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Die Welt · 1910-06-17 · 24 (17.6.1910) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nun schüttet der Verteidiger aus-seinem Säckchen auf die rechte Wagschale die Guttaten — und sie duften wie Lotos und leuchten lauter wie die Sterne des Himmels. Wenn aber der Ankläger aus seinem schmierigen Säckchen die Übeltaten auf die Wagschale zur Linken ausgießt — euch sei es nicht beschieden, das mitanzusehen — da verdunkeln sie das Qold der Schale, denn sie sind schwarz wie Kohle; und ihr Geruch gleicht dem von Pech und Schwefel. Das arme Seelchen steht dabei und schaut zu in banger Verwunderung; im Leben war es ihr nie bewußt worden, daß der Gegensatz zwischen „Gut" und „Schlecht" so groß sei; da hat sie beide oft nicht unterscheiden können und das eine für das andre gehalten. . . . Und die Wagschalen erzittern und geraten in Bewegung, schwingen auf und nieder, und das Zünglein in der Mitte wird unruhig, neigt sich ein wenig nach rechts, neigt sich ein wenig nach links, um Haaresbreite nur, nicht mit jähem Ausschlag. ... Er war eben ein einfacher Jude, er, dessen Leben da gewogen wird, ohne große Lästergedanken, aber auch ohne hohe Gottesheiligung; klein sind seine Guttaten, klein seine Obeltaten, sie sind kaum mit freiem Auge zu ersehen... Und wenn nun das Zünglein sich nur ein wenig nach rechts neigt, da hört man im weiten Raum ein Rauschen der Freude und ein Raunen der Befriedigung; neigt es sich aber ein wenig linkswärts, da entringt sich der ganzen Welt dort oben ein trauriges Seufzen und dringt bis zum Throne der Herrlichkeit. . . . Die beiden Engel aber schütten abwechselnd mit feierlichem Ernst nach und nach den Inhalt der Säckchen aus, ein Stäubchen um das andere und ein Körnchen nach dem andern, wie wenn ehrsame Familienväter bei der Lizitation um die vornehmsten Thoraabschnitte einander groschenweise überbieten. Endlich sind die beiden Säckchen leer — auch einen Brunnen kann man nach und nach ausschöpfen. „Fertig?" fragt der Gerichtsdiener, natürlich auch ein Engel wie die andern Mitglieder des Gerichts. Der gute Trieb und der böse Trieb drehen die Säckchen von innen nach außen; nichts ist mehr zu finden. Da geht der Gerichtsdiener zur Wage hin und sieht nach, wie sich das Zünglein eingestellt hat, ob es nach rechts oder links geneigt ist. Und er schaut, schaut noch und wieder, und er sieht, was er noch nie gesehen, seit Himmel und Erde erschaffen wurden. „Was gibt es denn, daß du so lange säumst?" fragt der Vorsitzende des Gerichtshofes. Und der Diener stammelt: „Das — das Zünglein steht — steht genau in der Mitte! Die Sünden wiegen genau so viel wie die Guttaten!'4 „Ganz genau?" tönt es vom Richtertische her. „Sieh nochmals nach!" Und der Gerichtsdiener sieht nochmals und bringt die Antwort: „Auf ein Haar!" Der Richter überlegt eine Zeitlang und fällt dann folgendes Urteil: „Wenn die Sünden nicht mehr wiegen als die Guttaten, so ist die Seele nicht der Hölle verfallen; anderseits aber — überwiegen die Guttaten nicht die Übeltaten, so kann man der Seele nicht die Tore des himmlischen Paradieses öffnen. Daher sei diese Seele eine irrende. Sie schwebe und flattere zwischen Himmel und Erde, bis Gott sich ihrer erinnert und erbarmt und sie in seiner unermeßlichen Gnade zu sich ruft." — Und der Diener führt die also gerichtete Seele aus der Halle. Und die arme Seele beklagt ihr Los mit bittern Worten und vielen Tränen. „Warum weinst du denn so?" fragt der Diener. „Wenn du auch nicht die Freuden des Himmelseden kennen wirst, so bleiben dir doch wenigstens die Qualen der Hölle erspart. Also sei nicht traurig!" Doch dieser Trost verfängt bei der Seele nicht: „Lieber das größte Leid als gar nichts! Das Nichts ist so schrecklich!" Da faßt den Diener des Gerichts Erbarmen mit der Seele, und er gibt ihr einen Rat: „Fliege, Seelchen, fliege fort und halte dich nahe der belebten Erde. Blick nicht zum Himmel empor; was siehst du denn auf der Erdenseite des Himmels? Nichts als Sterne! Sie spenden wohl Licht, doch ihr Licht ist kalt. Kaltherzige Geschöpfe Gottes sind sie, die kein Erbarmen kennen. Sie werden sich nicht für dich verwenden, sie werden Gott nicht an dich erinnern. . . . Für eine arme, irrende Seele mühen sich bei Gottes Thron nur die Zaddikim im Himmelseden; doch die — hör', du armes Seelchen, und versteh' mich wohl — die lieben Geschenke. Das ist so — du weißt es ja — die Art der jetzigen Zaddikim. So flattere, Seelchen, nahe der lebenden Welt umher und sieh gut zu, wie man dort lebt und was dort vorgeht. Und ersiehst du etwas, was das Ideal des Schönen und Guten ist, das nimm an dich und fliege damit zum Himmel empor; es sei ein Geschenk für die Zaddikim im Himmelseden.... Mit diesem Geschenke melde dich beim Pförtner des himmlischen Paradieses und sage ihm, ich hätte dich geheißen, so zu tun. . . . Wenn du nun drei solcher Geschenke gebracht hast, so werden sich dir sicher die Tore des Himmelseden öffnen, man wird sich schon darum bemühen; denn vor dem Throne der Gottesherrlichkeit liebt man nicht so sehr die, welche schon mit den höchsten Gaben der Heiligkeit geboren sind, wie die, welche immer höher streben und sich emporringen. . . Mit diesen Worten drängt der Engel die irrende Seele-sanft aus dem Reiche des Himmels hinaus. II. Das erste Geschenk. So flattert die arme Seele rastlos umher in den Niederungen, nahe der belebten Erde und sucht unablässig nach Geschenken für die .Zaddikim im Himmelseden; sie fliegt dahin über Dörfer und Städte, sie durchspäht die verborgensten Siedlungen; sie fliegt dahin allezeit durch die Glutstrahlen der Sommersonne, durch die langen Regenbänder, welche zur Erde fallen, durch die zarten Seidenfäden, welche der Spätsommer in den Lüften zieht und durch den Schneeflockenreigen, der im Winter in der Luft wirbelt, bis er ermattet auf dem Erdboden niedersinkt . . . und immer, immer lugt die Seele und späht nach Geschenken. Wo sie einen Juden erblickt, fliegt sie hastig hinzu und sieht ihm ins Auge, ob er nicht gerade jetzt die große Gottesheiligung vollführt Wo ein nächtliches Licht in einem Fenster aufblitzt, dorthin eilt die Irrende und späht durch einen Spalt: vielleicht erblüht in stiller Stube die große Gottesliebe — heimliche Guttaten. Vergebens! . . . Oft flattert sie gar eilends fort von dem Fenster und bedeckt ihr Auge in bebendem Schreck. . . . Monde und Jahre vergehen, und resignierte Trauer

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