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Die Welt · 1910-06-10 · 23 (10.6.1910) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 23 --DIE] sondern aus — Ungarn stammt und daß ."er nicht „geistliches Oberhaupt der schwedischen Judenheit", sondern nur erster Rabbiner der Stockholmer Gemeinde ist. Dies macht fürwahr die Propagandapredigten des Herrn Rabbiners für die Mischehe und seinen christianisierenden Konfirmariden Unterricht nicht besser. Gegenüber der Behauptung unseres Korrespondenten, „daß die schwedischen Juden unter den Auspizien eines derartigen Seelsorgers massenhaft dem Christentum zustreben", macJit-Herr Bonnier geltend, daß ihm während der ganzen Amtstätigkeit de» Herrn Prof. Klein nur drei Fälle von Übertritten in Stockholm bekannt seien, und daß Herr Prof. Klein in diesen drei Fällen sich eifrig bemüht habe, den Obertritt der Betreffenden zu verhindern. Allein abgesehen davon, daß Herr Bonnier nur von den ihm bekannten Fällen in Stockholm spricht, möchten wir hervorheben, daß unser Korrespondent wohl-in erster Reihe die zahlreichen Mischehen in Schweden im Auge hatte, die man mit Recht als ein Hinstreben zum Christentum bezeichnen muß, mag es auch einzelne Reformrabbin er geben, die dies in ihrer Verblendung nicht wahrhaben wollen. Über die Mischehen in Schweden und das Verhalten des Stockholmer Rabbiners zu denselben schweigt sich indessen Herr Bonnier in sehr beredter Weise aus. Auch über den Konfirmandenunterricht des Herrn Prof. Klein, in dem dieser nach der Behauptung unseres Korrespondenten spezifisch neutestarnentliche Anschauungen vorträgt, äußert sich Herr Bonnier nicht. Hingegen berichtet er uns, daß die Stockholmer Gemeinde für die ausländischen Kinder eine Talmud-Thora-Schule eingerichtet habe, deren Leiter auch den glaubenstreuesten Vätern seiner Schüler gerecht zu werden strebe. — Was den Vortrag des Herrn Prof. Klein über die Drewssche Theorie betrifft, so bezeichnet Herr Bonnier denselben als einen „Kiddusch-Haschem". Das ist schließlich Geschmackssache. Daß der Vortrag, wie er in seinen Grundzügen von unserm Korrespondenten und der schwedischen Presse wiedergegeben wurde, im Munde eines Rabbiners recht eigentümlich klingt, lassen wir uns trotzdem nicht nehmen, auch wenn es zutrifft, daß Prof. Klein, wie Herr Bonnier mitteilt, bei dieser Gelegenheit „der anwesenden großen Menge gebildeter Christen die tiefen Wahrheiten der jüdischen Religion klar und lichtvoll auseinandersetzte." Interessant ist übrigens in der Zuschrift des Herrn Bonnier noch folgende Mitteilung über die Rechtsverhältnisse der eingewanderten Juden in Schweden: „Nach den schwedischen Gesetzen können nur schwedische Mitbürger Mitglieder der schwedischen jüdischen Gemeinden werden; alle übrigen hier sich aufhaltenden Juden haben offiziell mit unsern Gemeinden nichts zu tun. Sie müssen .sich bei den amtlichen christlichen Pastorenexpeditionen anmelden, um das Recht zu erhalten, hier wohnen zu dürfen. Nur Konfirmationen, Heiraten und Todesfälle sowie Beerdigungen — die natürlich auf unsern Friedhöfen geschehen —, werden in unsern Gemeindebüchern verzeichnet und von uns an die betreffenden offiziellen Pastorenexpeditionen darüber Rapport abgegeben Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Eine neue jüd. Knabenschule in Konstantinopel Ein prächtiges Werk ist mit dem durch ein Ica-Anlehen bewerkstelligten Bau der neuen Knabenschule vollendet worden. Unter genialer Ausnutzung eines etwas knappen, aber höchst günstig gelegenen Terrains ist in hygienischer und pädagogischer Beziehung Mustergültiges vom Architekten, einem hiesigen Juden, geleistet. Hinter dem nicht allzu geräumigen, nach der Straße hin abschließenden Hofe erhebt sich das scheinbar vierstöckige, nach hinten aber sechs Etagen darbietende Gebäude, in solidem Material ausgeführt, Licht und Luft in ausgiebigstem Maße bietend. Die beiden Souterrains mit ihrem eigenen nach hinten gelegenen Hofe sind einer der Schule als Unterbau dienenden Talrnud-Thora gewidmet, die auch eine eigene große Küche und eigenen Speisesaal mit einschließt. Die nächsten drei Etagen umfassen die wundervoll geräumigen Klassen der eigentlichen Schule, acht an der Zahl, Speisesaal, Bibliothekzimmer usw., während ganz oben sich die Direktorialwohnung anschließt. Gedeckte Hallen an den Hauseingängen auf der Hofseite bieten Schutz gegen ungünstiges Wetter., Eine schöne, nach den Angaben und Plänen des jüdischen Turnvereins „Maccabi" konstruierte Turnhalle wird auch die körperliche Ausbildung der Jugend fördern können. Alle Details des Baues sind sorgfältigst ausgeführt und in bestem Sinne modern. Das