Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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590 DIE3 „Das Aktienkapital wurde im. Jahre 1902 auf Mk. 800 000 erhöht, im Jahre 1905 aber infolge von Verlusten, die das Institut damals in Jerusalem erlitten hat, auf Mk. 600 000 herabgesetzt" und ferner: „Wie weit durch den Anschluß an die Handelsvereinigung das Institut seinem ursprünglichen Zweck, als Vermittlungsstelle für den Verkehr mit Palästina und der Levante zu dienen, entfremdet wurde und seine Mittel für die deutschen Unternehmungen der Handelsvereinigung verwendet, läßt sich von außen nicht beurteilen. Jedenfalls scheint das in stärkerem Maße der Fall zu sein; so wurde erst dieser Tage gemeldet daß sich die Deutsche Palästina-Bank die Majorität der Kuxe der Gewerkschaft Alwine gesichert habe." Wahrscheinlich waren diese Tatsachen Herrn Trietsch nicht bekannt, möglicherweise betrachtet er dieselben etwa als Details nebensächlicher Natur. Ich möchte indessen diesem Amateur in Finanz-Politik empfehlen, seine nächsten Bank-Artikel doch erst der Verwaltung der betreffenden Gesellschaft zur Prüfung vorzulegen, damit wenigstens die allergrößten Oberflächlichkeits- Fehler vermieden werden. Zu bedauern ist es, daß solche Artikel als Angriffsmaterial gegen die Verwaltung der Anglo Palestine Company dienen müssen. Man hat auf dem letzten Kongresse gesehen, wiegern manche Laien auf diesen Leim gehen. Die Leser sollten aber bedenken, daß, wo die Basis des Aufsatzes sich als untauglich herausstellt, der Schlußfolgerung auch nicht der geringste Wert, beizumessen ist." Herr Trietsch hat bis heute keine Antwort gefunden. Brief aus England Das Emigrantenheim in London Die Regierung hat eine weitere Konzession an die hiesige jüdische Gemeinde in bezug auf die Einwanderer gemacht. Wie bekannt, hat Mr. Winston Churchill, der Minister des Innern, dem Jewish Board of Guardians die Errichtung eines Emigrantenhauses im Hafen von London versprochen. In seinem jüngsten Briefe an Mr. D. L. Alexander, den Präsidenten des Jewish Board of Deputies, teilt Mr. Churchill ferner mit, daß die Regierung beschlossen habe, den Emigranten das Recht zu gewähren, einen Rechtsanwalt zu engagieren, der ihre Sache vertreten soll im Falle ihrer Zurückweisung. Diese weitere Emendation der Alienbills nimmt diesem schändlichen Gesetze seine ganze Schärfe. Bis jetzt geberdete sich die Kommission, die von der Regierung zur Prüfung der Einwanderer eingesetzt wurde, wie eine Art Inquisitionsgericht. Sie war herzlos, und dachte sich unfehlbar und schloß sogar in der ersten Zeit die Presse von ihren Sitzungen aus. Der arme Immigrant, der kaum auf ihre Sympathien rechnen durfte, wurde kurzum und ohne das Recht zu haben, an eine höhere Instanz zu appellieren, zurückgewiesen. Durch die neue Konzession ist diese Ungerechtigkeit unmöglich gemacht worden. Wie der Minister mitteilt, wird der Immigrant die Kosten des Verteidigers usw. selbst tragen müssen, aber das kommt wenig in Betracht, da die Gemeinde wohl einen beständigen Anwalt zu diesem Zwecke anstellen wird. Gewalttaten der katholischen Mission Ein hochinteressanter Prozeß kam dieser Tage vor dem Lord Chief Justice of England zur Verhandlung. Der Prozeß, der an den Mortara-Fall erinnert, hat eine sehr interessante Vorgeschichte. Louis Friedland, ein litauischer Jude, der vor fünf Jahren nach England herübergekommen und nun mit seinen wohlhabenden Kindern in Whitechapel lebt, wohnte vor 20 Jahren in einem Dorfe bei Kowno. Als er eines Tages von einer Geschäftsreise heimkehrte, fand er sein Haus zerstört und seine junge Tochter verschwunden. Er erfuhr nachher, daß sie sich bei einem Bauer in einem benachbarten Dorfe aufhielt; er kam aber nie dazu, sie zu sehen, da die Bauern ihm mit dem Tode drohten, falls er es täte. Das junge Mädchen wurde gezwungen, zum Katholizismus überzutreten und sich mit dem Bauer Minelga zu verheiraten, dem sie fünf Mädchen und einen Knaben gebar. Friedland scheint in den letzten Jahren in brieflichem Verkehr mit seiner Tochter gestanden zu haben, die er, nachdem er sich in London niedergelassen hatte, überredete, ihn mit ihrer Familie hier aufzusuchen, was ihm auch gelang. Im Juni 1909 verließ die Familie Rußland auf ihrem Wege nach England. In Königsberg angelangt, verhinderte die preußische Polizej ihre Fahrt, da zwei Kinder augenkrank waren. Der Bauer £ELT No. 24 kehrte darauf mit drei Kindern nach Rußland zurück. Die Frau erkrankte inzwischen und starb nach einiger Zeit in Königsberg infolge einer mißglückten Operation. Der Hilfsvereinderdeutschen Juden nahm sich der Waisen an und beförderte sie nach England, wo sie im Hause ihrer Verwandten die