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Die Welt · 1910-06-24 · 25 (24.6.1910) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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und Spiegelbild des Lebens. Wir sehenr.3jj.ru. erstenmal das Leben der russischen Juden in der ganzen Breite sich vor uns aufrollen. Gewiß, nur in einem einzelnen Moment erfaßt. Aber in ihm konvergierten alle Ereignisse, alle Stimmungen der engen jüdischen und der breiten russischen Gasse zusammen. - . . In den alten, vergangenen Tagen pflegte man solche Katastrophen, die wie Wetterwolken über die Juden hereinbrachen, in besondere „Megiiloth", Pergamentrollen einzutragen, um an bestimmten Tagen sie in den Synagogen vorzulesen. So die „Megillath Tach", d. h. die Geschichte der Judenmetzelei, die Chmelnitzki angestiftet hat, die „Megillath Gouta", die Erzählung vom Pogrom, den Gouta, ein Hauptmann in der Ukraina veranstaltet hat, es gibt in manchen uralten Städten Deutschlands, z. B. in Mainz und in Merseburg auch solche alte „Pogrom-Legenden" . . . Und wir glaubten, der Zyklus wäre schon geschlossen, die Judenmetzeleien wären schon ein Stoff für Geschichtsschreiber oder für effektsuchende Belletristen. Und siehe, — dieser verwünschte Leidenszyklus will nicht schließen. Wer weiß, was in Rußland noch kommen wird? Ist doch Rußland das Land der unbeschränkten Unmöglichkeiten! Vom blutigen Progrom singen Lieder und berichten Bücher. Wer aber wird dem stummen Leid des russischen Juden, der unter dem unblutigen, aber permanenten, alle Lebensverhältnisse umstürzenden und den Rythmus des jüdischen Lebens zerstörenden Pogrom des Alltags leidet, Worte verleihen? . . . Vom jüdischen Klub im österreichischen Abgeordnetenhaus Im Lauf der letzten Debatten im österreichischen Abgeordnetenhaus haben zwei Mitglieder des jüdischen Klubs das Wort ergriffen. Abg. Dr. Mahler, der am 13. Juni sprach, befaßte sich mit der Stellung seines Klubs zur italienischen Universitätsfrage, wobei er die schmähliche Zurücksetzung anprangerte, die den jüdischen Anwärtern auf die Hochschullehrerstellen in Österreich zuteil wird. Weiter besprach er die Angelegenheit der Sabbatruhe in Qalizien und wendete sich der Volkszählung zu, wobei er ausführte: „In Österreich hat man es von jeher abgelehnt, den Forderungen der Entwicklung der Zeit nachzukommen, hat an alten Formen festgehalten, die dadurch zu Fiktionen werden und zum nicht geringen Teil gerade dadurch das Chaos geschaffen, das heute herrscht. Es ist vielfach und von sehr autoritativer Seite darauf hingewiesen worden, daß, während die Nationalität tatsächlich unser ganzes politisches Leben beherrscht, unsere Gesetzgebung den Begriff der Nation überhaupt nicht kennt, ihm überall ausweicht, und eine ähnliche Unaufrichtigkeit ist man eben wieder im Begriffe bei der Volkszählung zu begehen. Während das Reich vom Nationalitätenkampf durchtobt ist, schaltet man aus dem Volkszählungsbogen die Nation ängstlich aus. Nun, in der Statistik geht das ja ganz leicht, da ist es höchst einfach mit einem Erlaß das nationale Prinzip aus der Welt zu schaffen, das reale Leben aber hat die unangenehme Eigenschaft, sich um Ministerialerlässe nicht zu kümmern. Die Nationalität besteht ruhig weiter, auch wenn Sie sie nicht registrieren. Und die eventuell durch die vikariierende Rubrik „Umgangssprache" herbeigeführte Täuschung wird nur das eine erzielen, daß jeder nach dieser Richtung die Ergebnisse der Volkszählung als unbrauchbar stigmatisieren wird. Ich will mich gewiß nicht auf eine theoretische Erörterung des Begriffes „Nationalität" hier einlassen, daß aber Nationalität und Umgangssprache nicht den gleichen Kreis von Menschen decken, wird mir, wie ich glaube, jeder zugestehn, denn dann müßte jeder Deutsche, Engländer, Pole usw., der etwa nach Japan auswandert und die japanische Umgangssprache annimmt, damit zum Japaner werden, was wohl niemand im Ernst behaupten wird. Das Wesentliche ist : In der Nationalität spielt der Wille zum Volkstum die Hauptrolle. Warum scheut man sich bei uns in Österreich die Statistik aus dem Dunkel der Verlogenheit in das helle Licht der Wahrheit zu rücken? Vielleicht weil manche im Trüben besser fischen zu können glauben. Für uns Juden ist diese Frage nicht bloß eine rein akademische, sie ist auch unserm Wirtschaftsleben aufs engste verbunden. Dabei aber ist sie nicht minder eine Frage des nationalen Stolzes. Man predigt überall den Boykott gegen uns, man schließt uns überall aus, man will uns wirtschaftlich und womöglich auch geistig zugrunde richten, aber man will unsere Steuerkraft sich zurechnen, man pocht auf uns in der Statistik, wenn es gilt, die eigenen Aspirationen gegenüber einer andern Nation zu vertreten, man will von unsern