Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Schluß möchte ich nur Hoofien kontra Hoofien das Wort geben: 1. „Ich habe den festen Glauben, daß, wer heute noch kein Greis ist, den Tag noch erleben wird, an dem er eine Polizze bei der ersten jüdischen Lebensversicherung abschließen kann." 2. Die Frage, ob nicht der ganze Plan schon dadurch undurchführbar ist, daß die einschlägige Gesetzgebung in fast allen Ländern . . . wodurch die Sache schon nicht einmal zu einem Anfang kommen würde usw. . . . Man sieht, S. Hoofien kann so, er kann aber auch anders! . . 11. Die Entgegnung des Herrn Dr. Leszynsky In dankenswerter, überaus sachlicher Weise hat dagegen Herr Dr. Leszynsky, der sicher über eine Kenntnis des Versicherungswesens verfügt, sich über die Sachlage ausgesprochen und schwerwiegende Bedenken geäußert. Es ist mir zwar vor wenigen Tagen zu Ohren gekommen, daß die seinerzeit eingesetzte Kommission betreffs Gründung einer Lebensversicherung zu einem andern Resultat kam, als Herr Dr. L. angibt, und daß lediglich ein 'rein äußeres Moment die Weiterarbeit der Kommission unterbrach. Nach Einsichtnahme der Akten wird es mir möglich sein, auf die Sachlage zurückzukommen. Herr Dr. Leszynsky meint in seinem Resümee, daß eine Gesellschaft nur in der Türkei arbeiten könne, wo aber das Bedürfnis nach einer solchen nicht groß sei Ich begrüße die Konzession, da die Idee durchführbar — wenn auch mit gewissen Einschränkungen — ist. Im Gegensatz zu Herrn Dr. L. halte ich aber, eine jüdische Versicherung (für Krankheit, Leben, Feuer, Getreide usw.) gerade für Palästina für äußerst notwendig. Die Existenz der zwei Banken hat damit nichts zu tun, Ihrer warten ganz andere Aufgaben. Die Bedenken des Herrn Dr. L. gegen die Versicherung, kann man gegen alles haben, wie: daß viele Versicherungen keinen großen Gewinn erzielen, daß das Geschäft zu Anfang vielleicht nicht groß sein wird usw. Mir genügt am Leszynsky'sehen Artikel der deutliche Vermerk, daß Herr Dr. L. die Durchführung der Idee wenn auch mit einigen Ausstellungen für die Türkei für gegeben hält.**) Seine Ausführungen betreffend Europa kann ich heute nur in kurzem streifen. Mir ist leider kein unbeschränkter Raum für die Diskussion freigestellt. Eine bekannte Bank hat uns für den Fall, daß wir eine jüdische Lebensversicherung gründen, die hauptsächlich in Galizien und der Bukowina zu arbeiten hätte, ihrer weitgehendsten Unterstützung versichert. Des weitern sind uns aus der Türkei Mitteilungen und Schreiben zugegangen, die einer dortigen Begründung das Wort reden. Ein bekannter jüdischer Nationalökonom hat sich des weitern äußerst günstig über das Projekt der jüdischen Lebensversicherung geäußert, ein großer jüdischer Verein, der seine Mitglieder gegen alle möglichen Zufälle versichert, hat dem Wunsche eines Zusammenarbeitens Ausdruck gegeben. Inwieweit die Tendenzen und das Vermögen des Vereins eine Beteiligung an unserer Sache zuläßt, wird die Zukunft ergeben. Inzwischen wird die Frage, wie die jüdische Lebensversicherung praktisch am besten ausgeführt wird, von andern Herren durchberaten, und es ist zu erwarten, daß der Presse Mitteilung über die Resultate zugehen wird. Wie ja in meinem Artikel schon ganz klipp und klar angedeutet war, wird mancher meiner Vorschläge eine Änderung erfahren. Ich glaube aber trotz all der sich widersprechenden Entgegnungen der Herren Dr. L. und S. H. erklären zu können, daß nach wie vor, die jüdische Lebensversicherung als das Geldinstitut zu bezeichnen ist, das das grandioseste Geld werk der Partei werden kann, das vermöge der in dem Artikel angeführten Umstände für die Partei und für unsere Palästinaarbeit von dem größten Nutzen werden dürfte. Die mir zugegangenen zahlreichen Zuschriften haben sich zum großen Teil dahin ausgesprochen, daß wir unsere Gelder nicht mehr in einer allgemeinen, sondern in einer jüdischen Gesellschaft anlegen möchten. Ein Herr T. aus Florenz z. B. hat mich freundlichst darauf aufmerksam gemacht, daß heute schon der N. F. sogar ein Rentengeschäft einem Herren C. B. in Wien gegenüber ausübt. Es ist heute kein Zweifel, die Frage der jüdischen Lebensversicherung als System ist anerkannt von vielen Zionisten, wie Zuschriften beweisen, anerkannt von Herrn Hoofien, der sie nur später gegründet haben will, und von Herrn Dr. Leszynsky, der **) Dr. L.: ., , . . Sie könnten also nur in der Türkei arbeiten. Ob