Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316429--53351-3347128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hubert Auhagen in Palästina Hubert Auhagen, der bekannte landwirtschaftliche Schriftsteller und Landwirt, der vor drei Jahren im Auftrage der deutschen Regierung Palästina und Syrien besuchte und unter den Publikationen des Kaiserlichen Auswärtigen Amtes in Berlin die gediegene Studie über die landwirtschaftlichen Verhältnisse Syriens und Palästina veröffentlicht hat, ist nun zum zweitenmal in Jaffa eingetroffen. Er beabsichtigt, in Palästina einige Zeit zu verweilen und hier einige agronomische Probleme, insbesondere den Einfluß des Taufalls auf einige palästinensische Kulturen zu studieren. Herr Auhagen will bei dieser Gelegenheit auch mit den Verhältnissen in den deutschen und'jüdischen Kolonien genau bekannt werden. Eine neue Zeitung Seit einiger Zeit erscheint in Jerusalem ein neues hebräisches Wochenblatt: „Moriah". Das Blatt vertritt eine gemäßigte orthodoxe Richtung-und wurde von einem großen Teil der Jerusalemer Judenheit gut aufgenommen. Grundsteinlegung zu einem großen Hospital in Jerusalem Am 25. Mai wurde in Jerusalem der Grundstein zu dem großen Hospital „Bikkur Cholim" gelegt. Zur Feier hatte sich ein großes Publikum eingefunden. Ansprachen hielten die Rabbiner Salomon und Berlin, der Bürgermeister von Jerusalem, der Vertreter des deutschen Konsuls, Direktor Ephraim Kohn u. a. Die Wahl des Waad Hair in Haifa. Vor kurzem fand in Haifa die Jahresversammlung der Mitglieder der aschkenasischen Gemeinde statt. Nach einer schwachen Verteidigung seitens der Anhänger des frühern Waad (Vorstands) wurden fast einstimmig die Kandidaten der Opposition gewählt, u. zw.: Dr. Auerbach, Kaisermann, Twersky, Lifschitz, Kaminitz. Als Stellvertreter wurden die Herren Hermann, Lewin und Zolotorow, als Kontrolleure die Herren Pewsner und Krol gewählt. Rußland Kuriosa aus der russischen Wohnrechtspraxis In Smolensk hat vor kurzem der Gouverneur die Polizei beauftragt, den Ärzten, welche Inhaber von privaten Heilanstalten sind, die schriftliche Verpflichtung abzunehmen, daß sie in ihre Heilanstalten keine Juden aufnehmen würden, die in Smolensk kein Wöhnrecht haben. Die mit der Erledigung dieses Geschäfts betrauten Polizeibeamten faßten in ihrem löblichen Diensteifer ihre Aufgabe etwas erweitert auf. Sie verlangten die bezüglichen schriftlichen Erklärungen auch von den Zahnärzten. Vergebens suchten diese den übereifrigen Hütern der öffentlichen Ordnung klar zu machen, daß die Verfügung des Gouverneurs sich nicht auf Zahnkliniken beziehen könne, da es ja hier keine bettlägerigen Kranken gebe und man doch den Zahnärzten nicht zutrauen könne, daß sie ihren annulierenden Patienten gegenüber Polizeifunktionen erfüllen und ihnen Ausweise über ihr Wohnrecht abverlangen sollten. — Die gestrengen Männer des Gesetzes, die aus Erfahrung wissen, daß auch übertriebener Diensteifer von der Obrigkeit sehr hoch eingeschätzt wird, beharrten auf ihrer Auffassung, und die geforderten schriftlichen Verpflichtungen wurden abgegeben. Wohnrechtsschikanen In Kischinew und Nikolajew führte die Unterrichtsbehörde ein merkwürdiges Novum ein. Sie verlangt nämlich von den jüdischen Examinanden eine offizielle Aufenthaltsbewilligung. Die Polizei verweigert jedoch die Ausstellung derartiger Aufenthaltsbewilligungen, da Kischinew und Nikolajew sich im Ansiedlungsrayon befinden, wo das Wohnrecht der Juden auch ohnehin unanfechtbar sei. So wird die jüdische Jugend durch hoffnungslose böswillige Dummheit russischer Pädagogen und Gesetzeshüter in eine ebenso fatale wie lächerliche Position versetzt. Frauenuniversität und Wohn recht Die Bestuschewsche Lehranstalt für Frauen in Petersburg ist nach achtjährigen Beratungen im Senat und in den übrigen Instanzen vom Reichsrat als Hochschule anerkannt worden. Dieser Beschluß hat für die jüdische Frage insofern Bedeutung, als nunmehr Frauen, welche diese Hochschule absolvieren, das allgemeine Wohnrecht in Rußland bekommen. Den Anlaß zu dieser schweren "Streitfrage .bot natürlich eine Jüdin, die auf Gruud ihres Diploms das Wohnbecht beansprucht