Stimmzetteln Gebrauch machen, besonders dort, wo man sich den Luxus des offenen Antisemitismus nicht gestatten darf — das alles macht die Rubrik „Umgangssprache" ja möglich. Man wirft uns Absonderungsgelüste vor, wjr wollten ein „Wahlghetto" schaffen. Seien wir doch aufrichtig! Die Absonderung ist ja bereits tatsächlich durchgeführt. Es wird sich niemand darüber täuschen, daß heute diese Absonderung nicht vorhanden ist und was das Schlagwort vom Wahlghetto anbelangt, verweise ich darauf: Als man die Judenschaft der Bukowina bei der Landtagswahlordnung sehr gegen ihren Willen ebenso wie gegen den der Deutschen mit diesen in eine Kurie zusammenspannte, da hat man erst ein Wa h 1 g h e 11 o geschaffen, denn zum Begriff des Ghetto gehört eben der Zwang. Wo Menschen freiwillig sich zusammenfinden, ob Deutsche, Polen oder Juden, gibt es kein Ghetto, sondern eine Vereinigung freier Männer. Wo Leute gezwungen beisammen leben, dort ist es ein Ghetto. So hat man durch das angebliche Schlagwort, ein Wahlghetto verhindern zu wollen, erst tatsächlich ein Wahlghetto geschaffen. Ich meine, meine Herren, wenn es erst dem Juden möglich ist, sich frei und offen als das zu bekennen, als was er sich wirklich fühlt, wenn er nicht mehr dort Unterschlupf sucht, wo man ihm einen solchen verweigert, dann hat man erst dem Juden die Möglichkeit gegeben, als freier Staatsbürger dazustehen, dann kann er vollwertiger Bürger, aber auch vollwertiger Bundesgenosse sein. Dann ist er ein aufrechter Mann, der, seiner eigenen Kraft bewußt, stolz und offen dasteht, der vor niemand seinen Blick beugt, der als Bundesgenosse zu brauchen ist und dem man gerne die Hand gibt. Aber, meine Herren, wer sich eine fremde Maske vorbindet, wer sich für etwas ausgibt, was er nicht ist, wer etwas vortäuscht, was weder er noch ein anderer glaubt, der degradiert sich dadurch selbst. Ich betone, meine Herren, und ich möchte hier besonders unterstreichen: das Bekennen zum jüdischen Volkstum bedeutet keinerlei Haß gegen irgend eine Nation. Nur wer eine fremde Nation wirklich hochachtet, kann die eigene Nation schätzen und wir, die wir uns bewußt sind der historischen Werte, die in unserm Volke liegen, unser Volkstum hochhalten und schätzen, wir schätzen jedes ehrliche und aufrechte Volkstum. Wir verlangen aber auch, daß die gleiche Achtung, die wir jedem entgegenbringen, unserer ehrlichen und aufrichtigen Meinung entgegengebracht wird; wir verlangen, daß man, wenn wir uns als das bekennen, was wir sind, uns nicht fremde Motive unterschiebe, daß man unser ehrliches Bekennen zum jüdischen Volke nicht als Klerikalismus und Anarchismus bezeichne. Uns liegt beides vollkommen fern. Wir wollen als ehrliche Mitbürger und aufrichtige Arbeiter kämpfen und streben, wir sind aber von dem Glauben durchdrungen, daß in einem so vielgestaltigen Staate, wie es Österreich ist, das Heil des einzelneu nur in dem Heile der Gesamtheit liegen kann." (Lebhafter Beifall, Redner wird beglückwünscht.) Zum Budget sprach am 15. Juni Abg. Dr. Qabel, der insbesondere den Neoslawismus zum Gegenstand seiner Erörterungen machte und hierbei in ausführlicher Weise die jetzige Drangsalierung der Juden in Rußland erörterte. Er verweilte weiter bei dem wirtschaftlichen Elend der Juden Galiziens und kam ferner auf den Zionismus zu sprechen. Wir entnehmen seinen Ausführungen folgendes: Der heftige Streit, welcher sich in diesem Hause um den Neoslawismus und seine Betätigung in Österreich entwickelt hat, zwingt auch uns Juden zur Stellungnahme, und zwar nicht nur deshalb, weil die Juden als dritte Nation in Galizien, dem Lande, wo der Neoslawismus seine praktische Betätigung finden soll, wohnen, sondern auch deshalb, weil die Juden in Rußland die Folgen dieser Idee am eigenen Leibe verspürt haben. Es unterliegt für mich ja gar keinem Zweifel, daß die Vertreter der neoslawistischen Idee in diesem Hause keine Hochverräter sind und daß sie nicht danach streben, unter das Zepter des weißen Zaren zu kommen. Aber gegen die Vertreter dieser Idee in Rußland hegen wir starkes Mißtrauen und die Beziehungen, welche diese Leute zu den offiziellen Kreisen Rußlands unterhalten, erfüllen uns mit Abscheu. In Rußland sind gerade die Juden das Objekt, an welchem die russische Regierung und ihre Helfershelfer ihre blutrünstigen Instinkte am schrecklichsten auslassen. Die Juden werden gegenwärtig aus der Gouvernements Pskow, Berdiczew, Libau, Taschkent, Kiew in Massen vertrieben und wo man nicht die Eltern selbst austreiben kann, trennt man sie von ihren im zartesten Alter stehenden Kindern, indem man diese über die Grenze bringt. Die Zeitungen melden, daß, als diese Vertriebenen sich auf eine gewisse Zeit in die umliegenden Wälder

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