Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316431--53387-3347166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 3× ep/1000834
OCR text
Nk>. :25. DIBBELT 603 Aber jetzt, jetzt, wo das „verbrüderte Volk" sich erhob und seinem Mitstreiter von gestern, seinem Mitbefreiten den Schädel einschlug, den Jüngling, der gestern für die Freiheit der russischen Bauern auf den Barrikaden von Odessa gekämpft hat, marterte und in namenlose Qualen sterben ließ, das begeisterte Mädchen, das bereit war, seinen Lebensfrühling in den Peterpaulsfestungen dem Wohl und Glück Rußlands zu opfern, - schändete — jetzt fehlte jede Erklärung. Der Verstand stand einfach still. Es war zu viel Ungeheuerlichkeit, zu viel Schrecknis,, wahnsinnerregender Schmerz in dieser Tatsache. An allen Ecken Rußlands brannten jüdische Häuser, wurde jüdische Habe vernichtet, jüdisches Leben ausgelöscht. Die „Russen" haben die Juden, den „innern Feind" besiegt. Hunderte lagen tot auf dem Boden, Tausende kamen mit schweren Verwundungen davon. Wenn das kein Sieg der „russischen Männer" war,^—;wann war denn ein Sieg? Bei Sebastopol waren die Russen geschlagen, im russisch-türkischen Kriege haben sie sich mit Schmach bedeckt, des „großen" Siegs über Napoleon hat nicht einmal die offizielle russische Geschichtsschreibung sich rühmen können. Aber über die Juden des Ansiedlungsrayons, besonders, wenn sie wehrlos waren, da feierten die Russen glänzende Siege. Und der glänzendste war der vorn Oktober 1905 in der blutigen Kampagne der konstitutionellen Pogrome. . . . Diese waren die erste Frucht der russischen Freiheit. Der Dichter hat Unrecht behalten. Vor dem „Sklaven, der die Ketten bricht" mußte man erzittern. Oder vielleicht, weil der russische Sklave seine Kette gar nie gebrochen hat, nie brechen wollte? Gewiß, die „schwarzen Hunderte" sind nicht ganz Rußland. Nicht alle Russen waren aktiv am Pogrom beteiligt. Aber sie waren auch an der Abwehr unbeteiligt. Rußland verhielt sich passiv, auch dann, als es nicht bloß gegen die Juden, sondern gegen alle „Freiheitlichen" losging. Die bessern Elemente des russischen Volkes versteckten sich, überließen die Juden ihrem Schicksal. Und das ist die große Schuld des russischen Volkes, die noch nicht gesühnt ist. Im Gegenteil, je schlimmer die Lage der Juden, desto indifferenter die Stimmung der früher judenfreundlichen Kreise. Was ist diesen die Judenfrage? Was geht den Russen eine Rechtsfrage als solche an? Gebt dem Bauern seine Erde, die er begehrt — und dann mag die Sintflut kommen. Auch die progressiven Intellektuellen wenden sich von den Juden ab. Sie waren übrigens nie judenfreundlich: Dostojewski war ein Judenfeind und — Verächter, Turgenjew der Westeuropäer, mochte den Juden nicht, Tolstoj achtet den Juden und seine Kultur nicht, kann ihn organisch nicht ausstehen, sogar Mereschkowski, der Mitarbeiter jüdisch-liberaler Blätter, der weitgereiste und vielseitige Schriftsteller hat für den Juden nie eine andere Bezeichnung als!en herabsetzenden entwürdigenden vulgären Namen, mit dem der i^bel den Juden bezeichnet. Peter Struve, der typische Vertreter ies russischen Liberalismus, hat in der kurzen Zeit nach der Revolution" bereits ein Voltigeurkunststück gemacht und ist ein ussischer Imperialist und Nationalist geworden. Das ist der Weg ier russischen bourgeoisen Intelligenz, und die ist einstweilen noch :ie maßgebende. Der Pogrom hat mit der Konstitution des Jahres 1905 begonnen -nid hat sich in Permanenz? erklärt: Seit dem „Freiheitstage" des •ktobers 1905 datiert der regelmäßige, ununterbrochene Pogrom ies russischen Judentums. In den dunkelsten Zeiten des Absolutismus hat der Judenhaß sich nie so breitgemacht, ist nie so systematisch im Leben durchgeführt worden, wie gerade jetzt. Und dabei stützt sich die Regierung auf eine gesetzgebende Versammlung. Rußland will dem Beispiel Rumäniens folgen, — die Juden zu einer niedern Klasse, zu Lumpenproletarien herabdrücken. Dieser Pogrom, der Mord der Hoffnungen und Aspirationen des russischen Judentums ist vielleicht der grausamste von allen. . . . Fünf Jahre sind seit den schrecklichen Oktobertagen verstrichen. Die Wunden sind zwar noch nicht geheilt, aber wenigstens verharrscht. Und man möchte oft diese Tage vergessen. Denn die Erinnerung brennt. Und doch ist es ein Gebot der Notwendigkeit Jnfandum renovare dolorem". Diese Aufgabe hat das gewissenhaft zusammengestellte Werk: „Die Judenpogrome in Rußland" Jüdischer Verlag Köln und Leipzig 1910), zum großen Teil erfüllt. Bin trauriges Buch. Ein Totenbuch. Und dabei nicht auf Phantasien md Kombinationen aufgebaut, sondern auf dem unverrückbaren Fundamente der gerichtlichen Protokolle, der Zeugenaussage, der mtlichen Feststellungen, der Enqueten usw. Die Kommission, die :;e Erforschung der Pogrome sich zum Ziele gesetzt hat, hat ihre rbeit gründlich getan, sie hat wenigstens alle ihr zugänglichen aterialien ausgenutzt. .Das Hauptziel der Arbeit der Kommission ir die Feststellung der Ursachen der Pogrome und des Anteils, 11;-n die Bureaukratie an deren Organisation genommen hatte. Diese nstatierung war eigentlich nicht schwer zu ermitteln. . Die 1 reaukratie, besonders die Polizei, hat nie ein Hehl aus ihren Sympathien mit den „schwarzen Hunderten" gemacht, hat sich auch ganz ungeniert auf die Seite der Pogrombuben gestellt. Nach, den Enthüllungen des Fürsten Urussow in der Duma über die Tätigkeit des Pogromorganisatiors Kommissarow war, nach der gerichtlich nachgewiesenen organisatorischen Tätigkeit der plehweschen Beamten während des Kischenewer Pogroms, nach all den Tatsachen, die aus den zahlreichen Pogromen der Öffentlichkeit und noch mehr aus solchen, die nur den Advokaten bekannt wurden, ist es zweifellos, daß die Pogrome von einer Zentrale organisiert wurden, und daß diese Zentrale ihren Sitz in Petersburg hatten. Der Rest ist Schweigen. Die Geschichte, die in späteren Zeiten geschrieben werden wird, wird auch diese dunklen Punkte ins wahre Licht rücken. . . . Zwei dicke Bände, an 800 Seiten, sind den Ereignissen, die sich in drei Tagen abgespielt hatten, gewidmet. Daher sind es Ereignisse von lapidarer Einfachheit und Eintönigkeit. Die Mordbuben kamen unter Polizei- und Militärbedeckung, taten ihre Zerstörungswerke und zogen ab. Oberall dasselbe, mit ganz kleinen Varianten. In Kiew, in Odessa, in Bajzewscha, in Reschitza, überall, in allen Städten und Flecken Rußlands. Sogar dort, wo Juden nur noch als zufällig hingeratene Irrtümer sich befinden, haben regelrechte Pogrome stattgefunden. Die Variationen sind unbedeutend und tragen lokalen Charakter. In manchen Städten war das Morden, in andern das Plündern, die Hauptnote. Je nach der Laune des Leithammels. Weshalb in Rasdelnaja z. B. die Bahnhofsbedientesten so plötzlich in blutdürstige Bestien sich verwandelt und über 40 Juden ermordet hatten, ist nach der gewöhnlichen Psychologie unerklärlich, unbegreiflich. Der