Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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können: Wenn auch nur selten Qras, so doch grüne Halmfrucht, Luzerne und Kleearten und während der Zeit der Dürre die Kürbisfrüchte, die das Vieh nach mir gemachten Angaben gern nimmt und gut verträgt. Alles gerechnet, dürfte man den Stall in Palästina noch um einige Wochen weniger aus den Speichern zu füttern haben als in Deutschland. Was nun die Preise anlangt, so ist es klar, daß die Produktion von frischer Milch quantita'iv ihre Grenze in der Aufnahmefähigkeit der wenigen volksschwachen Städte hat. Wenn die Einwanderung städtischer Elemente nicht stark zunimmt, so könnte man den Milchmarkt von Haifa durch Aufstellung von wenigen hundert Kühen in volle Deroute bringen. Aber das sind Erwägungen, die vorläufig nicht ins Gewicht fallen. Vorläufig stehen die Milchpreise überaus hoch und gewähren eine gerade zu glänzende Rentabilität. Der Milchpreis sinkt in Haifa fast nie unter 30 Centimes und erreicht in Monaten der Teuerung 50 bis 60 Centimes pro Liter. Da unsere Landwirte bei viel höhern Kosten für den teuren Boden, die schwereren Gebäude, die weit höhern Arbeitslöhne usw. bei einem Preise von 1 l^Pfennigengleich 13 Centimes pro Liter ab Stall, noch immer eine ausreichende Rentabilität erzielen, ist bei so hohen Marktpreisen für den ersten Betrieb der Milchproduktion in Palästina gewiß eine hohe Rentabilität sicher, wenn die Lage des Gutes nicht zu fern der Städte ist. Der in Aussicht genommene Punkt in der Ebene Jesreel, an einer Station der Bahn Haifa-Damaskus, kaum eine Stunde von Haifa, verspricht sogar für eine starke Milchproduktion einen zunächst enormen Produktionsgewinn. Sollte sich die Kolonisation weiter ausdehnen, so wird man allerdings mit so hohen Zahlen nicht mehr zu rechnen haben, aber auch nicht mehr zu rechnen brauchen. Einigermaßen wird der Markt ja steigen, da die städtische Bevölkerung durch Einwanderung rasch wächst, und da der Schiffsverkehr im Hafen mit einem starken Verbrauch von Milch täglich wächst und noch viel stärker werden wird, sobald die offene Reede in inen wirklichen Hafen verwandelt sein wird, was ja naher Aussicht steht. Dennoch wird man später daran mken müssen, statt frischer Milch, Milchprodukte, Butter \d Käse, herzustellen, für die in Ägypten ein unendcher Markt vorhanden ist. Heute beziehen die wohlhabenderen Familien vielfach Mailänder Butter in sterilisierten Dosen zu sehr hohen Preisen. Damit wird zu konkurrieren sein, und es wird eine der Aufgaben der Versuchsanstalt sein, die Bedingungen herauszuprobieren, unter denen in diesem warmen Lande prima Qualitätsbutter erzeugt werden kann. Selbst wenn auf diese Weise später — wie gesagt für den ersten Versuch verheißt die Viehproduktion eine glänzende Rentabilität — nur mit einem mäßigen Ertrag des Kuhstalles zu rechnen sein sollte, so wird dennoch die Viehproduktion bis zu der ihr gesteckten Grenze getrieben werden können, um die Grundlage aller rationellen Wirtschaft, die Erhaltung der Bodenstatik durch Düngung, zu legen und zu erhalten. Der Boden ist seit Jahrhunderten systematisch ausgeraubt. Der Araber düngt grundsätzlich nicht, und zwar nicht nur aus Indolenz und Unkenntnis, sondern in logischer Konsequenz des unheilvollen Bodeneigentums, das hier besteht. Die Dorfgemarküng wird alle zwei Jahre neu unter die Berechtigten aufgeteilt: natürlich düngt