Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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meinsamer Zug: beide sind wenig«£ekannt und viel verkannt. Während aller der Talmud wenigstens in Gelehrtenkreisen seine Pfleger hat, wird die Poesie auch von diesen ungebührlich vernachlässigt. Wohl hat sie bald wohlwollende und liebevolle Beurteiler, bald strenge und unerbittliche Kritiker, aber nur wenige lesen sie, nur wenige machen sie zum Gegenstände wissenschaftlicher Forschung, und nur wenige besitzen das nötige Maß von gründlicher Kenntnis, nachschaffender Gestaltungskraft, warmem Interesse und starkem Willen, sie in ihrer ganzen Schönheit und Erhabenheit weiteren Kreisen vorzuführen. Einer dieser wenigen ist Joseph P^tai, der jüngst unter dem Titel „Heber "költok" („Hebräische Dichter") den ersten statt, liehen Band einer reichhaltigen Anthologie in ungarischer Sprache erscheinen ließ (Budapest, Isr.-Ungar. .Literaturgesellschaft, 1910; 382 S. 8°). Der vorliegende Band enthält in chronologischer Aufeinanderfolge Übersetzungen ausgewählter Poesien der hervorragendsten neuhebräischen Dichter von Kalir bis M. Ch. Luzzatto; der zweite Band soll die Keine fortsetzen und abschließen, von den „Meassefim" bis Ch. N. Bialik und S. Tschernichowski. Einleitend gibt der Verfasser eine geschickt angelegte, wenn auch nicht ganz einwandfreie Übersicht über die geschichtliche Entwicklung der neuhebräischen Poesie bis zum XVIII. Jahrhundert, unter Berücksichtigung der Hauptströmungen, die sich in ihr geltend gemacht, und der oft starken Einflüsse, die fremde Literaturen auf ihren Inhalt und ihre Form geübt haben; zum Schluß folgen Quellenangaben und verschiedene literarische Bemerkungen. Die Auswahl selbst verrät Geschmack und Verständnis; es sind die herrlichsten Schöpfungen der neuhebräischen Muse, die uns da geboten werden. Die Übersetzung ist vortrefflich und läßt die Größe der Dichter auch den erkennen, der das Original nicht lesen kann. Die Größe der Dichter und die des -— Übersetzers, der sie so ausgezeichnet zu vermitteln versteht. Patai ist selbst ein Dichter von klangvollem Namen. Darum kann er nicht allein dem Gedankengange der Originale bis in die feinsten Feinheiten folgen, darum kann er auch den Dichtern voll und ganz nachfühlen; darum hat er immer das rechte Wort, um die Empfindungen gleichgestimmter Herzen wiederzugeben; darum gelingt es ihm in so vollendeter Weise, ungesucht und ungezwungen die dem Inhalt entsprechende Form zu finden, die Harmonie zwischen innerm Gehalt und äußerer Gestalt herzustellen. Das Werk Patais bildet die erste systematisch angelegte und geordnete und in sich geschlossene Anthologie; seine Übersetzungen gehören zu dem Besten, was die Übersetzungsliteratur bis heute auf diesem Gebiete hervorgebracht hat. Ein. deutscher Übersetzer von Bedeutung ist der neuhebräischen Poesie seit* 8. Heller nicht entstanden. Wir haben einige Talente, diese wenden sich aber mit Vorliebe der Jargon- Poesie zu, um aus dieser versunkenen Welt ungeahnte Schätze zu lieben. Von den jüngsten Erscheinungen auf diesem Gebiete liegt mir vor: „Gedichte von Morris Rosenfeld, in Nachdichtungen von Friedrich Thieberger, mit einer Einführung von Friedrich . Adler". Seitdem . L. Wiener die „Songs from the Ghetto" herausgegeben hat, ist Morris Rosenfeld modern. Er hat eine große Schar von Übersetzern gefunden; viele von ihnen haben sich mit Erfolg bemüht, ihm ganz gerecht zu werden, aber nur wenigen ist esso wie dem auch den Lesern der „Welt** bekannten jungen Prager Dichter gelungen, sein Denken und Fühlen, sein Klagen und Sehnen zu verdolmetschen. Die „Nachbildungen" Thiebergers — unverfälschte Rosenfeldsche Poesie in deutschem Gewände — bilden eine genußreiche Lektüre und wecken den Wunsch, daß der Übersetzer sein Können und seine Kraft auch andern jüdischen Dichtern widmen möge. . Die Rosenfeld - Thiebergerschen Gedichte erschienen als Nr. 101 der von R. Brandeis in Prag herausgegebenen „ Jüdischen Universalbibliothek". Die „Jüdische Universalbibliothek" ist ein großangelegtes literarisches Unternehmen, das geeignet erscheiut, die jüdisch-kulturelle Entwicklung der breiten Massen sehr wohltuend zn beeinflussen und kräftig zu fördern, jüdisches Gefühl zu wecken und zu nähren, die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur zu verbreiten, das Interesse an den Vorgängen innerhalb des Judentums und an den großen Fragen, die unser Volk bewegen, zu beleben und rege zu erhalten, die Namen jüdischer Denker und Dichter, jüdischer Schriftsteller und Künstler alter und neuer Zeit populär zu machen — vorausgesetzt, daß die Redaktion, im Vollbewußtsein der großen und bedeutungsvollen Aufgabe, die sie sich gestellt hat, darauf bedacht sein wird, alle Zweige literarischen Schaffens in gleicher Weise zu berücksichtigen, aus der Fülle des vorhandenen und täglich neu entstehenden Materials nur das Beste und Zweckdienliche zu wählen und dem Volke nur gesunde geistige Nahrung zuzuführen. Ob das der Fall sein wird, muß die nächste Zukunft lehren. In den letzten Wochen sind zur Ausgabe gelangt: Nr. 95—96: Die Königsbraut, Roman von Karola Buchheim; Nr. 97: Die Schwestern, Erzählung von S. Gordon; Nr. 98—99: Rom und Jerusalem von M. Hess; Nr. 100: Ausgewählte Geschichten; und Skizzen von J. L. Perez, aus dem Jüdischen übersetzt von Mathias Acher. Der Preis eines jeden Bändchens beträgt 20 Pfennig. , . . Wiener Kunstbrief Von Dr. Oskar Rosenfeld Daraus, daß ein großer Teil der im Künstlerhaus ausgestellten Bilder von jüdischen Künstlern herrührt, läßt sich durchaus kein Schluß auf einen günstigen Nährboden für jüdische Kunst ziehen- Der Mangel an einer gesunden Tradition macht sich von Jahr zu Jahr intensiver fühlbar, und zu dem ängstlichen Suchen nach neuen stofflichen Gebieten tritt noch das Bemühen, den guten Ton durch die Kühnheit der eigenen Individualität ja nicht zu verletzen. Es wurde schon wiederholt betont, daß von einer geschlossenen nationalen Gruppe nicht gesprochen werden kann. Obwohl die Leitung des Wiener Künstlerhauses von Engherzigkeit in bezug auf die Wahl des Auszustellenden weit entfernt ist uncTWerke in alter, technisch und inhaltlich solider Manier sich die Nachbarschaft mit Impressionen neuesten Datums gefallen lassen müssen, bleibt den jüdischen Künstlern trotzdem nur jener Spielraum, den eine für die kaufenden Bürgermassen und für sammelnde Aristokraten bestimmte Ausstellung gewähren kann. Immerhin konnte man bei dem sorgfältig getroffenen Arrangement der verflossenen Herbstausstellung nicht umhin, dem trefflichen Jehudo Epstein, dessen künstlerische Entwicklung bereits in einer Monographie*) fixiert ist, einen Ehrenplatz anzuweisen. Diese Darstellung, welche beim Zeichnerischen beginnt und beim Historischen endet, vermag natürlich von Epsteins Physiognomie kaum ein Relief zu geben; es fehlen die an Schaffen so unendlich reichen letzten acht Jahre, in denen der Künstler sich auf sich selbst besonnen, sich selbst erst gefunden hat. Leider fehlt Epstein in der t diesjährigen Frühjahrsausstellung gänzlich; ich muß daher auf die Analyse seiner Werke verzichten und ihn bei einer andern Gelegenheit in eine — soweit es möglich *) JehudoEpstein. Monographie. Jüdischer Verlag G. m.b.H., Köln a. Rh.