Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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598 DIEMKE LT No. 25 Bericht über meine Studienreise in Palästina Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin I. Zwei Fragen waren es hauptsächlich, die sich mir als Vorbedingung für eine erfolgreiche Aktion in Palästina stellten. Erstens: Eignet sich das Land technisch für intensive, rationelle Kultur? Zweitens: Eignet sich der jüdische Arbeiter, wie er sich jetzt in Palästina findet, physisch und vor allen Dingen psychisch für einen genossenschaftlichen Betrieb? Ich schicke meiner Auseinandersetzung voraus, daß ich glaube, beide Fragen unbedingt bejahend beantworten zu können. 1. Die landwirtschaftlich-technische Frage. Die landwirtschaftliche Technik in Palästina schwankt zwischen den beiden möglichen Extremen. Die Pomi- Kultur, wie sie namentlich Judäa beherrscht, steht auf dem höchsten denkbaren Gipfel der Kapitalsintensität und teilweise der Arbeitsintensität. In den Orangegärten z. ß. sind durchschnittlich 10 bis 12000 Frcs. auf den Hektar investiert; das Produkt ist eine höchst gezüchtete Frucht, die teils wegen ihrer frühen Ernte, teils wegen ihres ungewöhnlichen Wohlgeschmacks auf dem Weltmarkt der Apfelsinen die erste Stellung einnimmt und die höchsten Preise erzielt. Trotz der hohen Kosten der Bewässerung und Bearbeitung und der hohen Zinsen und Abschreibungen rentieren sich Baumgärten nach der Aussage aller Sachverständigen, die ich befragt habe, bei mittlem Preisen mit zwischen 12 und 15°/o. Auf der andern Seite steht die Agrikultur, wie sie namentlich die jüdischen Kolonien in Galiläa beherrscht, fast auf der tiefsten Stufe der Kapitals- und Arbeitsintensität und der rationellen Technik. Die galiläischen Bauern haben im Verhältnis zu der bedeutenden Größe ihrer Grundstücke (25—35 ha durchschnittlich) ein sehr geringes Kapital an Geld, Geräten und Gespannen. Und die Technik läßt überaus viel zu wünschen übrig. Man kann den Landwirt in drei Qualifikationsstufen gliedern: den Landarbeiter, den Bauern und den rationellen modernen Landwirt. Der Landarbeiter ist vollkommen, wenn er mit ausreichender Kraft*und Ausdauer die mechanischen Arbeiten seines Gewerbes beherrscht; der Bauer muß schon kalkulieren und disponieren können und auf Grund leiblicher Empirie die Bedingungen des Wachstums der Tiere und Pflanzen kennen; der rationelle Landwirt schließlich muß sie wissenschaftlich beherrschen. Dergaliläische Bauer mag in seiner Masse auf der Höhe eines tüchtigen Landarbeiters, einige vielleicht etwas darüber stehen: aber er ist noch nicht einmal Bauer, geschweige denn rationeller Landwirt. Er wirtschaftet technisch kaum anders als der Araber, abgesehen von der Verwendung einiger etwas besserer europäischer Ackergeräte. Vor allem hat er noch nicht begriffen, daß das Schwergewicht aller Bauernwirtschaft auf die Viehzucht verlegt werden muß, und zwar aus vielen Gründen: erstens ist der kapitalstarke Großbetrieb dem Bauernbetrieb in der Getreideproduktion wahrscheinlich dauernd überlegen; zweitens werden immer wieder neue frische Gebiete dem Getreide- und Weltmarkt angeschlossen, die, von gelernten ausgewanderten europäischen und amerikanischen Bauern bearbeitet, eine Zeitlang bei extensivster Kultur ohne Düngung sehr bedeutende Ernten liefern. Damit kann der schon relativ teure und seit Jahrhunderten ausgeraubte palästinische Boden nicht rentabel konkurrieren. Auf der andern Seite ist der Großbetrieb bekanntlich in der Zucht von Tieren aller Art: Pferden, Rindern, Geflügel, mit dem Bauernbetrieb nicht konkurrenzfähig, weil die Sorgfalt und Liebe, die die Tierpflege erfordert, von Tagelöhnern nicht erreicht werden kann.. Darum muß die palästinische Bauernwirtschaft schon aus diesem Grunde mehr auf Viehzucht gestellt werden und muß es vor allem deshalb, weil der erschöpfte Boden nur der Düngung bedarf, um unverhältnismäßig größere Ernten bei sonst gleichen Kosten zu bringen. Dem weitverbreiteten Glauben, daß die Juden keine Viehzucht treiben könnten, muß durch die erfolgreiche Tat der Boden abgegraben werden. Wenn es gestattet ist, hier einen Scherz anzuführen, den ich bei einem meiner Vorträge in Palästina machte, so mag es richtig sein, daß die Antisemiten Rindsvieh sind, aber es scheint doch unglaublich, daß das Rindsvieh antisemitisch ist. Die Viehzucht der deutschen Bauern in den palästinischen Kolonien beweist, daß das Land durchaus dazu fähig ist: in die Molkerei zu Sarona sind im Jahre 1909 von rund 120 Kühen 170000 Liter Milch abgeliefert worden, so daß unter Einrechnung desstarken Hausverbrauchs auf die Kuh etwa 1400 bis 1500 Liter Milchertrag zu rechnen sind. Der beste Stall von 8 Kühen lieferte pro Kuh 1698 Liter ab, der Hausverbrauch ist auf 4 Liter täglich zu schätzen, so daß der Ertrag pro Kuh noch einmal um 180 Liter vermehrt werden muß und der Gesamtertrag sich auf 1850 bis 1900 Liter stellt. Ein Rohertrag, der durchaus als Basis für eine sehr respektable Rentabilität gelten kann, da es sich nicht um eine Abmelkstelle handelt, sondern um die ganz gewöhnliche Milchwirtschaft von Bauern, die ihre Kälber selbst aufziehen. Um Milchwirischaft mit Erfolg treiben zu können, braucht man erstens ausreichendes Futter und zweitens genügende Preise für die Milchprodukte bzw. für die Zuchtprodukte. Was die Futterfrage anlangt, die von den meisten Kennern des Landes als das am schwersten wiegende Argument gegeneinerationelle Viehzuchtgeltend gemacht wurde, so ergibt eine nähere Betrachtung sofort, daß diese Befürchtungen wenig Grund haben. Man sagt mit Recht, daß zwischen Frühling- und Herbstregen das Land dürre Steppe ist und kein Futter hervorbringt. Das ist unzweifelhaft richtig. Aber es bedeutet im Verhältnis zum Norden nur eine Verschiebung der unfruchtbaren Jahreszeit vom Winter auf den Sommer. Auch bei uns bringt der Boden viele Monate kein Futter hervor. In Norddeutschland schneidet man das erste Futter (Johannisroggen mit Vicia villosa resp. Luzerne) selten früher als den 10. Mai und kann von da an bis höchstens Mitte November, wenn nicht vorher Fröste eintreten, das Vieh mit Kleefutter unterhalten. Im allgemeinen rechnet man in Norddeutschland bei Einteilung der Winterfutterrationen stets 200 Wintertage und nur 165 Sommer-, d.h. Grünfutter, resp. Weidetage. In Palästina aber schneidet man, wie mir gesagtwurde, die erste grüne Halmfrucht bereits Mitte Januar und dürfte von da bis in den Herbst hinein bei richtiger Disposition immer Futtermittel vom Felde hereinnehmen