Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 24 DIE^ELT 583 schriftlichen Ausfertigung der Entscheidung die Berufung an das Aktionskomitee als Ehrengerichtshof frei. Das Aktionskomitee entscheidet endgültig. Bei 4er Entscheidung des Aktionskomitees sind Mitglieder des Ehrengerichts, die bei der angefochtenen Entscheidung mitgewirkt haben, und der hierbei tätig gewesene Kongreßanwalt nicht stimmberechtigt. § 56. Die Mitglieder des Kongreßgerichts sind verpflichtet, im Falle des § 54 eine Untersuchung einzuleiten und ein Urteil zu fällen. Die Interessen der zionistischen Organisation werden hierbei vom Kongreßanwalt wahrgenommen, welcher sowohl auf Antrag des Ehrengerichts als auch von Amts wegen zur Erhebung einer Anklage berechtigt ist. Der Kongreßanwalt, sowie für den Fall der Behinderung desselben ein Stellvertreter, werden vom Kongreß aus den Mitgliedern der zionistischen Organisation gewählt. § 57. Mitglieder des Kongreßgerichts und der Kongreßanwalt sowie deren Stellvertreter können während ihrer Amtsperiode durch einen mit Dreiviertel-Majorität gefaßten Beschluß des Aktionskomitees abgesetzt werden. r VIII. Statutenänderung § 58. Eine Abänderung dieses Statuts kann nur vom Kongreß beschlossen werden. Die §§ 1, und 58 können nur in der Weise abgeändert werden, daß auf zwei aufeinanderfolgenden ordentlichen Kongressen die Änderung mit Dreiviertel-Majorität der zum Kongreß erschienenen Delegierten beschlossen wird. IX. Schlußbestimmung § 59. Dieses Statut tritt sofort mit seiner Annahme in Kraft. Am gleichen Tage tritt das vom VIII. Zionistenkongreß beschlossene Organisationsstatut außer Kraft. Das Jubiläum der Alliance israelite universelle Die allgemeine Feier des 50jährigen Bestehens der Alliance ist infolge des leidenden Gesundheitszustandes ihres greisen Präsidenten verschoben worden, aber das Jubiläum an sich ist nicht verschiebbar. Fünfzig Jahre der Tätigkeit einer Gesellschaft sind dahingerauscht, die bestimmt ist: „Überall an der Emanzipation und dem sittlichen Fortschritt der Israeliten zu arbeiten, denen wirksam Beistand zu leisten, die in ihrer Eigenschaft als Israeliten leiden, jede zu diesem Zwecke dienende Publikation zu unterstützen." Wenn der Einzelmensch das 50. Jahr überschreitet, so pflegt er Rückblick zu halten über das Erreichte, über die Richtung, die sein Schicksal genommen, nachzudenken über die Aufgaben, die er auf Grund der gewonnenen sichern Grundlagen seiner Existenz noch zu lösen vermag. Nicht anders steht es mit einer großen, gefestigten Organisation. Auch für sie muß ein Jubiläum 50jährigen Bestehens eine innere Einkehr bedeuten, und wenn sich ihre Leiter in berechtigtem Stolz vieler schöner Erfolge freuen, wenn sie Glückwünsche aus aller Welt empfangen, die wir ihnen als Frucht redlicher Arbeit im Dienste der jüdischen Gesamtheit herzlich gönnen, so werden sie doch auch bedenken müssen, wie sie zweckdienlich die Kräfte ihrer Organisation den Anforderungen der Zukunft anpassen. Die reifen Mannesjahre geben ja nicht nur ein Anrecht auf Ehren, sie bringen auch eine verdoppelte Pflicht zum nützlichen Schaffen. Im Jahre 1860 erließen Aristide Astruc, Isidore Cahen, Jules -arvallo, Narcisse Leven, Eugene Manuel und Charles Netter einen Aufruf an alle Israeliten, „die zerstreut über alle Enden der Erde •nd unter die Nationen gemischt von Herzen der Religion der äter anhangen", zu gemeinsamen Handeln, zur Verteidigung der "lesten und einfachsten der spiritualistischen Religionen, zum Schutz Gewissensfreiheit, zur Eroberung von Menschenwürde und '"irgerwürde, zur Besserung der Entarteten, zum Schutze der Verfolgten an allen Enden der Welt, zur Vereinigung aller lebendigen Kräfte des Judentums, klein an Zahl, groß durch die Liebe und den Willen für das Gute. Der Aufruf schließt mit den Worten: „Wenn Ihr alles dies