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Die Welt · 1910-06-17 · 24 (17.6.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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584 DIEl^EELT No. 24 sie ihren Aufgaben in wachsendem Maße gerecht werden will. Das Grundübel, mit dem dabei zu kämpfen ist, besteht vor allem in dem Umstand, daß alle Macht und jede Verfügung über die Gelder der Institution in den Händen einiger an sich gewiß schätzenswerter Herren in Paris liegt, die das Ganze nach ihrem subjektiven Ermessen leiten und jeden Wunsch Dritter, auch der eigenen Mitglieder, nach einer Änderung ihrer Verwaltungsmaximen als eine verwerfliche Einmischung in ihre Rechte ansehen. Gestützt auf die Millionen der Ica und die Erträgnisse ihrer Stiftlingskapitalien, sind sie tatsächlich die Herren der Alliance, auch wenn sie sich selbst nur als deren erste Diener ansehen, und so übt Paris eine Art von aufgeklärter Despotie aus. Gewiß glauben die Herren, daß man die Geschäfte anders nicht führen könne, und es ist eigentlich sehr verständlich, daß das Alter mit seiner reichen Erfahrung glaubt, den Kernpunkt der Dinge besser zu überschauen, als jüngere, die abweichender Ansicht sind. Aber wie die Jugend das Alter ehren soll, so ist dieses verpflichtet, sich nicht eigensinnig zu verschließen und den Trägern jüngerer Ideen den Einfluß nicht zu versagen. Wir wollen heute nur auf zwei besonders dringliche Forderungen hinweisen. In einer Zeit rein religiöser Auffassung des Judentums war der französische Charakter der Alliance vielleicht notwendig. Die Alliance verbreitete im Orient französische Sprache und Kultur, und die französische Regierung nahm sich dafür der bedrängten Juden des Ostens an. Auch heute noch kann das Französische in den Allianceschulen nicht völlig entbehrt werden, aber der Unterricht sollte zum mindesten im türkischen Orient in hebräischer Sprache erteilt werden. Von der Notwendigkeit dieser Forderung hat sich die Allianceleitung bisher nicht überzeugen lassen. Sie meint, daß das Französische für die Kinder ihrer Schulen die einzige Möglichkeit bilde, sich außerhalb ihres Geburtslandes weiter zu helfen, wenn sie in diesem sich nicht zu ernähren vermögen. Die Ansicht findet in den Tatsachen keine Stütze. Wenn die Zöglinge der Ackerbauschule von Mikweh Israel auswandern, so gehen sie schwerlich nach Paris, sondern nach Argentinien, Südafrika, den Vereinigten Staaten, Kanada. Das Französische ist dort für sie völlig wertlos; allenfalls könnten sie das Englische oder Spanische gebrauchen. Wir stehen aber überhaupt auf dem Standpunkt, daß man Kindern, die man für einen bestimmten Beruf heranbildet, auch die Möglichkeit geben muß, ihn in ihrem Geburtslande auszuüben, sonst erzieht man zur Heimatlosigkeit. Wenn die Alliance, die so nahe mit der Ica liiert ist, nach dieser Richtung einen Willen zeigte, so wäre es leicht genug, die Zöglinge z. B. von Mikweh Israel in Palästina anzusiedeln. An Raum fehlt es doch nicht, und diese gut ausgebildeten Kolonisten könnten vorbildlich wirken. Was aber die Schüler der Schulen in Jerusalem, Tiberias, Haifa, Safed, den Kolonien angeht, so ist es wahrlich nicht notwendig, ihnen die Auswanderung nach französisch sprechenden Ländern irgendwie zu erleichtern. Die Alliance sagt nun allerdings, daß in diesen Schulen das Hauptgewicht auf Deutsch, Englisch oder Hebräisch gelegt werde (vgl. den Bericht von 1908 S. 45). Es ist aber völlig unklar, weshalb diese Systemlosigkeit herrscht. In den Schulen eines Landes, in dem schon heute die jüdischen Einwohner fast ausschließlich die Kulturfaktoren bilden, muß die hebräische Sprache auch den Kern des Unterrichts bilden. Denn sie allein erzielt unter den Kindern der Einwanderer vieler Länder Einheitsgefühl, brüderliches Empfinden und Liebe zum Lande. Daneben mag man eine europäische Sprache lehren, wo es nötig erscheint. Darum muß das Hebräische für die jüngere Generation die Unterrichts- und Umgangssprache werden, während es heute nur eincLehrgegenstand ist. Sagt doch der Bericht (a. a. O. S. 26): „In einigen Kindergärten lernen sie (die Kinder) außer Französisch auch Hebräisch sprechen." Dazu kommt noch, daß die Alliance gegenüber den Schulen der Zionisten und des Hilfsvereins in das Hintertreffen, gerät, wenn sie nicht einsieht, mit welcher Begeisterung die Eltern ihre Kinder in die hebräisch unterrichtenden Anstalten senden. Ohne die innerlichen Sympathien der Bevölkerung aber verfehlt das bestgeleitete Schulwerk seinen Zweck. Die Alliance hat in der letzten Zeit unstreitig nach dieser Richtung hin Verbesserungen getroffen; sie reichen aber bei weitem nicht aus, um durchaus mäßigen Wünschen zu genügen. Wir hoffen, daß der Einfluß, den die deutsche Konferenzgemeinschaft mit ihrer mehr als die Hälfte aller Mitglieder der Alliance umfassenden Organisation auszuüben vermag, hier ein segensreicher sein wird. Möge sie unter der Leitung Timendorfers erstarken und die ihr zukommende Autorität geltend machen im Sinne einer modernen und dem* Empfinden der jüdischen Gesamtheit angepaßten Wirkungsweise der Alliance. Möge sie auch — und das ist unser zweiter Wunsch — erzielen, daß man sich in Paris nicht mehr ängstlich von den Bestrebungen fernhält, die eine Zusammenarbeit aller großen jüdischen Organisationen zu erzielen suchen. Möge die Konferenzgemeinschaft ein Mittler sein zum Frieden und zur Vereinigung aller Kräfte im Dienste unseres armen, leidenden Volkes. Sollen doch alle Juden füreinander bürgen! In diesem Sinne und in dieser Hoffnung bringen wir der Alliance unsern Glückwunsch dar. A. F. f□□□□□□ lV. FEUILLETON =S\ □ □□□□□ II O __JJ r% DREI GESCHENKE Von J. L. Perez Die Wage des Gerichts. Vor vielen, vielen Jahren starb irgendwo ein Jude. Als er gestorben war, — auch damals lebten die Menschen nicht ewig,. — ging es mit ihm nach altem Brauch, er wurde begraben, wie es sich für einen Juden gehört: man kleidet ihn ins Totenlinnen ein, spricht die Gebete, der Sohn sagt Kaddisch . . . und dann entschwebt die Seele himmelwärts, um gerichtet zu werden, zum obersten höchsten Gerichte. Wenn sie dort oben ankommt, steht schon die goldene Wage bereit, auf welcher die Guttaten und die Übeltaten gegeneinander abgewogen werden. . . . Und es erscheint der Verteidiger, der ehemalige gute Trieb des Verstorbenen; in der Hand hält er ein Säckchen, weiß wie Schnee, und stellt sich bei der rechten Wagschale auf . . . Zur linken Wagschale aber tritt der Ankläger hin, der frühere böse Trieb der Seele, der sie verleitete, zu fehlen; ein schmutzig-graues Säckchen sieht aus seiner Hand hervor. ... In dem weißen, reinen Sack eben sind die Guttaten der Seele eingeschlossen, in dem dunklen, schmutzigen — ihre Übeltaten.

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