Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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russischen-Regierung verübten Greueln. In der Erkenntnis, daß moralische Vorstellungen diesem Lande gegenüber versagen, fordert sie die jüdischen Großfinanziers, diejenigen, deren Stamm im Judentum wurzelt, und endlich alle gerecht und moralisch denkenden Menschen auf, der russischen Regierung jede finanzielle Unterstützung zu versagen, solange nicht den Juden die Menschenrechte gewährt werden." Die imposante Protestkundgebung hinterließ einen t!efen, nachhaltigen Eindruck. Bayerischer Gemeindetag Donnerstag den 2. d. M. fand in Nürnberg eine Versammlung des bayerischen „Gemeindetags" statt. Die allzuliberalen Forderungen der meisten Gemeindevertreter veranlaßten die. drei Rabbiner, die in dem Ausschuß waren, ihr Amt niederzulegen. Da nun die Rabbiner gegen die Heranziehung der Ersatzmänner protestierten, mußte die Vereinigung der bayerischen Gemeinden (Gemeindebund) sich auflösen. Die neuen jüdischen Abgeordneten in Ungarn Bei den jüngsten Wahlen ins ungarische Abgeordnetenhaus wurden folgende 11 jüdische Abgeordnete gewählt: Dr. Samuel Bakonyi (Debreczen), Baron Julius Beck de Madaras (Mezö-Käszony), Dr. Philipp Darvai (Szäszsebes), Franz Heltai (Okländ), Dr. Alexander Nagy (Nagy-Ida), Dr. Siegmund Nemes (Facset), Dr. Alexander Petö( Budapest III), Ignatz Rosenberg (Hätszegi, Dr. Julius Rosenberg (Abrudbänya), Paul Sändor (Budapest V) und Dr. Wilhelm Väzsonyi (Budapest V). Dem vorigen ungarischen Abgeordnetenhause gehörten 24 jüdische Mitglieder an, so daß die Zahl der Juden im neuen Parlament nicht einmal die Hälfte der früheren jüdischen Abgeordneten erreicht hat. Die ungarischen Juden haben jedoch gar keine Veranlassung, dieses Wahlresultat zu beklagen, da sämtliche bisherigen jüdischen Abgeordneten es stets abgelehnt haben, für jüdische Interessen einzutreten. So oft Juden und Judentum im ungarischen Abgeordnetenhause angegriffen und beschimpft wurden, gaben sich die jüdischen Volksvertreter „nicht zu erkennen", und wenn zuweilen doch eine Ab wehr derartiger antisemitischer Angriffe erfolgte, so ging sie stets von nichtjüdischer Seite aus. Im übrigen gehören von den gewählten jüdischen Abgeordneten 8 der Regierungspartei und einer der Justh-Fraktion an, während die restlichen zwei Juden (Petö und Väzsonyi) die „Demokratenpartei" bilden, deren Anhängerschaft sich fast ausschließlich aus Juden zusammensetzt. (Eine der sinnigen „Umschreibungen" des Namens Jude bildet daher in Ungarn die Bezeichnung „geborene Demokraten".) Das hygienische Institut in Palästina Der Berliner Kommission für das hygienische Institut in Haifa sind außer den bereits in der vor. Nr. der „Welt" erwähnten Zuschriften neuerdings noch von folgenden hervorragenden jüdischen Medizinern Deutschlands Zustimmungs- und Beitrittserklärungen zugegangen: Geheimer Obermedizinalrat Prof. Dr. Paul Ehrlich in Frankfurt a. M., Direktor des k. Instituts für experimentelle Therapie und des Georg Speyer-Hauses; Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Senator von der Berliner Universität; Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Wassermann, Abteilungsvorsteher im k. Institut für Infektionskrankheiten; Prof. Dr. James Israel, Direktor der äußern Abteilung des jüdischen Krankenhauses in Berlin; Prof. Dr. Strauß, Direktor der innern Abteilung am genannten Krankenhaus. Nähere Auskünfte über den Zweck des Instituts usw. erteilt Herr Dr. Hans Mühsam, Berlin W. 30, Maaßenstraße 11. Die Tätigkeit der hebräischen Kulturorganisation Das von der Konferenz für hebräische Sprache und Kultur, die im Dezember 1909 in Berlin tagte, gewählte Zentralkomitee, (dem u. a. Achad Haam, Ben-Jehuda, Dozent Dr. Baneth, Martin Buber, Rüben Brainin, Berthold Feiwel, S. Hurwitz, Jellin, Dr. Klausner, Rabb. Dr. Levy, Dr. Schmarjahu Lewin, Dr. Heinrich Loewe, Prof. Dr. Mittwoch, Leo Motzkin, Chacham Jacob Meir, Rabbiner Dr. Warschauer und Ussischkin angehören), entfaltet in der letzten Zeit eine rege Tätigkeit, die auf zwei Aufgaben gerichtet ist: den von der Konferenz beschlossenen Kongreß vorzubereiten und Ortsgruppen der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" in den verschiedenen Ländern ins Leben zu rufen. Die Vorbereitung des Kongresses ist so weit gediehen, daß er voraussichtlich bereits für den Spätsommer dieses Jahres wird einberufen werden können. Das deutsche Landeskomitee der hebräischen Organisation veraendet einen diesbezüglichen von Prof. ß. Mittwoch unterzeichneten Aufruf, den wir in nächster Nummer bringen werden. Bücherbesprechung Kayserling-Biach: Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur. Leipzig, Gustav Engel, 1909. Zu den vielen Mängeln, dje unsern Religionsunterricht an den Mittelschulen beinahe ganz