Russe aber ist entweder über oder unter der psychen Norm, nie ein juste milieu. Und diese psychische Unausgeglichenheit haben die Juden an ihrem Leibe zu spüren bekommen..... Ich will mir kein Urteil über das Buch als solches erlauben. Eine historisch-deskriptive Arbeit kann man ja nur an der Hand der Tatsachenprüfung beurteilen. Und ich habe das volle Vertrauen zu den Quellen, denen die Verfasser des Buches ihre Daten entnommen haben. Anders steht es mit den einleitenden Ausführungen und erläuternden Betrachtungen, die den ersten Band ausmachen. Hier vermiße ich schon manches, was ich gern gesehen hätte, eine auf breitere Basis gestellte, pragmatische Geschichte der „Jüdischen Revolution", ich meine des Anteils der Juden am öffentlichen Leben, am Qären, am Stürmen Rußlands. Ich hätte auch eine etwas detailliertere, sachgemäßere Ausführung über die politische und sozialökonomische Situation in Rußland in den den Oktoberpogromen folgenden Jahren erwatet, (sind ja inzwischen fünf wichtige, ereignisreiche Jahre verstrichen!). Dann hätte man aus der Geschichte der furchtbaren drei Tage vielleicht Schlüsse ziehen können. Die verschiedenen jüdischen Organisationen haben auf die Pogromereignisse verschieden reagiert. Die Zionisten aller Schattierungen ließen sich durch diese Ereignisse nicht beirren, da sie nicht die Judennot und nicht den Negationsstandpunkt, sondern einen positiven Ideengehalt zur Grundlage haben. Für sie war der Pogrom ein tragisches Ereignis, aber keine Katastrophe. Anders verhielten sich wiederum die sozialistischen Parteien, wie der „Bund" und die „Sejmisten", d. h. die Anhänger der jüdischen Autonomie in Rußland. Für sie war es wirklich eine Katastrophe, eine ideelle Krise. Denn bei ihnen ist der Glaube an die Möglichkeit eines neuen Lebens in Rußland in die Brüche gegangen. Sie machen sich allerdings das Herz leicht, indem sie die Pogrome und alle die daran geknüpften Erscheinungen als Ausfluß des Kampfes der Bourgeoisie betrachten. Aber auch sie sehen jetzt die Notwendigkeit der großzügigen, zielgerichteten Emigration ein, und revidieren in diesem Punkte ihr Programm. Doch wie gesagt, — all dies ist noch zu frischen Datums, um geschichtlich behandelt zu werden. Wir haben noch keine Distanz zu den Dingen. Hervorheben möchte ich den Artikel über die „Pogrome in Polen", der mit großer Klarheit, wenn auch hie und da mit Tendenz geschrieben ist. Das Wichtigste am Buche ist der zweite, deskriptive Teil. Da wird nicht mehr philosophiert sondern berichtet. Stadt für Stadt, bis auf den kleinsten Flecken, ist in die Betrachtungssphäre gezogen. Es sind peinlich genaue detaillierte Studien über die Einzelpogrome und Pogrömchen, Am besten und klarsten sind die Berichte über die Pogrome von Kiew, Odessa' und Hornel Da war wirklich ein Riesenmaterial zu bewältigen. Jeder, der Gelegenheit hatte, in das Rohmaterial, nämlich die Gerichtsprotokolle, die Enqueten über die Pogrome an Ort und Stelle usw. Einblick zu tun, wird den Wert der im Buche gegebenen Darstellung zu würdigen wissen. Das sind wirkliche Bausteine für eine Geschichte der russischen Juden während dieses stürmischen Jahrzehnts. Hatte der erste Teil den Fehler, den alle zeitgenössische Geschichtsschreibung hat (ich erinnere z. B. an die „Histoire de dix ans" von Louis Blanc), den Fehler des Nichthinausgewachsenseins, so ist der zweite Band ein wirklich wertvolles historisches Dokument, eine getreue Chronik 2*