es rentabel ist. zu den bestehenden zwei türkischen Gesellschaften noch eine dritte hinzuzufügen entzieht sich meiner Kenntnis. ... ' nur ihre Existenz für. keinen Nutzen für die palästinensischen i; Juden hält. Ich möchte überhaupt glauben, daß die Möglichkeit der Bel gründung allgemein in unsern Kreisen zugegeben wird. Nur der : Reservefonds II, den ich vorschlage, wird lebhaft bekämpft. Das kann uns nicht abhalten, weiter den Gedanken zu propagieren, die Gelder, die für Versicherungen dem jüdischen Volke verloren gehen, zu gewinnen; Ober die Form werden andere das letzte Wort ergreifen. Zittau i. Sachsen. Dr. Felix Theilhaber. * . * . * Zu dem ersten Teil der vorstehenden Erwiderung äußert sich Herr S. Hoofien wie folgt: Der Leser wird es mir nachempfinden, daß mein „Vergnügen" an einer Polemik mit Herrn Dr. Theilhaber durch die obigen Ausführungen meines geehrten Gegners nicht gerade gesteigert worden ist. Herr Dr. Theilhaber macht mir aber die Sache leicht, indem er den eigentlichen Gegenstand der Debatte sorgfältig umgeht und sich auf einige Bemerkungeu persönlicher Natur beschränkt, die sich mehr durch Schneidigkeit als durch Korrektheit auszeichnen. Auf Herrn Dr. Theilhabers Bitte, ihn nicht weiter zu beachten, kann ich nur erwidern, daß ich ihn durchaus nicht beachtet habe, und auch nicht beabsichtige, dies zu tun. Nur gegen einen Gedanken, den ich für verfehlt hielt, habe ich angekämpft und werde das auch weiter, wo und wann mir das geboten erscheint, tun. Meine sachliche Bemerkung über ein Verbrechen wird von Herrn Dr. Theilhaber zu einer persönlichen über einen Verbrecher, (als den er sich selbst präsentiert), umgemodelt, während er mir im Vorübergehen den, nach meinem Geschmack, etwas zu kräftigen Ausdruck „Idioten" unterschiebt, der, wie der Leser sich ohne iMühe wohl wird vorstellen können, aus dem Sprachschat* meines hochgeehrten Gegners stammt. Daß die beiden Aussprüche, die mein geehrter Gegner aus meinem vorigen Aufsatz zitiert und einander gegenüberstellt, nicht in so krassem Widerspruch stehen, wie Herr Dr. Theilhaber meint, wird jedem Leser wohl einleuchten. Bezog sich doch die positive Äußerung auf die später in dem palästinensischen jüdischen Gemeinwesen zu gründenden Versicherungsgesellschaft, die negative dagegen auf das von Herrn Dr. Theilhaber für heute geplante allgemeine Unternehmen. Überhaupt scheint mir mein geehrter Gegner in der Kunst des Zitierens nicht sehr, oder vielleicht allzu gewandt zu sein. So teilt er zum Beispiel mit, daß ich gleich zu Beginn von einem „unsinnigen Gedanken" spreche, vergißt aber dabei zu erwähnen, daß ich dies nur tat, um zu betonen, daß der Gedanke an sich gewiß nicht unsinnig ist! Ich möchte schließlich nur konstatieren, daß meine sachlichen Argumente sämtlich unbeantwortet geblieben sind. Der Pogrom Von Dr. A. Coralnik Zwei oder drei Tage nach der „Konstitution" in Rußland, saßen wir, ein rascher Hand aus den verschiedensten Städten Europas zusammengetrommeltes Komitee im Salon eines Berliner Hotels und — klagten und berieten, blaß vor Wut und verzweifeltem Schmerz. Denn die furchtbaren Pogrome waren ausgebrochen. Jüdisches Blut floß in Bächen über ganz Rußland. Namenlose Greuel wurde an unsern Brüdern und Schwestern verübt. Tage hindurch dauerte das Gemetzel und es war kein Ende abzusehen. Es war ein Ereignis, das sogar in der Reihe der jüdischen Leiden ohnegleichen stand. Wir haben in der Geschichte zwar von Judenmassakern gelesen, die nach oder während der großen französischen Revolution im Elsaß stattgefunden haben. Aber das war ja damals, und dann hatten diese „Pogrome" einen wirtschaftlichen Hintergrund, die Revolte des Bauern gegen den Feudalismus und alles was dazu gehört. Und die Juden waren doch so ein Inventarstück der feudalen Wirtschaft. Wir haben von den großen Judenmetzeleien im Jahre 1882 gelesen, die seltsamerweise mit der Geburt des aktiven Revolutionarismus zusammenfielen und sogar deren Folge waren. Die Agrarrevolutionäre von 1882 haben die Pogrome sogar teilweise gutgeheissen, als Symptome der Volkserregung und Vorboten der allgemeinen Revolte. Gewiß ein höchst wunderlicher, mit den humanitären Bestrebungen des Sozialismus unvereinbarer Standpunkt. Aber auch hier ließ sich das ewige Märchen anbringen — wirtschaftliche Motive, Explosion der gärenden Kräfte, Zusammenstoß zweier entgegengesetzter ökonomischer Prinzipien.