freundlichste Aufnahme gefunden haben und jüdisch erzogen wurden. Der Vater kümmerte sich nicht mehr um die Kinder, die er auch nicht imstande wäre, zu erziehen, da er ein armer Hirt ist. Im Hause der Friedlandschen Familie war ein katholisches Dienstmädchen, das die Vorgeschichte der Kinder erfahren zu haben scheint, Sie meldete dies bald einem katholischen Priester, der einen litauischen Amtsgenossen namens Mutalaitis aufsuchte, und ihn beauftragte, die Kinder zu besuchen. Daletzterm der Eintritt in das Haus verboten wurde annoncierte er in einer litauischen Zeitung, diein Kowno erscheint, für die Adresse des Vaters der Kinder .Minelga, der auf die Annonce erwiderte, wurde bald überredet, die Auslieferung der Kinder zu verlangen, wozu er dem katholischen Priester eine Vollmacht zukommen ließ. Re^v. Mutalaitis ging auch bald ans Werk und brachte die Angelegenheit vor den obern Gerichtshof. Als Anwalt der Kinder fungierte der bekannte jüdische Gelehrte und Rechtsanwalt H. S. Henriquez. Rührend war die Aussage des ältesten Mädchens, das jetzt 15 Jahre alt ist. Sie erklärte, daß der Vater sich nie um die Kinder kümmerte und die Mutter während ihrer Krankheit im Stich gelassen hatte. Sie erklärte auch, daß die Mutter stets als Jüdin gelebt und sie vor ihrem Tode aufgefordert hat, zusammen mit den übrigen Kindern zum Judentum zurückzukehren. Sie fühle sich glücklich als Jüdin und wolle in keinem Falle Katholikin werden. Die schriftliche Aussage des Vaters lautete, daß die verstorbene Frau mit ihm ein Liebesverhältnis noch lange vor ihrer Hochzeit hatte, was von Henriquez widerlegt wurde. Der Richter entschied für den Vater und erklärte, er sehe wohl ein, daß die Affäre von einer mächtigen katholischen Organisation geleitet werde; da aber die Kinder minderjährig sind und ihre Taufscheine vorliegen, müsse er im Sinne des Gesetzes handeln und dem Vater sein Recht geben. Es stehe aber den Kindern frei, jüdisch zu werden, wenn sie mündig werden. Die Kinder weinten bitterlich, als sie gezwungen wurden, von Friedland und seiner Familie Abschied zu nehmen, und es dauerte lange, bis es gelang, sie zu überreden, den Gerichtshof in Begleitung des Priesters und seines Rechtsanwalts zu verlassen. Weiter wird uns gemeldet: Inzwischen wird diese Affäre immer interessanter. Ihrer Gestalt nach nimmt sie immer mehr die Form eines spannenden Romans an, und das Interesse, das sie erweckt und noch späterhin zu erwecken scheint, erhebt sie über die gewöhnlichen Ereignisse des Tages und räumt ihr einen Platz in der jüdischen Geschichte ein. Casiiniera Minelga, das fünfzehnjährige älteste Mädchen der unglücklichen Tochter Friedlands und des armen lithauischen Hirten Minelga, der zum Spielzeug in den Händen der katholischen Priestersippe geworden ist, erwies sich als eine Heldin, der ein würdiger Platz unter den berühmten Frauen Israels gebührt. Die drei Kinder wurden nach der Entscheidung des Gerichts in das Haus des lithauischen katholischen Priesters gebracht. Die Kinder weinten jämmerlich, und das älteste Mädchen drohte, Selbstmord zu begehen. Der Pater, der mehr um die Seele des armen Mädchens besorgt war, kümmerte sich wenig um diese Drohungen. Nach kurzer Zeit schien das Mädchen ruhiger, als ob es sich in sein Schicksal ergeben hätte. Eines Tages, als der Priester nicht zu Hause war, ersuchte das Kind die Haushälterin, mit ihm auf den Markt zu gehen, um etwas zu kaufen. Als sie auf dem jüdischen Markt in Hesselstreet angelangt waren, rief das Mädchen, das gut jüdisch sprechen kann, plötzlich laut aus: „Juden, rettet eine jüdische Seele von katholischer Hand!" Es entstand bald ein Gedränge, und Casimiera verschwand. Wo sie sich augenblicklich aufhält, ist natürlich unbekannt. Ein Gerücht zirkuliert, das sie schon auf dem Wege nach Palästina sei; es ist aber klar, daß man derartigen Gerüchten nicht glauben darf. Die Polizei hat jetzt ihre Hände voll, das Kind ausfindig zu machen, was ihr hoffentlich nicht gelingen wird. Wenn es gelingen soüte, das Mädchen noch ein Jahr zu verbergen, bis es mündig wird, wird dieses Heldenmädchen dem Judentum erhalten bleiben. Als der Priester Mutalaitis von der Flucht des Mädchens erfuhr,, begab er sich bald zum Chief Rabbi, der ihm erklärte, sich nicht in diese Angelegenheit mengen zu wollen. Er begab sich darauf in Begleitung des russischen Konsuls zum Dajan Hyansson, dem der Konsul erklärt haben soll, er werde alles aufbieten, um. das Mädchen ausfindig zu machen. In der hiesigen Judenheit herrscht große Aufregung, und die Presse forderte die Gemeinde auf, die Angelegenheit vor das House of Lords zu bringen. Wenn die Gemeinde darauf eingeht, werden die Katholiken sicherlich die An-