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Die Welt · 1910-06-24 · 25 (24.6.1910) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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606 DJE3E|KELT No. 25 (□□□□□□ o \--O y FEUILLETON DREI GESCHENKE Von J. L. Perez (Schluß) o □□□□□□)] O v o III. Das zweite Geschenk „Denk* daran, noch zwei Geschenke\a sagt der Pförtner, indem er die Himmelstore hinter der Seele verschließt. „Gott wird schon helfen\a ruft hoffnungsfreudig die Seele und flattert fröhlich hernieder in die Erdennähe. Allmählich aber verglimmt ihre Freude. Jahre und Zeiten vergehen und sie findet kein Ideal des Schönen und Guten. Und wieder befällt sie jene traurige Stimmung: „Wie eine hüpfende Quelle ist einst die Welt dem Gotteswillen entsprungen und nun rinnt sie fort im Bette der Zeit. Je weiter sie dahinfließt, desto mehr Schmutz und Schlamm nimmt sie auf, wird mehr und mehr trübe und unrein. Man findet immer weniger Geschenke für den Himmel; denn die Menschen werden immer kleinlicher, gewöhnlicher ihre Guttaten, schmutziger ihre Obeltaten. Ihre Taten kann man ja überhaupt kaum ersehen, so winzig sind sie . . . ." Und weiter spinnen sich der Seele Gedanken: „Wenn es Gott jetzt einfiele, die Guttaten der ganzen Welt gegen ihre Obeltaten abzuwägen, das Zünglein an der Wage des Gerichts würde sich nicht stark bewegen .... Die Welt kann auch nicht hinab und nicht hinauf, sie ist auch eine Irrende zwischen dem lichten Himmel und der finstern Unterwelt; bei dem Weltgericht würden der Verteidiger und der Ankläger ewig um sie streiten, so wie jetzt Licht und Finsternis, Wärme und Kälte, Leben und Tod immerwährend miteinander streiten .... So schwebt die Welt und kann weder hinauf noch hinab, und so muß und wird es ewig Geburt und Tod, Gut und Böse, Liebe und Haß geben, .... ewig .... ewig Trompetengeschmetter und Hörnerklang schrecken die Irrende, Suchende aus den trüben Gedanken. Sie blickt zur Erde hinab — eine alte deutsche Stadt liegt vor ihr. Häuser mit spitzgiebeligen Dächern umsäumen den Platz vor dem Rathause; bunt wie das Häusergewühl ist die Menschenwoge, die den Platz erfüllt; in allen Fenstern drängt sich Kopf an Kopf; auch auf den Dächern hocken Leute, und viele sitzen rittlings auf den Giebelbalken; natürlich sind auch alle Erker zum Brechen voll von Neugierigen. Vor dem Rathause steht ein Tisch, bedeckt mit grünem goldfransigem Tuch. An ihm sitzen die Herren vom Stadtgericht auf vergoldeten Schemeln. Sie tragen pelzverbrämte Samtkleider und die weiße Feder auf ihren Zobelbaretten wird von einer Brillantspange gehalten. Obenan sitzt der Präsident allein; die Fahne mit dem Wappenadler weht über seinem Haupte. An einer Seite steht ein Judenmädchen in Fesseln; bei ihr harren zehn Troßknechte, die mit Mühe ein feuriges Roß am Zügel halten .... Der Vorsitzende des Stadtgerichts erhebt sich und liest mit lauthin schallender Stimme folgendes Urteil: „So wird da gerichtet über diese Jüdin, insonder sie hat ein arg Verbrechen begangen, so ihr der Herr in seiner Gnade nicht vergebet auch am jüngsten Tag. Die Jüdin da hat sich aus der Judengaß' geschlichen am Frohnleichnamstag und ihr unreiner Fuß ist getreten auf unsere reinen Gassen. Mit ihren unverschämten Augen hat sie befleckt die heilige Prozession, wo das Bild des Herrn umtrug und sein Lob erhöhete durch heiligen Sang. Ihr heillos Ohr hat gehört das reine Singen unserer schuldlosen Kinder .... Ein Werkzeug des Teufels ist jene, der sich ihrer Gestalt bedient, um zu beflecken die Reine des Frohnleichnamstags. Und was wollte er, der Böse, als er sich wandelte in diej schöne Gestalt der Tochter des verfluchten Judenrabbi?' Er machte sich ja so wundersam schön mit jenen lockenden schwarzen Teufelsweiberaugen, den langen, keusch-gesenkten Wimpern, dem schmalen Gesicht, weiß wie Alabaster und den langen rosenleuchtenden Fingern Er machte sich so schön, auf daß er zum Spotte des Herrn mitten aus der Prozession sich eine Seele erhasche — und es ist ihm also auch gelungen. Denn begehrlichen Blick warf ein Edler auf sie. Doch sie, die verfluchte Jüdin, ward gefaßt von unsern Schergen und sie, so da ist der leibhafte Teufel, könnt' ihnen nicht wehren; denn geweiht und rein waren sie zuzeiten am Tage des Umzugs. Und also richten wir mit Gottes Gnad' über die Jüdin und gleich über den Teufel: Man binde sie an ihren langen Teufelshaaren zum Schweife jenes wildfeurigen Pferdes; es renne mit ihr durch die entweiheten Straßen, und ihr Blut sühne, was der Teufel ersonnen!" Wildes Freudengeschrei begleitet die Worte des Richters. Dann herrscht wieder neugierige Stille. Man fragt die Gerichtete, ob sie einen letzten Wunsch habe; man werde ihn erfüllen. „Ja"/antwortet das Judemädchen ruhig, „gebt mir ein paar Nägel!" „Der Schreck hat sie toll gemacht", murmeln die Richter. „Ich bin nicht toll, ihr Herren!" sagt sie kalt und gelassen, „das ist mein letzterWunsch, erfüllt mir ihn!" — Man gibt ihr, was sie verlangt. „Bindet sie!" tönt es vom Richtertisch. Und die Knechte binden mit zitternder Hand ihr schwarzes Haar an den Schweif des Pferdes, das sie kaum zu halten vermögen. „Bildet Spalier!" herrscht der Stadtrichter das Volk an. Hastig drängen sich alle an die Wände der Häuser und heben die Hände, welche Peitschen, Spießruten oder Tücher halten, um das Pferd tollzujagen. Die wilde Erregung nimmt der Menge den Atem, ihre Gesichter flammen, die Augen leuchten in tierischer Lust. Und keiner merkt, was die Verurteilte tut. Sie beugt sich nieder, heftet mit den Nägeln den Saum ihres Kleides an den Füßen an; tief dringen die Nägel in das

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