niemand einen Boden, auf dem im nächsten .j Jahre wahrscheinlich nicht er, sondern irgend ein anderer, i;i vielleicht.sein Feind, ernten wird. Statt dessen wird der Dung zum Teil als Ersatz des in diesem holzarmen Lande mangelnden Brennholzes verbrannt, zum Teil zu wahren Bergen aufgeschüttet. Die deutschen Bauern in Sarona und Wilhelma haben solche Berge mit Genehmigung der Araber abgefahren und auf ihre Felder gebracht; man kann aber z. B. bei Ramleh und Nazareth große Hügel von vielleicht 20 bis 30 Meter Höhe sehen, wo der kostbare Stoff seit Jahrzehnten verrottet. Es spricht für die unerschöpfliche Güte des Bodens daß er bei einer so widersinnigen Bebauungsmethode überhaupt noch und gar nicht so wenig Früchte trägt. Nach dem Stand der Felder und den Aussagen der Sachverständigen dürfte der arabische Durchschnitt an Körnerfrüchten immer noch auf 16 bis 18 Zentner pro Hektar (8—9 Meterzentner) kommen: ein Ertrag, der geringer deutscher Bauernkultur entspricht, bei der aber, dank relativ starker Viehhaltung, der Boden leidliche Mengen von Dung erhält. Wo aber genügend Dünger hinkommt, tragen die Felder das Vielfache der arabischen Ernte. Da ist z. B. in Kinereth ein Gerstefeld, auf das Herr Beermann so viel Dung hatte bringen lassen, wie er zur Verfügung hatte. Die Grenze war wie mit dem Lineal gezogen. Und wir schätzten, daß der Körnerertrag des gedüngten Teiles wenigstens 2l/2 mal, wahrscheinlich über 3 mal so hoch sein würde, wie der des ungedüngten. Wie weit es möglich sein wird, den Stalldung durch künstlichen Dünger zu ergänzen, steht vorläufig dahin. Die Deutschen in Wilhelma machen jetzt auf Anregung ihres sehr tüchtigen Landwirtschaftslehrers Keller die ersten Versuche mit starker mineralischer Düngung, da sie jetzt keine arabischen Dünger mehr in erreichbarer Nähe finden. Sie haben, meiner Erinnerung nach, 5500 Zentner an Kalisalzen und Phosphaten bestellt, überzeugt durch Topfversuche, die Herr Keller angestellt hat, und die allerdings geradezu fabelhafte Resultate ergeben haben. Ein vollgedüngter Topf (bestehend aus der in Palästina als Universalgeiäß und Universalmaß dienenden Petroleum-Blechkanne) brachte einen Büschel Gerste mit nicht weniger als 156 Ähren, so daß ein Ertrag von über 1000 Körnern zu erwarten steht. Natürlich ist ein Topfversuch kein Beetversuch und dieser noch kein Feldversuch: immerhin kann man sagen, daß der Boden die Düngestoffe zu verarbeiten imstande ist. Die Versuchsanstalt wird hier eine der wichtigsten Aufgaben zu lösen haben, und es ist immerhin heute schon erlaubt zu hoffen, daß die Produktivität der Feldwirtschaft auch von dieser Seite her stark vermehrt werden kann. 1 In Summa, und darin stimmen alle Fachmänner, mit denen ich gesprochen habe, ohne Ausnahme iiberein, ist eine bedeutende Intensivierung und Rationalisierung der Landwirtschaft in Palästina gerade so gut möglich wie überall anders. Mit Rentabilitätsschätzungen möchte ich vorsichtig sein dürfen. Immerhin darf ich sagen, daß nach einigen Stichproben, die ich anstellen konnte, und nach Erkundigungen, die ich bei Sachverständigen einzog, die Rentabilität der „araboiden Kultur" der jüdischen Bauern mit etwa 6% des Gesamtwertes anzunehmen ist, nachdem man vom Ertrage ihren Lohn in der landesüblichenMeisthöhe bereits abgesetzt hat. DieSchätzungen geben dahin, daß bei rationeller Kultur, auch ohne den genossenschaftlichen Betrieb, der noch einmal eine bedeu-