Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 25 ÖIE^KELT 607 weiße Fleisch. So schützt sie ihren reinen Leib, daß. er nicht vom Staub und schmutzigen Blicken befleckt werde, wenn das Pferd sie durch die Qassen schleift,. Keiner hat es gemerkt, nur die irrende Seele „Laßt das Pferd los!" befiehlt der Richter. Die Knechte springen zurück; das Pferd reißt sich los und rennt in die Gasse, die vom Volke gebildet wurde; ein wütendes Geschrei erhebt sich, die Ruten pfeifen in der Luft, die Peitschen knallen, die Tücher rauschen, und erschrocken rast das Pferd über den Markt, durch Gassen und Gäßchen zur Stadt hinaus .... Einen blutigen Nagel hat die Seele aus dem Fuß der Gerichteten herausgezogen und entflieht damit gen Himmel .... „Also nur noch ein Geschenk!" tröstet sie der Engel bei der Pforte, als sie hernieder muß. IV. Das dritte Geschenk Wieder vergeht lange Zeit in fruchtlosem Suchen, und wieder drücken düstere Gedanken die Irrende. Es scheint ihr, als seien die Menschen noch kleinlicher geworden, noch kleinlicher ihre Werke, die guten wie die schlechten. So brütet die arme Seele vor sich hin: „Wenn Gott — sein Name sei gelobt — jetzt das ewige Spiel der Welt unterbräche und die Welt, wie sie geht und steht, mit einem Male richtete .... An eine Seite der Wage träte da der Verteidiger und legte Stäubchen um Stäubchen aus seinem weißen Säckchen auf die Wage, und auf die andere Wagschale fiele Brocken um Brocken, die der Ankläger niederlegt; unendlich läng würde es dauern, bis die Säcke leer wären. So klein und und kleinlich ist das Tun und Denken der ganzen Welt." „Und wären die Säcke schon leer, was wäre dann? Das Zünglein stände still, bliebe in der Mitte stehen. Denn nur Kleinigkeiten würden gewogen werden, Federchen, Stäubchen, Körnchen; da kann nichts überwiegen!" „Wie würde denn Gottes Urteil lauten? Zurück zum Tohuwabohu? Nein — das Übel überwiegt ja nicht. Erlösung? Nein — das Gute überwiegt nicht. Wie hieße also Gottes Urteilsspruch? „Welt, bewege dich weiter fort" würde er unmutig sagen, „zwischen Himmel und Hölle, zwischen Tränen der Barmherzigkeit und rauschendem Blut, zwischen Wiege und Grab .. . weiter! weiter!" Der Seele aber war es beschieden, erlöst zu werden. — Trommelwirbel ertönt.... Sie erkennt nicht, wo sie weilt, in welcher Zeit. Sie sieht nur einen Gefängnishof.. . ., zwischen den eisernen Gitterstäben in den kleinen Fenstern weben die Sonnenstrahlen goldene Fäden, schelmisch gleiten sie an den Gewehren ab- wärts, die müßig an der Wand lehnen; denn den Soldaten hat man heute in die Hand — Ruten gesteckt. % Die Soldaten stehen in zwei langen Reihen mit schmalem Zwischenraum einander gegenüber; es wird ein Spießrutenlaufen geben. Wen trifft die Strafe? Eben eskortiert man den Verurteilten, einen kleinen Juden; ein zerrissenes Hemd hängt um seinen magern Leib, auf seinem halbgeschorenen Kopf sitzt die „Jarmulke". Gott weiß, was er verbrochen hat, daß er mit Ruten gepeitscht wird. Vielleicht hat er gestohlen, vielleicht gemordet, vielleicht geraubt, vielleicht ist er gar unschuldig — man hat es ja auch vorzeiten mit einem Juden nicht so genau genommen .... Wie ihn die Soldaten erblicken, tuscheln sie lächelnd: „Wozu braucht man für das schwache Männlein unser so viele? Der kommt ja kaum bis zur Mitte des Spaliers!" Man stößt ihn in die lebende Gasse, und er schreitet vorwärts — aufrecht geht er dahin; ohne zu straucheln, ohne zu fallen empfängt er die scharfen Hiebe, und es ist, als spüre er sie gar nicht. Da faßt die Soldaten helle Wut. ' „Noch immer geht der Jude aufrecht, noch immer!" Und sie schwingen die Ruten mächtiger und höher und man hört ein Pfeifen wie wenn der Sturm raste. In Strömen fließt das Blut aus dem magern Leib des Juden, und er schreitet vorwärts. In seiner blinden Wut trifft ein Soldat zu hoch und wirft so dem Verurteilten die Jarmulke vom Kopf. Nach einigen Schritten bemerkt es der Jude; er bleibt stehen, macht eine Wendung und kehrt dann um; ohne Kopfbedeckung geht er nicht weiter. Und er geht zurück bis zu der Stelle, wo das Käppchen liegt, beugt sich nieder, hebt es auf und geht dann gelassen seinen blutgefärbten Leidensweg weiter, die Jarmulke auf dem Kopf. So schreitet er dahin, bis er tot zusammenbricht .... Jetzt fliegt die Seele, die alles mit angesehen, herbei, nimmt die Jarmulke, welche ihrem Träger so viele überzählige Rutenstreiche einbrachte, und bringt sie zur Himmelspforte. Auch das dritte Geschenk ward angenommen .... Und die Zaddikim verwendeten sich wirklich für die Seele, erlöst wurde sie von der langen Irrfahrt und die Tore des Himmelseden taten sich vor ihr auf. Als der Hohepriester Aaron im Rate der himmlischen Zaddikim die Geschenke sah, sagte er lächelnd: „Fürwahr, das sind erlesene, schöne Geschenke; sie haben . wohl keinen Nutzenswert, fürs Erdendasein taugen sie nicht, — aber dafür sind es Ideale." Übertragen von Siegfried Schmitz o o o o o o o o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG (f o o o o o o o ZÜÜ3) I O O O 0 o o o Berichtigung In der Notiz über den Artikel des Herrn Trietsch, welchen wir in unserer vorigen Nummer brachten, . nannten wir Herrn I. H. Kann den „Leiter der A. P. C." Herr Kann, bittet uns, zu berichtigen, daß als Leiter der A. P. C. in erster Reihe Herr D. Levontin zu betrachten ist, dem Herr Saphir in Palästina und Herr Hirsch in Europa zur Seite stehen. Zur Rede des Präsidenten Wolffsöhn in Manchester In einigen Zeitungen sind die Äußerungen des Herrn Wolffsohn in seiner zu Manchester gehaltenen Rede über einige von Herrn Dr. Weizmann seinerzeit in Angriff genommenen praktischen Arbeiten im Dienste des Zionismus benützt worden, um die persönliche Integrität