glaubt, Israeliten der ganzen Welt, dann kommet, vernehmet unsern Aufruf, gewähret uns Euere Zustimmung, Euere Mithilfe! Das Werk ist groß und vielleicht gesegnet! Wir gründen die Alliance Israelite universelle." Als Wahlspruch aber erkor man sich: „Alle Juden bürgen füreinander." Ist dieser stolze Satz, ist das Programm der Alliance zur Tat geworden? Seit Adolphe Crämieux nach L. J. Königs wart er die Leitung der Alliance übernahm, hat sie eine reiche Tätigkeit in allen Ländern entfaltet, in denen Juden leiden. Niemand darf verkennen, welch segensvolle Wirksamkeit die Alliance ausgeübt hat, wenn es galt, Verfolgungen abzuwehren, Schäden zu bessern, Tränen zu trocknen. Wir, die wir mit der Alliance, insbesondere mit der frühern Leitung der deutschen Konferenzgemeinschaft manchen Strauß wegen ihrer politischen Richtung ausgefochten haben, wollen das heute besonders hervorheben, weil wir es für die erste sittliche Pflicht redlich strebender Männer halten, das von andern geschaffene Gute anzuerkennen. Wir wollen das um so eher, als dies gute Beispiel vielleicht endlich einen Widerhall in andern Lagern findet. In Nordafrika und Rußland, Marokko und Persien hat die Alliance blutigen Verfolgungen vorgebeugt, sich der Entrechteten, an den Bettelstab Gebrachten angenommen und ihren zeitweisen großen Einfluß dazu verwendet, das politische Los der Stammesgenossen zu verbessern. Ihrem Betreiben war es zu danken, daß der Berliner Kongreß die Emanzipation der rumänischen Juden forderte, und es ist nicht das Verschulden der Alliance, wenn Rumänien, das sich in tragikomischer Anmaßung für einen Kulturstaat erklärt, seine feierlich eingegangenen Verpflichtungen mißachtet. Es ist die Schuld der Regierungen, die den dreisten Vertragsbruch des halbasiatischen Donaustaates ungerügt ließen, die Schuld jüdischer Finanziers, die den kleinen Gernegroß in seinen Geldnöten über Wasser hielten. Hätten sie nicht den Wahlspruch der Alliance mit „alle Millionäre bürgen füreinander" übersetzt, so würden heute 300 000 Juden der Moldauländer ein geachtetes und sorgenfreies Dasein führen können. Auch für die wissenschaftliche jüdische Forschung hat die Alliance manches geleistet, aber ihre Hauptarbeit hat auf dem Gebiet der Jugenderziehung gelegen. Die erste Schule wurde 1862 in Tetuan gegründet. Im Jahre 1890 bestanden 54 Schulen mit 11 500 Zöglingen. Von 1895 an nimmt das Schulwerk der Alliance großen Umfang an, und im Jahre 1908 bestanden bereits 142 Schulen mit 41 000 Schülern, deren Zahl seitdem noch um einige Tausend gewachsen ist. Den Unterricht erteilten 1250 Lehrer, von denen die Alliance 282 ausgebildet hat. Dementsprechend sind die Aufwendungen der Gesellschaft gewachsen. Während die Ausgaben für Schulen im Jahre 1885 620 000 Frcs. betrugen, zu denen die Alliance 200 000 Frcs. beisteuerte, verausgabte sie 1908 für Schul zwecke 2 000 000 Frcs., wovon die Gemeinden 975 000 Frcs. trugen. Natürlich sind diese großen Zuschüsse nur zum Teil aus laufenden Einnahmen der Alliance bestritten worden. Die Beiträge der 40 000 Mitglieder ergeben nur etwa 210 000Frcs. jährlich. Die Alliance verfügt aber über große Stiftungsvermögen aus der Erbschaft des Barons Hirsch, erhält erhebliche Zuwendungen von der Jewish Colonisation Association, und der Vorstand der Anglo Jewish Association beteiligt sich an der Arbeit der Alliance, indem er eine Anzahl von Schulen der letztern subventioniert. Auch der Landwirtschaft hat die Alliance ihr Augenmerk zugewendet. Charles Netter ist der Begründer der Ackerbauschule von Mikweh Israel bei Jaffa, die etwa 85 Schüler zählt. Etwas geringer ist die Schülerzahl von Dgedeida in Tunis. Ist so äußerlich das Werk der Alliance ein umfassendes und anerkennenswertes, so darf man sich doch nicht verhehlen, daß vieles in der Verwaltung der Alliance geändert werden muß, wenn 2*