hatte. Nach acht Jahren ist es ihr jetzt bewilligt worden. Zur Rechtslage der ausländischen Handelsreisenden jüdischen Glaubens Der regierende Senat hat erklärt, daß die in der russischen Gesetzessammlung, Band IX, § 828, Anm. 2, erwähnten ausländischen Handelsreisenden jüdischen Glaubens, denen die Erlaubnis für gewisse kommerzielle und industrielle Operationen gewährt wird, in allen Fällen, auch dort, wo die Art des Unternehmens zu einer niederen Kategorie des Gewerbes gezählt werden könnte, verpflichtet sind, einen Gewerbeschein erster Gilde zu lösen. NACHRICHTEN Eine Protestversammlung in Berlin gegen die russischen Judenverfolgungen Am 30. Mai veranstaltete die Berliner Zionistische Vereinigung im großen Saal des „Tiergartenhofs" eine von über 2000 Personen besuchte Protestversammlung gegen die jüngsten Judenverfolgungen in Rußland. Herr Dr. Wittkowski eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er es als eine moralische Pflicht und als ein Gebot des Kulturempfindens bezeichnete, gegen die russische Barbarei feierlich Protest zu erheben. Als erster Hauptredner schilderte dann Dr. Klee mit zitternder Stimme die grausamen Judenmißhandlungen der Zarenregierung, die selbst vor Kranken und Kindern nicht Halt mache. Das elementarste Menschenrecht werde in Rußland mit Füßen getreten. Einer solchen Regierung, welche die ihr gewährten finanziellen Mittel zur Unterdrückung von Millionen ihrer eigenen Untertanen verwende, dürfe man nicht einen Pfennig geben. Als Deutscher wüßte er, Redner, wohl, daß Deutschland an einem Bündnis mit Rußland interessiert sei; es dürfe jedoch keine Bundesgenossenschaft mit Zuchthäuslern, mit einer mörderischen, sich auf Blut und Unterdrückung stützenden Regierung gepflogen werden. Ein Bündnis sei nur möglich zwischen Frei-Deutschland und Frei- Rußland. Redner weist auf den Unterschied im Verhalten der öffentlichen Meinung Finnland gegenüber, das doch lange nicht so barbarisch und grausam verfolgt und mißhandelt wird wie die fünf Millionen russischen Juden und gegenüber den fortgesetzten Judenverfolgungen und Ausweisungen im Zarenreich. Nur die Schaffung einer gesicherten Heimstätte in Palästina, dem Lande ihrer Vorfahren, könne diesen Millionen Unglücklichen Rettung bringen. (Stürmischer Beifall.) Herr Lazarus Barth schildert darauf aus eigener Erfahrung das jammervolle Elend der jüdischen Emigranten. Die Auswanderung der Ostjuden habe erschreckende Dimensionen angenommen, die großen Immigrationsländer des Westens schließen immer mehr ihre Tore vor diesem Emigrationsstrom zu. Tausende werden zurückgewiesen/ Auch das Schicksal der zu Hause Verbliebenen sei ein trostloses. Den acht Millionen Ostjuden vermögen die zwei Millionen Westjuden keine dauernde Unterstützung zu gewähren. Es müsse daher ein Zustand geschaffen werden, da die ersteren keiner Unterstützung mehr bedürften. Das sei nur durch die Verwirklichung des zionistischen Ideals möglich. (Lebhafte Zustimmung.) Herr Dr. Heinrich Löwe meinte, die gegenwärtige Lage der Gesamtjudenheit unterscheiden sich im allgemeinen nicht von ihrer Situation im Mittelalter. Wie damals, so besitze auch jetzt nur ein kleinerer Teil derselben Menschenuud Bürgerrechte, während vier Fünftel des jüdischen Volkes völlig entrechtet seien. Ein Unterschied dabei bestehe nur darin, daß man im Mittelalter die Judenverfolgungen nicht in ein kulturelles Mäntelchen hüllte. Man werfe den Juden vor, sie seien ein Handelsvolk; sie trieben jedoch niemals Handel mit ihren Idealen. Manche Gelehrte meinten, die Arier verbreiteten Kultur und Menschenliebe, während die Semiten Religionsfanatiker seien. Und doch haben nicht diese die Kreuzzüge und die Inquisition veranstaltet. Die Russen verfolgen die Juden, die in Rußland noch vor den Ruriks gewohnt und in Südrußland eine reiche Kultur besessen hatten zur Zeit, da die Russen noch barbarischer waren als jetzt. (Langanhaltender Applaus.) Es gelangte folgende Resolution zur einstimmigen Annahme: „Die am 30. Mai 1910 im „Tiergartenhof" in Berlin tagende, von etwa 2000 Männern und Frauen besuchte Volksversammlung nimmt mit Abscheu Kenntnis von den gegen die Juden von der