Verein „Sons and Daughters of Zion" setzt sich meist aus der liberalen jüdischen Jugend zusammen und zählt ca. 90 Mitglieder. Beide Vereine besitzen ihre Chartes von der American Federation of Zionists. Propaganda wird von beiden Vereinen durch einen gemeinschaftlichenPropaganda-Ausschuß betrieben. Literarische Abende, Vorträge,Vorlesungen, Diskussionen, Ausflüge (Picknicks), Lichtbilder von Palästina usw. dienen als Propagandamittel. In den letzten Wochen haben wir hier ca. 350 Schkolim abgesetzt. Es ist wohl als erfreulich zu bezeichnen, daß der Präsident der hiesigen orthodoxen Gemeinde ein eifriger Zionist ist, und so ist es uns gelungen, letztens auch ein zionistisches Lesezimmer in einem der Synagoge angehörenden Gebäude einzurichten. Wir haben schon auf drei hebräische („Hazevi", „Haolam" und „Hamevasser", eine deutsche („Die Welt") und manche englische und jüdische Zeitungen abonniert. Zuletzt sei noch erwähnt, daß hier ein Frauen-Bezalelverein mit ca. 100 Mitgliedern fürdie zionistische Sachs tätig ist. Brief aus Ungarn (Von unserm Berichterstatter) Landesorganisation und Misrachi Die Kassaer Landeskonferenz hat für die Zionisten Ungarns eine Überraschung gebracht. Trotzdem auf derselben in Angelegenheit des Misrachi die vollste Einigung -erzielt worden war, teilte nach einer Woche der ungarländische Vertreter des Misrachi — im Auftrage der Frankfurter Zentrale dieser Föderation — den Austritt der ungarischen Misrachisten aus der Landesorganisation mit. Diese Nachricht konnte alle diejenigen, welche wissen-, mit welcher Mühe die zionistische Organisation in Ungarn geschaffen und ausgebaut wurde, nur unangenehm berühren, umsomehr, da hierdurch die Fortentwicklung der Landesorganisation und überhaupt der Bewegung in Ungarn sehr leicht gehemmt werden kann. Das Landeskoinitee des Misrachi ist bereits konstituiert und hat mit seiner Arbeit begonnen. Es scheint, daß sich die Frage der Statuten einer günstigen Lösung nähert. Die Statuten des Preßburger Ahavath-Zion-Vereins sind nämlich letzthin vom Ministerium des Innern genehmigt worden. Diese Tatsache, wie auch die eingeholten Informationen lassen darauf schließen, daß die ungarische Landesorganisation demnächst auf Grund approbierter Statuten ihre Arbeit wird fortsetzen können. Die Reichstagswahlen Durch die später vorgenommenen Wahlen, wie auch durch die Stichwahlen ist die in der vorletzten Nummer erwähnte Zahl der jüdischen Abgeordneten von 11 auf 17 gestiegen. Im vorigen Parlamente saßen hingegen 24 Volksgenossen. Wir Juden haben allerdings durch die geringere Zahl jüdischer Abgeordneter absolut nichts verloren, da es bei uns einem Volksvertreter jüdischer Abstammung niemals auch nur im Traume eingefallen ist, sich für jüdische Angelegenheiten zu interessieren. Wir verweisen nur darauf, daß in der vorigen Session die ungarisch-jüdischen Abgeordneten ein Zusammenarbeiten mit dem österreichischen jüdischen Klub in Angelegenheit der Erlangung eines jüdischen Mandats im bosnischen Landtage abgelehnt haben. — Die Juden sind in allen Parteien vertreten, die katholische Volkspartei und christlichsoziale Partei natürlich ausgenommen. Es gibt sogar eine Partei, und zwar die demokratische, allerdings bloß aus zwei Mitgliedern bestehend, die nur jüdische Mitglieder zählt. In liberalen und vielen jüdischen Kreisen ist man hocherfreut über die Niederlage der klerikalen VolksgELT No, 25 partei, doch vergißt man, daß viele Abgeordnete, die im Grunde der Volkspartei zugezählt werden müssen, bei den jüngsten Wahlen mit anderm Programm aufgetreten sind, wobei sie ihre antisemitische Gesinnung kaum eingebüßt haben werden. Aus Schweden Mit Bezug auf den in Nr. 15 der „Welt" erschienenen „Brief aus Stockholm" und den Aufsatz „Aus Schweden" in Nr. 23 der „Welt", bittet uns Herr Prof. Dr. G. Klein, Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde in Stockholm, der auch persönlich in unserer Redaktion vorgesprochen hat, um Aufnahme folgender Berichtigung: 1. In meinem Vortrage über die Drewssche Theorie habe ich kein Werturteil über das Christentum und die Person seines Stifters abgegeben, sondern die Frage nach dessen Existenz rein geschichtlich an Hand der Evangelien und der jüdischen Quellenschriften geprüft. Es ist vollständig unwahr, daß ich gesagt hätte: „ . . . das Christentum sei eben durch die Persönlichkeit seines Stifters und durch dessen Auftreten so klar geprägt wie keine andere Religion, und keine andere sei so frei von mystischen -Zutaten und abergläubischen Vorstellungen." 