Ganze, inklusive Kindergarten und Talmud Thora, bietet für 800 Kinder ^ELT 567 Raum; die Kosten des Baues und des Terrains beliefen sich auf 200 000 Frcs. Die Lage mit der Aussicht aus fast allen Klassen auf den Bosporus ist eine wundervolle. Man kann nur wünschen, mehr und mehr solcher Musterschulen hier entstehen zu sehen. Hoffentlich werden tm die pädagogischen Leistungen der neuen Gründung mit dem Äußern den Vergleich aushalten können. Liga für Ottomanisierung der Juden Sonderbare Gewächse sprießen auf dem Boden der türkischen Konstitution empor. Eine Liga für Ottomanisierung! Ein geradezu schändlicher Name. Als ob die Juden innerhalb der Grenzen des ottomanischen Reiches nicht immer schon ottomanisch gewesen wären. Als ob gerade sie einzig aus allen andern Nationalitäten des Reiches die Erziehung zum Ottomanentum nötig hätten. Der Name ist aber eigentlich, wenn nicht eine Täuschung, so ein Irrtum. Liga für Türkisierung wäre richtig gewesen. Denn um die Umprägung von Nationaljuden in Nationaltürken handelt es sich, um. nichts anderes. Eine Assimilationsmaschine modernsten Kalibers. Denn die Liga hat zum Zweck: die türkische Sprache unter den Juden zu verbreiten, die jüdischen Kinder den türkischen Schulen zuzuführen, jüdischen Studenten den Besuch höherer türkischer Schulen zu sichern, das Türkische nach besten Methoden in den jüdischen Schulen unterrichten zu lassen, und endlich, bei den offiziellen Behörden zugunsten der Juden zu intervenieren. Man sieht: die reinste Missionstätigkeit ins Nationalpolitische übersetzt, nur mit dem Unterschiede, daß hier die Missionäre sämtlich aus der Mitte der Juden selber kommen. Wir müssen in dieser Gründung eine große Gefahr für unsere Brüder in der Türkei erblicken. Sie muß einmal den Verdacht der vaterlandslosen Gesinnung auf alle diejenigen Juden werfen, die sich nicht aus Juden in Türken umtaufen lassen wollen, und sie öffnet breit das Tor aus dem Judentum, auch in religiöser Beziehung hinaus. Die türkischen Schulen sind genau so und noch viel mehr echt mohammedanisch, wie die europäischen Staatsschulen christlich; die Kinder ihnen zuführen, das heißt, sie dem Zwiespalt zwischen Haus und Schule ausliefern, der das Goluselend der westeuropäischen jüdischen Jugend ausmacht. Will man ihnen die Kenntnis der Staatssprache vermitteln, ä la bonne heure, das ist auch an jüdischen Schulen erreichbar, sofern nur die Alliance und die Gemeinden ihre Pflicht tun. Aber das Ende der jüdischen Schule vorbereiten, wie in Preußen, das ist etwas äußerst Verhängnisvolles. Das ganze Programm, von Juden verfaßt, ausschließlich der Türkisierung gewidmet, hat etwas unausgesprochen Judentumsfeindliches an sich. Und doch ist nicht Türkisch gegen Jüdisch, sondern Türkisch und Jüdisch das einzige Heil der ottomanischen Juden. Das Einwanderungsgesetz Das Gesetz über die Einwanderung, das für den Fortgang der jüd.- nationalen Bestrebungen überaus bedeutungsvoll werden kann, soll dem Vernehmen nach noch in dieser.Session das Parlament beschäftigen. Es verlautet, daß die jüdischen Deputierten entschlossen seien, für die Freiheit der unbeschränkten Einwanderung der Juden energisch einzutreten. Doch dürfte die Entscheidung über das Gesetzesprojekt erst nach den parlamentarischen Ferien fallen. Gegen die Einwanderung nach Mazedonien Jeder Tag bestätigt, wie recht wir mit unsern Warnungen vor Einwanderungsprojekten für Mazedonien hatten. Vor einigen Tagen kam im Parlamente ein Kredit für die Ansiedlung von Muhadschirs in Mazedonien zur Votierung. Vorerst muß bemerkt werden, daß in diesem Titel mit keiner Silbe auch jüdischer Einwanderer gedacht ist; ausdrücklich sind mohammedanische Ansiedler als Objekte dieser Staatsfürsorge bezeichnet, obwohl Dr. Nasim Bey immer von mohammedanisch-jüdischer Besiedlung gesprochen hatte. Gegen die Bewilligung dieses Kredites wurde von griechischer und bulgarischer Seite mit Erbitterung gekämpft, was freilich seine Annahme nicht verhindern konnte. Draußen in mazedonischen Landen aber agitiert die Partei des Bulgarenchefs Sandowsky mit allen Mitteln gegen die Ansiedlungssache. Die Partei hat jüngst einen Kongreß in Salonik abgehalten und folgende Resolution auf Grund genauer Besprechung der Sachlage gefaßt: Der Kongreß verurteilt die rein islamitische Politik der Regierung, deren Folgen für das Land verhängnisvoll werden, er fordert die endgültige und sofortige Unterdrückung des Muhadschirsystems. Der Kongreß protestiert gegen die Finanzgebarung des Parlamentes und fordert, daß für diese und ähnliche Zwecke kein Geld mehr ausgegeben werde.

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