erfolglos machen, gehört nicht in letzter Reihe der Mangel an guten Lehrbüchern für die jüdische Geschichte. Da hilft der mündliche Vortrag des Lehrers, mag er noch so geschickt und tüchtig sein, gar nicht; denn der Mittelschüler 'kann nicht ohne Buch lernen, und von der Güte des Buches allein hängt es ab, wieviel oder wie wenig Kenntnis des Judentums die Mittelschüler in den knapp bemessenen Religipnsstunden sich aneignen. Besonders in den deutschen Schulen Österreichs ist es geradezu ein Jammer, zuzusehen, wie lästig es den Schülern wird, die jüdische Geschichte zu erlernen. Da war bis vor kurzem, besonders in Mähren, ein Buch von Brünner Pädagogen im Gebrauch, das an trockener Darstellung und unmethodijscher Anordnung des Stoffes in der pädagogischen Literatur schwerlich seinesgleichen finden wrürde. Überdies strotzte es von so krassen Unrichtigkeiten und so augenfälliger Ignoranz, daß es geradezu eine Sünde war, es der Jugend in die Hand zu geben. Glücklicherweise ist dieses Buch in einer Neuauflage von der österreichischen Statthalterei nicht approbiert worden. Und nun wäre man auf ein einziges Buch angewiesen, das des wohl tüchtigen Historikers M. Brann, das aber nicht jedem Lehrer zusagen kann, da es in pädagogischer Beziehung manches zu wünschen übrig laßt. Es dürfte daher mit Freuden zu begrüßen sein, daß ein altes bewährtes Buch in vorzüglicher Bearbeitung von der österreichischen Schulbehörde genehmigt worden ist. Dr. Adolf Biach hat gemeinsam mit Dr. Max Doctor das in Lehrerkreisen bekannte Lehrbuch Kayserlings neu bearbeitet, und mit einem Anhang: „Proben zur jüdischen Literatur" versehen, herausgegeben. Das Lehrbuch, das schon in seinen frühern (3.—7.) Ausgaben von einem Historiker wie Kayseiiing bearbeitet war, hat in der neuen Bearbeitung zahlreiche unleugbare Verbesserungen erfahren, und ich muß offen bekennen, daß ich nicht bloß als Referent die Vorzüge der Biach sehen Arbeit zu schätzen weiß, sondern auch als interessierter Lehrer an Mittelschulen dieses Buch zur Einführung für das nächste Schuljahr freudig empfohlen habe. Die Neuauflage des schon an und für sich vorzüglichen Buches, enthält in vielen Punkten zweckentsprechende Ergänzungen und Änderungen, die es zum allein brauchbaren, weil besten Lehrbuch machen. Aber, — wir Juden kennen leider keine ungemischte Freude, — leider ist mir so manches in dem Bestreben der neuen Bearbeiter ganz unverständlich. Ich verstehe wohl die Absicht der Verfasser, bei jeder passenden Gelegenheit bei den Schülern Patriotismus und Kaisertreue zu erwecken. Gewissenlos ist der Lehrer, der diese Pflicht verletzt oder auch nur zu erfüllen unterläßt. Aber ich verstehe nicht, was Patriotismus und Kaisertreue dagegen einzuwenden hätten, wenn es im Kapitel: „R. Johanan b. Sakai" (S. 45) beim Wortlaut der frühern Auflage geblieben wäre, wo es heißt: „Die Juden hatten aufgehört, eine selbständige politische Nation zu bilden."? Was veranlaßte eigentlich Herrn Professor Biach, diesen Satz, den er übrigens durch Unterstreichung besonders hervorhebt, abzuändern und zu schreiben: „Die Juden hatten aufgehört, eine eigene Nation zu sein"? Sind die nach Tausenden zählenden Juden, die meinen, zwar keine „politisch selbständige", wohl aber,, eine „eigene" Nation zu bilden, schlechtere Bürger als diejenigen, die es als ihre Pflicht erachten, in der Geschichte der neuesten Zeit der heranwachsenden Jugend zu verschweigen, daß die unglücklichen, von Pogromen gehetzten russischen Juden nicht allein nach Argentinien gingen (von denen, wie die Verfasser hinzufügen, viele zurückkehrten!), sondern auch nach Palästina strebten, wo bereits herrliches frisches Leben eniporgeblüht ist! Haben die Verfasser wirklich nur Kunde davon, daß die „Pogrom waisen" nach Amerika und Deutschland gebracht wurden, und nicht auch, daß für .die Kischenewer Waisen in Palästina eine eigene Erziehungsanstalt geschaffen wurde? Es ist mir ferner unverständlich, weshalb in einem Buche, das von Organisationen wie „Rabbinerverband in Böhmen" und ähnlichen erzählt, nicht mit einer Silbe einer so großartigen Weltorganisation wie die zionistische Erwähnung getan wird? Vielleicht gehört auch das zum „Patriotismus", daß man der Jugend von-der „schönen geistreichen Henriette Herz .. . Freundin der Mendelsohnschen Töchter" erzählt, in deren Hause Schleiermacher usw. verkehrten, während man es nicht am Platze findet, auf „jene bekannte Bewegung", die „sich an den Namen Theodor Herzl knüpft" einzugehen, die, wie die Autoren zugeben, „zur Darstellung jüdischen Lebens in Kunst und Literatur, wie zur Pflege der hebräischen Sprache beigetragen hat" und es auch nicht wagt „jene Bewegung" mit Namen zu bezeichnen? Ist es wirklich so gefährlich der Jugend das Wort „Zionismus" zu nennen? Aber das scheint ein müssiges Fragen