2. Ihr Korrespondent sagt: „Daß die schwedischen Juden unter den Auspizien eines derartigen Seelsorgers massenhaft dem Christentum zustreben, wird man wohl begreiflich finden" usw. Demgegenüber stelle ich fest: Ich bin 28 Jähre im Lande, habe im Laufe dieser Zeit einige hundert Kinder unterrichtet und konfirmiert, und kann als Tatsache anführen, daß kein einziger meiner Schüler sich hat taufen lassen. Ich kann als weitere Tatsache anführen, daß ich heiße Kämpfe mit der Judenmission geführt, nicht etwa um schwedische Juden aus ihren Netzen zu befreien, sondern um russische Jünglinge, die noch zu retten waren, ihr zu entreißen. 3. Ihr Korrespondent sagt: „Herr Rabbiner Klein macht auch kein Hehl daraus, daß er gegen die Mischehen vom Standpunkte seiner jüdischen Religion, nicht das geringste einzuwenden hat" usw. Auch dies muß ich als vollständig unrichtig bezeichnen. Ich habe vor Jahren meine Gemeinde zu einer Diskussion über die Mischehe eingeladen und bei dieser Gelegenheit in der ernstesten Weise auf die Gefahren der Assimilation hingewiesen. Ich habe damit freilich eine große Opposition wach gerufen. Allein „ani eth naphschi hizalti". — Daß ich nie meine Kanzel in dem Sinne ihres Korrespondenten mißbraucht habe, braucht nach dem Gesagten kaum hervorgehoben zu werden. Dagegen soll folgendes erwähnt werden: Seit einigen Jahren gehört es nicht mehr zu den Seltenheiten, daß Kinder aus gemischten Ehen in unsere Kirchenbücher eingetragen werden. 4. Ihr Korrespondent sagt: „Es gibt hier in Stockhohn . .. auch eine Anzahl osteuropäische Einwanderer. Dieselben sind gezwungen, ihre schulpflichtigen Kinder an dem Religionsunterricht teilnehmen zu lassen, den eben dieser Rabbiner persönlich erteilt, usw. usw." — Demgegenüber sei konstatiert: Es gibt bei uns keine Behörde, die das Recht hätte, die Kinder „osteuropäischer Einwanderer" zur Teilnahme am Religionsunterrichte zu zwingen. Aber Tatsache ist, daß sie freiwillig kommen, und wenn sie die genügende Reife haben, auch an meinem Religionsunterrichte teilnehmen dürfen. Zu diesem werden sie in den verschiedenen Abteilungen von den andern Lehrern erst vorbereitet. Denn außer mir unterrichtet noch Dr. M. Fried, der ganz besonders seine Kräfte der osteuropäischen Jugend widmet, Fräulein Salomonson und der Kantor der Gemeinde F. Falk. Aber nicht genug damit, daß diese Kinder freiwillig kommen, muß ich als Genugtuung hervorheben, daß ich nicht Freudigeres in meinem Berufe als Lehrer der reiferen „osteuropäischen" Jugend verzeichnen kann als den Dank, der mir von den Eltern dieser Jugend zuteil wird. Ich will als Beispiel nur einen Fall anführen: Am jüngsten Pessachfeste habe ich einige dreißig Schüler konfirmiert. Zu diesen gehörte auch eine Tochter eines sehr orthodoxen Mannes, der zu den besten Talmudisteri der „osteuropäischen Einwanderer" gehört. Sein Name ist: Tarschis. Seine Söhne sollen dem Präsidium des zionistischen Vereins in Stockholm angehören. Mögen diese Herren bezeugen, ob ihre Schwester gezwungen wurde, an dem Konfirmandenunterrichte teilzunehmen, und ob ihr Vater ob dieses Unterrichtes betrübt war. Brief aus Belgien Zur Winterszeit ist Antwerpen seit vielen Jahren der Ort lebhafter zionistischer Tätigkeit. Es dürfte wohl kaum noch eine Stadt geben, in der ein regeres zionistisches Leben pulsiert. Das Föderationslokal „Beth Zion" hat sich zum Brennpunkt des jüdischen Lebens herausgebildet und ist fast jeden Abend der Schauplatz